Zweckentfremdete Spenden

Spendengelder in Millionenhöhe sind im Vatikan offenbar noch bis in das Pontifikat von Franziskus hinein zum Stopfen von Finanzlöchern zweckentfremdet worden. Das geht aus einem neuen Buch des Journalisten Gianluigi Nuzzi hervor.

Finanzen | Rom - 04.11.2015

Spendengelder in Millionenhöhe sind im Vatikan offenbar noch bis in das Pontifikat von Franziskus hinein zum Stopfen von Finanzlöchern zweckentfremdet worden. Das geht aus vertraulichen vatikanischen Unterlagen hervor, die der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi in seinem am Mittwoch in Rom vorgestellten Buch "Alles muss ans Licht" zitiert.

In einem von Nuzzi angeführten Dossier des vatikanischen Staatssekretariats vom 30. Januar 2014 heißt es demnach, die Behörde müsse alljährlich auf einen "sachfremden Einsatz" des sogenannten Peterspfennigs zurückgreifen und einen "beachtlichen Anteil davon für den Unterhalt der römischen Kurie abzweigen, insbesondere für die Personalkosten der dort Beschäftigten".

Der Peterspfennig wird jedes Jahr am 29. Juni oder am vorhergehenden beziehungsweise nachfolgenden Sonntag in den Kollekten der katholischen Kirchengemeinden in aller Welt gesammelt. Im Jahr 2013 betrugen die Einnahmen aus dem Peterspfennig insgesamt 57 Millionen Euro. Der jährliche Beitrag deutscher Katholiken hierzu liegt nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz im "einstelligen Millionenbereich".

Zahlreiche Beispiele für Geldverschwendung, Misswirtschaft und Korruption

Der Vatikan wies den Vorwurf der Zweckentfremdung von Spendengeldern zurück. Laut der offiziellen Internetseite ist der Peterspfennig dazu gedacht, die Sorge des Papstes "um die Erfordernisse der universalen Kirche" und den Dienst an den Bedürftigen zu unterstützen. Vatikansprecher Federico Lombardi betonte am Mittwoch gegenüber "Radio Vatikan": "Das Geld, das für den Peterspfennig gesammelt wird, ist für die Armen bestimmt, aber auch für den Dienst des Papstes, so wie das schon im Lauf der Geschichte war".

Zu diesem Dienst gehörten unter anderem die Römische Kurie, die Initiativen des Papstes außerhalb des Bistums Rom und die Unterstützung von 180 diplomatischen Vertretungen in aller Welt, die wesentlich für die Verteilung päpstlicher Hilfsgelder in diesen Ländern zuständig seien.

Bekannt war bislang, dass der Peterspfennig während der schweren Finanzkrise des Vatikan unter Johannes Paul II. in den 80er- und 90er-Jahren zeitweilig zum Stopfen von Finanzlöchern verwendet wurde.

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Der Vatikan soll Medienberichten zufolge wegen der Veröffentlichung vertraulicher Dokumente gegen einen Geistlichen ermitteln. Demnach geht die vatikanische Gendarmerie dem Verdacht nach, der Priester habe interne Dokumente für zwei Bücher über die vatikanischen Finanzen beschafft.

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Zudem sagte Lombardi mit Blick auf die Enthüllungen des Buches, es handele sich um eine  "bereits überwundene Arbeitsphase". Die in dem Buch verwendeten vertraulichen Informationen seien dazu gesammelt worden, um Reformen ins Werk zu setzen. Sie seien nicht gegen den Willen des Papstes oder der vatikanischen Behörden erhoben worden, so der Vatikansprecher.

In Nuzzis Werk werden zahlreiche Beispiele für Geldverschwendung, Misswirtschaft und Korruption erwähnt. So ergab etwa eine interne Bestandsaufnahme von 2013, die Nuzzi zitiert, dass im Vatikan Lebensmittel, Kleidung und Medikamente im Wert von insgesamt 1,6 Millionen Euro verschwunden seien.

Die Echtheit der von Nuzzi herangezogenen Dokumente wurde am Montag vom Vatikan indirekt bestätigt. Es handelt sich um vertrauliche Unterlagen einer vom Papst eingesetzten Kommission, die Vorschläge für eine Neuorganisation der wirtschaftlichen Angelegenheiten des Vatikan machen sollte.

Journalist: Berstone hat Spendengelder zweckentfremdet

Eine detaillierte Auflistung bietet das Buch allerdings nur für 2012, das letzte Amtsjahr von Benedikt XVI. Von den insgesamt 53,3 Millionen Euro, die 2012 durch die Peterspfennig-Kollekte eingenommen wurden, flossen demnach knapp 36 Millionen in den Unterhalt der römischen Kurie.

Auch der frühere Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone gerät in einem anderen neuen Buch erneut ins Kreuzfeuer. Offenbar hat der 80-Jährige seine Dienstwohnung im Vatikan teils mit Spendengeldern der vatikanischen Kinderklinik finanziert. Das berichtet der italienische Journalist Emiliano Fittipaldi in seinem Buch "Avarizia", aus dem die Tageszeitung "La Repubblica" am Mittwoch vorab Auszüge veröffentlichte. Das Werk soll ebenfalls an diesem Donnerstag im Buchhandel erscheinen.

Auch der frühere Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone ist in einem neuen Buch erneut ins Kreuzfeuer geraten. Offenbar hat der 80-Jährige seine Dienstwohnung im Vatikan teils mit Spendengeldern der vatikanischen Kinderklinik finanziert.
 picture alliance/ROPI

Demnach soll die wohltätige Stiftung der Klinik "Bambino Gesu" 200.000 Euro zur Renovierung der Wohnung Bertones beigetragen haben. Im Gegenzug habe der Kardinal die renovierten Räumlichkeiten der Stiftung für nicht näher definierte "institutionelle Zwecke" zur Verfügung gestellt. Dies sei dem Vatikan im März 2014 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers (PwC) in einem Bericht mitgeteilt worden, schreibt Fittipaldi.

Bertone selbst hatte mitgeteilt, er habe einen Beitrag zu den Renovierungskosten selbst gezahlt, den die vatikanische Verwaltung von ihm verlangt habe. Über die Größe seines Appartements gibt es unterschiedliche Angaben: Medien behaupteten, es sei einschließlich der Dachterrasse 700 Quadratmeter groß, nach Bertones Angaben ist es nur halb so groß.

Hubschrauberflug für 23.800 Euro

Ferner soll die Stiftung im Jahr 2012 für einen "Marketing-Einsatz" des Kardinals in Süditalien einen Hubschrauber gechartert haben. Die Kosten für den Flug beliefen sich dem Bericht zufolge auf 23.800 Euro.

Bertone war von 2006 bis 2013 Kardinalstaatssekretär unter Papst Benedikt XVI. Papst Franziskus ersetzte ihn mit Wirkung vom 15. Oktober 2013 durch den Vatikan-Diplomaten Pietro Parolin. Bertone gehört zum Rang der sogenannten Kardinal-Bischöfe und zählt damit weiterhin zu den sechs hochrangigsten Kardinälen im Vatikan. (stz/KNA)

05.11.2015, 17.46 Uhr: ergänzt um die Statements Federico Lombardis

05.11.2015, 19.02 Uhr: ergänzt um weitere Äußerungen Lombardis

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