Standpunkt

Den Schmerz der Opfer ertragen

Gudrun Sailer über Kardinal Pells Anhörung zum Missbrauch

Bonn - 29.02.2016

Es sind denkwürdige Nachtgespräche in Rom. Der australische Kurienkardinal George Pell sagt diese Woche mehrere Tage hintereinander zu Missbrauchsfällen durch Kirchenleute in seiner Heimat aus. Da er wegen Herzproblemen den 21-Stunden-Flug nach Sydney nicht wagen kann, genehmigte ihm die australische Missbrauchskommission eine Aussage per Video-Schaltung. Kardinal Pell steht jeweils von 22 Uhr abends bis 2 Uhr morgens im römischen Hotel Quirinale unweit der Oper Rede und Antwort. Die erste Anhörung lief vergangene Nacht, die letzte ist für Mittwoch geplant. Wer will, kann im Konferenzraum des Hotels dabei sein. 14 Missbrauchsopfer aus Australien wollten das: via Internet sammelten sie umgerechnet 130.000 Euro Spenden und flogen damit nach Rom. Sie sagten, sie wollten dem Kardinal in die Augen sehen, während er spricht.

Pell sagt über Fälle aus, die sich in den 1970er Jahren in seinem Heimatbistum Ballarat zutrugen. Dort wirkte der heutige Kardinal als Priester und gehörte dem Beraterstab des Bischofs an. Er wohnte im selben Haus mit einem Priester, der inzwischen wegen Missbrauchs verurteilt ist. Wenige Tage vor der Videoschaltung tauchten in Australien Missbrauchs-Anschuldigungen gegen Pell selbst auf, die der Kardinal scharf zurückwies.

Der Australier, der in Rom inzwischen mit Leibwache unterwegs sein soll, gilt als tüchtiger Verwalter, eine Fama, die ihm den Ruf nach Rom eintrug. 2014 machte Papst Franziskus den damaligen Erzbischof von Sydney zum Leiter des neuen Wirtschaftssekretariates, das den vatikanischen Finanzfilz entwirren soll. Ein undankbares Amt, Pell hat sich viele Feinde gemacht. Im Juni aber wird der Australier 75 Jahre und bietet dann seinen Rücktritt an, wie die von Franziskus eingeführten Regeln für die Kurie vorsehen.

Für Kardinal Pell gilt die Unschuldsvermutung. Eines ist ihm sicher klar: Franziskus würde in seinen Reihen niemanden dulden, der von Missbrauch in der Kirche wusste und nichts tat. Zur Verfolgung solcher Straftaten des Wegschauens hat der Papst im Vatikan eine eigene Behörde angekündigt.

Ballarat liegt weit weg, räumlich und zeitlich. Doch Missbrauch und seine seelische Aufarbeitung folgt sprunghaften, oft irrationalen Dynamiken. Es sind Dynamiken extrem verzögerten Schmerzes. Was Kardinal Pell als Hirte zumal in der Fastenzeit tun könnte, ist, den Schmerz der Opfer zu ertragen und anzuerkennen, und sei es spätnachts im Konferenzraum eines römischen Hotels.

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Radio Vatikan".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Gudrun Sailer

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