Formen des Stundengebets

Forscher betonen bei der Entwicklung des Stundengebets drei Dinge: Die aus den jüdischen Synagogengottesdiensten stammenden Ursprünge, die zwei Typen des Stundengebets und die Herausbildung der bis heute vorherrschenden Form.

Dossier: Stundengebet | Bonn - 07.01.2015

Zunächst übernimmt das frühe Christentum schon früh Gebetszeiten, die sich aus der Tradition der jüdischen Tempel- und Synagogengottesdienste speisen. Neben den üblichen Morgen- und Abendgebeten kommen schon bald neue Gebetszeiten dazu: die Tagzeiten der dritten, sechsten und neunten Stunde, die sich an der Chronologie der Passion Jesu im Markusevangelium orientieren.

Wobei sich die Stundeneinteilung bei den Römern, zu dessen Machtbereich Palästina damals gehörte, jeweils am Sonnenstand orientierte, die zwölf Stunden des Tages also im Sommer länger waren als im Winter. Mithin verschoben sich die Anfänge der Gebetszeiten jeden Tag etwas.

Der "kathedrale" und "monastische" Typ

Als zweites betonen die Forscher zwei verschiedene Typen von Gebetszeiten, die sich mit der Zeit herauskristallisieren. Die eine Weise wird der "kathedrale" Typ genannt. Er ist besonders im Orient und dort in den großen Städten mit deren Kathedralen verbreitet. Über ihn sind wir etwa durch den Kirchenvater Johannes Chrysosthomus (+402) informiert. Dieser Typ kennt verpflichtende Gebetszeiten am Morgen und Abend, wobei am Morgen der Psalm 62 mit dem brennenden Verlangen nach Gott im Vordergrund steht, während im Abendgebet eine Lichtfeier und der Bußgedanke nach vorne tritt. Auch gelegentliche Vigilien (Nachtzeitengebete) an hohen Feiertagen kennt man dort.

Davon zu unterscheiden ist der "monastische" Typ. Hier spielt mehr das kontinuierliche Beten, mit stets wiederkehrenden, mehreren über den Tag verteilten Gebetszeiten die Hauptrolle.

Drittens gewinnt der "monastische Typ" insbesondere für die römische Kirche des Westens großen Einfluss und wird so für diese Kirche die fast ausschließliche Weise das Stundengebet zu feiern. Für die christlichen Mönche, die im dritten Jahrhundert in Ägypten, Syrien und Palästina beinahe schon zu einem Massenphänomen werden, machte das regelmäßige Gebet einen wesentlichen Teil ihres Tagespensums aus.

Mit Benedikt vereinheitlicht sich das Stundengebet

Entweder beteten sie die 150 Psalmen den Tag über beim Arbeiten allein, oder aber sie fanden sich in kleineren Gruppen zusammen, wo die einzelnen Gebetszeiten entsprechend lang waren, um auch auf das vorgeschriebene Maß von 150 Psalmen zu kommen.

Mönche mit Gebetbüchern
Mönche mit Gebetbüchern.
 KNA

Der heilige Benedikt von Nursia (um 480 bis 550) weiß um die verschiedenen Formen des Stundengebets. Mit ihm erhält der Westen jene Form, das Stundengebet zu feiern, die bis heute zum fast ausschließlichen Maßstab dieser liturgischen Form wurde. Ein großer Segen, aber auch ein wenig Fluch, wenn es darum ging, Dinge zu verändern und zu verbessern. Wie gut, dass Benedikt selbst in der Regel eine Hermeneutik der Veränderbarkeit gibt: Gottes Wort und Weisung müssen dabei letztgültiger Maßstab sein.

Benedikt selbst übernahm und veränderte zum Teil vorhandene Mönchsregeln und auch Gebräuche der römischen Kirche. So entstand ein feines und differenziertes Geflecht von regelmäßigen, aber nicht zu langen Gebetszeiten, die genug Zeit für die tägliche (Hand-) Arbeit, viel Zeit fürs Beten (4 - 5 Stunden täglich), aber auch für Persönliches (Mittagsschlaf, Meditation) ließen und immer auf der Grundlage der Heiligen Schrift fußten. Die 150 Psalmen wurden nun in einer Woche gebetet.

Heute herrscht die Muttersprache vor

So entstand die im Grunde bis heute noch gültige Form des römischen Stundengebets mit den sieben Gebetszeiten von Vigil, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet.

Bei der Neuordnung im Zuge der liturgischen Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1970 entfiel die Prim, weil man sie als Doppelung zu den Laudes ansah. Manche Klöster der benediktinischen Familie haben jedoch aus Respekt vor der beinahe 15 Jahrhunderte alten Tradition die alte Form beibehalten. Den meisten Gemeinschaften ist es heute freigestellt, wie sie im Einzelnen die vorgeschriebenen Gebetszeiten halten.

Im Zuge der Liturgiereform wurde das Stundengebet in der katholischen Kirche vom Umfang her erheblich reduziert. In dem von den deutschsprachigen liturgischen Instituten herausgegebenen Stundenbuch sind Lesehore, Laudes, Mittagshore, Vesper und Komplet verzeichnet und die 150 Psalmen [unter Auslassung der Fluchpsalmen] auf vier Wochen verteilt. In den meisten Gemeinschaften wird das Stundengebet heute in der Landessprache gebetet.

Von Markus Schüppen

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