Der eigentliche Skandal im Bistum Chur

Kilian Martin zum Geburtstag von Vitus Huonder

Standpunkt | Bonn - 21.04.2017

Am heutigen Freitag knallen im Schweizer Bistum Chur die Sektkorken: Bischof Vitus Huonder wird 75 Jahre alt und muss damit dem Papst seinen Amtsverzicht anbieten. Für viele Gläubige der Diözese, die ihres Bischofs längst überdrüssig sind, ist das ein Tag der Freude. Die Kirche insgesamt aber sollte der Anlass nachdenklich stimmen und eine Warnung sein.

Rund um die Graubündner Bischofsstadt spielt sich seit Jahren ein Skandal ab. Hauptfigur in diesem ehrlosen Spiel ist der Bischof selbst. Der Oberhirte hat es sich – ob gewollt oder nicht – mit weiten Teilen seiner Herde verscherzt. Was er selbst als Lehramtstreu benannte, war für die meisten schlicht rigoristisch bis fundamentalistisch. Die Gläubigen wiederum waren in der jüngeren Vergangenheit selbst deutlich auf Konfrontationskurs. Die vom Staatskirchenrecht ohnehin außergewöhnlich privilegierten Schweizer Katholiken trieben es ausgerechnet in Chur zuweilen auf die Spitze.

Vor einem Jahr bereitete ausgerechnet der Generalvikar Martin Kopp seinem Bischof ein Danaergeschenk. Anlässlich Huonders 74. Geburtstags beklagte er, das Bistum sei zerrissen und brauche dringend einen "Friedensstifter". Man kann Kopp wohl verstehen. Ihm ist wie vielen Gläubigen der Hirte zur Last geworden. Doch gerade vom "alter ego" eines Bischofs muss man mehr erwarten dürfen. Eine Führungskrise wird durch solche öffentliche Aussagen der Führungspersönlichkeiten schließlich nicht behoben.

In dieser Auseinandersetzung stehen sich zwei Seiten gegenüber, von denen keine ohne Schuld ist. Das heißt auch: Wenn, wie so viele hoffen, Bischof Huonder bald von seinem Amt entbunden wird, ist das Problem nicht beseitigt. Dass ein derartig schwerer Skandal um einen Bischof nicht einfach mit dessen Weggang vorüber ist, kennen wir aus Deutschland nur zu gut. Brandstifter und Anheizer haben jeweils ihren Anteil an der Katastrophe.

Der eigentliche Skandal im Bistum Chur besteht nicht allein in einem "konservativen" Bischof oder in "freigeistigen" Gläubigen. Er besteht in der Uneinsichtigkeit aller Parteien. Das sollte uns allen am Geburtstag Vitus Huonders eine Mahnung sein: Streit, Missgunst und Unversöhnlichkeit zersetzen die Kirche im Innersten. Der Wechsel eines Bischofs bekämpft da bestenfalls ein Problem von vielen.

Von Kilian Martin

Der Autor

Kilian Martin ist Redakteur bei katholisch.de.

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