Bestattungskultur im Wandel

Im 21. Jahrhundert überlagern individuelle Lebensentwürfe die althergebrachten Traditionen und Strukturen. Das gilt auch für Sterben und Tod.

Dossier: Friedhof | - 06.01.2015

Im 21. Jahrhundert überlagern individuelle Lebensentwürfe die althergebrachten Traditionen und Strukturen. Das gilt auch für Sterben und Tod. Viele Menschen suchen nach Bestattungsformen, die ihre Persönlichkeit, ihre Interessen und ihre Lebensart widerspiegeln. Ist der normale Friedhof zum Auslaufmodell geworden?

Urnen gibt es in großer Auswahl.
Urnenbegräbnisse liegen im Trend und sich deutlich preiswerter als eine herkömmliche Sargbestattung.
 Violetstar/Fotolia.com

Stolze 89 Jahre alt war Phillip Mogendorf, als er an Silvester 1990 zum letzten Mal einschlief. Sieben Jahrzehnte hatte er am gleichen Ort gelebt, jeder kannte den gutmütigen Skatspieler mit der Zigarre. Zur Trauerfeier kamen viele Freunde und Bekannte, seine Kinder, Enkel und Urenkel. Am offenen Sarg nahmen sie Abschied, geleiteten ihn zum Grab, das später üppig mit Blumen und Kränzen geschmückt wurde.

So und nicht anders sah die katholische Beerdigung bis vor wenigen Jahren aus. Zwar hatte sich die Bestattungskultur seit dem Mittelalter mehrfach gewandelt, trotzdem blieb die Körperbestattung immer die traditionelle Art der Beisetzung.

Seit einigen Jahren befindet sich jedoch die gesamte Bestattungskultur im Umbruch. Die Erdbestattung ist nur noch eine von vielen Möglichkeiten. Und das zeigt sich auch auf den Friedhöfen. Neben klassischen Reihengräbern mit Blumenbeet, den prachtvollen alten Grabmalen und großen Urnenfeldern findet man heute auch immer mehr ungenutzte Flächen.

Der Trend: Individuelle Bestattungen

Fußballfans zum Beispiel zieht es auf den blau-weiß-schwarzen Friedhof des Hamburger Sport-Vereins (HSV), Naturverbundene suchen ihre letzte Ruhe abseits der Großstadthektik im Friedwald. Gerda verbrachte früher jeden Sommer am Meer und wünscht sich eine Seebestattung, Johann liebt die Berge und möchte seine Asche in den Schweizer Alpen verstreut wissen.

Vielleicht spielen bei Gerda und Johann aber auch ganz andere Gründe eine Rolle: Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine anonyme Bestattung, weil diese den Hinterbliebenen weniger Arbeit macht. Vielleicht gibt es keine nahen Verwandten, vielleicht leben sie weit weg. Und wo kein Grab ist, muss auch niemand pflegen.

Eine klassische Beerdigung ist zudem mit hohen Kosten verbunden. So verschlingt eine Erdbestattung schnell mehrere Tausend Euro. Der Krankenkassenzuschuss für den Todesfall - das Sterbegeld - wurde bereits 2004 abgeschafft. Und an eine Sterbeversicherung denken nur wenige, wenn sie mitten im Leben stehen.

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Ein herbstlicher Rundgang über den Alten Friedhof in Bonn.
 Phillipp Arnold und Matthias Höhn

Über 50 Prozent anonyme Bestattungen

In Großstädten ist die anonyme Bestattung für mehr als die Hälfte der Menschen mittlerweile die sinnvollste Alternative - manchmal auch die einzige. Wer niemanden hat, der für die Beerdigung aufkommt, legt sein Schicksal in die Hände der Kommune. Die wählt die preisgünstigste Entsorgung: Meist eine Feuerbestattung und die Beisetzung der Urne auf einem anonymen Gräberfeld.

Kirchenvertreter raufen sich angesichts dieser Entwicklung die Haare und mahnen mit Perikles: "Ein Volk wird so beurteilt, wie es seine Toten bestattet". Dabei geht es den Bischöfen vor allem um den Erhalt einer Bestattungskultur, die einen würdevollen Tod ermöglicht. Und dazu gehört auch ein Name auf einem Grabstein.

Katholische Friedhöfe suchen deshalb nach kostengünstigen Möglichkeiten für Menschen mit schmalem Geldbeutel. So finden sich neben Einzelgräbern und anonymen Aschewiesen inzwischen auch viele halbanonyme Grabanlagen. Die Gräber liegen zwar ohne Kennzeichnung unter einer Rasenfläche, auf einer Säule sind die Namen jedoch vermerkt.

Für die Hinterbliebenen wird damit ein Ort geschaffen, an dem sie trauern können. Das ist wichtig, denn dieser geht mit zunehmender Anonymität auf Friedhöfen immer mehr verloren. Die Erinnerung der Angehörigen verbindet sich eher mit Zeitzeugnissen, etwa Fotos oder Briefen des Verstorbenen. Trauer braucht jedoch einen festen Ort, ebenso wie feste Rituale, sagt Trauerforscher Konrad Baumgartner.

Traditionen gehen unter

Aber auch Rituale, die früher selbstverständlich zum Tod gehörten, verschwinden: Die Wache am Totenbett, das Waschen und Einkleiden des Verstorbenen, die Aufbahrung und das Abschiednehmen am offenen Grab – all das half den Trauernden, die Wirklichkeit des Todes anzunehmen. Nicht alleine, sondern eingebettet in die Gemeinde, die die Trauer mit ihnen trug.

Heute werden die meisten Aufgaben rund um Tod und Beisetzung in die geschulten Hände eines Bestatters gelegt. Von der Überführung des Leichnams, über Behördengänge, bis hin zur Danksagung bieten die Unternehmen jede erdenkliche Dienstleistung an. Der Tod wird effizient abgewickelt und Billiganbieter helfen auch bei kleinerem Budget. Trauernde kommen mit dem Verstorbenen in vielen Fällen kaum noch in Berührung.

Die Kirche versucht all diese Entwicklungen zu entschleunigen, indem sie aufmerksam macht und versucht, die Themen Tod und Bestattung wieder mehr ins Blickfeld zu rücken: In Gottesdiensten gedenken Gemeinden der "unbedachten Toten" in anonymen Gräbern. Mit dem "Tag des Friedhofes" (September) versuchen Pfarreien, Friedhöfe und Bestatter, die Bedeutung der Ruhestätten als Ort der Trauer deutlich zu machen.

"Friedhöfe gehören in den Mittelpunkt der Gesellschaft, sie müssen sich für die Lebenden öffnen", sagt der Hamburger Friedhofsberater Andreas Morgenroth. Erste Schritte sind bereits getan: In Trauerhallen finden Konzerte und Vernissagen statt. Großstädte weisen Friedhöfe als Naturschutzgebiete aus, die mit ihrer Artenvielfalt locken. Patenschaften für denkmalwürdige Grabanlagen helfen, das Gesicht alter Begräbnisstätten zu erhalten. Hoffnung für den Friedhof im 21. Jahrhundert.

Von Janina Mogendorf

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