Nachdenken über neue Bestattungsformen

Ein Liturgiewissenschaftler über die Entwicklungen der vergangenen Jahre und kirchliche Positionen.

Dossier: Friedhof | - 06.01.2015

Die Bestattungsformen in Deutschland werden immer vielfältiger. Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland sieht zum einen die Tendenz zur individuellen Beisetzung, zum anderen eine Gegenbewegung zur anonymen Bestattung der Verstorbenen. Im Interview spricht er über die Entwicklungen der vergangenen Jahre und die Haltung der katholischen Kirche.

Frage: Die Erdbestattung war in der christlichen Gesellschaft Jahrhunderte lang die vorherrschende Art der Beisetzung. Heute liegt vor allem in Großstädten die Feuerbestattung im Trend. Wie ist die Haltung der Kirche dazu?

Haunerland: Als Ende des 19. Jahrhunderts in unseren Breiten die ersten Feuerbestattungen aufkamen, ging damit eine neue Weltanschauung einher. Feuerbestattung bedeutete: Mit dem Tod ist alles aus, es gibt keine Auferstehung des Leibes. Aus diesem Grund hat sich die Kirche lange dagegen ausgesprochen. Erst 1963 wurde das kirchliche Verbot aufgehoben, weil die Gründe für Feuerbestattungen sich verändert hatten. Wie heute auch standen eher Fragen der Grabpflege oder der Kostenersparnis im Vordergrund. Mittlerweile gibt es auf katholischen Friedhöfen Urnengrabplätze und einige Kirchen werden als Kolumbarien zur Aufbewahrung von Urnen genutzt.

Frage: Was bedeutet die Einäscherung des Toten für seine Auferstehung?

Haunerland: Das Verbrennen hindert nicht an der Auferstehung, weil der irdische Leib dann ohnehin transformiert wird. Er wird nicht aus vermodernden Knochen zusammengesetzt, sondern ist wie bei der Auferstehung Jesu ein verklärter Leib. Wenn jemand bei einem Unfall verbrannt ist, hat man ja auch keine Sorge, dass er nicht an der Auferstehung der Toten teilnimmt.

Frage: Eine alternative Bestattungsform, die in Deutschland immer beliebter wird, ist die Beisetzung in Friedwäldern und Ruheforsten…

Haunerland: Ja, und auch der Friedwald hat eine ambivalente Entstehungsgeschichte. Die Idee dazu kommt aus der Schweiz: Der Mensch soll durch die Beisetzung an einer Baumwurzel in den Kreislauf der Natur zurückkehren. Das widerspricht dem christlichen Glauben an die Auferstehung und gibt naturreligiösen Deutungen Vorschub, weshalb die Kirche zunächst auch Vorbehalte hatte. Deutsche Anbieter waren aber von Anfang an bemüht, jede ideologische Aufladung zu vermeiden. So können an den Ruhebäumen Schilder nicht nur mit einer Nummer, sondern auch mit dem Namen und mit christlichen Symbolen angebracht werden.

Frage: Was macht die Faszination von Friedwäldern aus?

Haunerland: Dieser Bestattungsort ist bei Leuten beliebt, die zum Beispiel aus der Jugendbewegung stammen und den Gedanken schön finden, in der freien Natur beerdigt zu sein. Ein weiterer Punkt ist sicher auch, dass Begräbnisse in Städten sehr stark von Bürokratie bestimmt sind. Die Trauerfeier darf eine Viertelstunde dauern, selbst die Anzahl der Musikstücke ist festgelegt. Die Beerdigung im Friedwald kann dagegen ganz individuell gestaltet werden und wenn es eine Stunde dauert, dann dauert es eben eine Stunde.

Zur Person

Winfried Haunerland ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München und Berater der Kommission für liturgische Fragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: Aber es gibt auch Nachteile…

Haunerland: Das Problem des Friedwaldes ist, dass die Toten weit aus dem Kreis der Lebenden verbannt werden, denn Friedwälder liegen ja in der Regel in der freien Natur. Das heißt, wenn mein Lebenspartner dort liegt, kann ich vielleicht zweimal im Jahr einen Ausflug da hin machen, aber ich kann nicht wie auf einem normalen Friedhof spontan an einem Sonntagnachmittag vorbei gehen.

Frage: Im Friedwald sind auch anonyme Bestattungen möglich, die es heute immer häufiger gibt. Widersprechen sie dem christlichen Glauben?

Haunerland: So direkt kann man das nicht sagen, denn auch einige alte Orden, wie etwa die Karthäuser, beerdigen ihre Verstorbenen namenlos. Wir haben einen Namen bei Gott, das ist das Entscheidende. Es ist nicht tragisch, wenn ich vergessen bin, denn Gott wird sich immer an mich erinnern und mich bei meinem Namen rufen. Aber das Bekenntnis zur Erinnerung an den Namen eines Verstorbenen ist immer auch ein Bekenntnis zur Würde des Menschen. Von Perikles soll das Wort stammen: "Ein Volk wird so beurteilt, wie es seine Toten bestattet". Die Würde des Menschen hat schon etwas damit zu tun, ob wir unsere Toten nur entsorgen oder ob wir sie mit Anstand beerdigen und ob wir sie mit ihren Namen in Erinnerung behalten.

Frage: Neben Bestattungen in Friedwäldern kristallisierten sich in den letzten Jahren viele weitere alternative Bestattungstrends heraus. Etwa die See- oder die Luftbestattung…

Haunerland: Es gibt zwei Tendenzen: Die Tendenz zum Anonymen und die Tendenz zum Individuellen. Das können Sie auch auf Friedhöfen sehen, wo Sie anonyme Gräberfelder haben, einheitliche Reihengräber oder aber Grabmale, die echte Kunstwerke sind. Zum Beispiel das Grab von Michael Ende auf dem Münchener Waldfriedhof, das ist ein Denkmal, das könnte auch auf dem Platz seiner Heimatstadt stehen. Bei alternativen Bestattungen gilt eigentlich das Gleiche wie bei Friedwäldern: es kommt darauf an, welche ideologischen Vorstellungen dahinter stehen. Oftmals bergen besondere Bestattungswünsche tiefe Sehnsüchte. Dann wird vielleicht die See für bestimmte Menschen plötzlich zum Symbol für das Leben. Ein Leben, das sie vielleicht auf der Erde nicht gehabt haben, sich aber bei Gott erhoffen.

Frage: In den letzten zehn Jahren hat sich die Bestattungskultur stärker gewandelt, als in den hundert Jahren zuvor. Sehen Sie hier ein Problem?

Haunerland: Es ist insofern besorgniserregend, weil man sich fragt, ob man nicht einen wichtigen Teil der Bestattungskultur verliert, ohne das sich etwas Neues entwickelt, etwas, das für die Menschen tröstlich und heilsam sein kann. Die Kirche hatte über Jahrhunderte hinweg das Bestattungsmonopol und sieht sich in der Pflicht, die Art der Bestattung zu beeinflussen, aus christlicher, aber auch aus rein kultureller Sicht. Im Blick auf die Gesellschaft geht es der Deutschen Bischofskonferenz vor allem darum, nachdenklich zu machen und die Entwicklung in der Bestattungskultur zu entschleunigen, damit nichts aufs Spiel gesetzt wird, was für die Menschen wichtig ist.

Von Janina Mogendorf.

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