Die deutsche Kirche ist immer der Buhmann

Jeremias Schröder über Vorurteile im Ausland

Standpunkt | Bonn - 18.05.2018

In den vatikanischen Behörden kann man viele Leute antreffen, die sich in der Welt gut auskennen. Es gibt auch ein paar andere: Ein Monsignore sagte mir vor kurzem treuherzig, die deutsche Kirche sei leider schon ganz dem Protestantismus verfallen. Er wurde kurz darauf versetzt, aus anderen Gründen – aber immerhin.

Auch andere diffamieren gern: Der Romkorrespondent des amerikanischen National Catholic Register erklärte seinen Lesern letzte Woche, dass der Erzbischof von Hamburg zum "heterodoxen Flügel" der deutschen Kirche gehört. Er zählt die Mehrheit unserer Bischofskonferenz zu diesen Irrgläubigen.

Es ist weltkirchlich salonfähig geworden, so über die katholische Kirche in Deutschland herzuziehen. Natürlich haben auch andere Kirchen Eigenheiten, die sich für negative Stereotypisierungen eignen würden. Aber nur die deutsche Kirche wird international so gern als Buhmann hergenommen.

Dabei ist das, was Ablehnung erzeugt, oft genug auch eine Stärke, wenn man die Medaille umdreht: Der alltägliche Umgang mit protestantischen Christen, noch dazu in der ziemlich verträglichen Form der Lutheraner, verunmöglicht die dümmeren Vorurteile und hat Wertschätzung entstehen lassen. Die historischen Verzahnungen mit staatlicher Autorität – das Erbe der Fürstbischöfe, wenn man will – haben ein Verhältnis zum Staat hervorgebracht, das sehr konstruktiv ist, aber eben auch ein Sich-Abfinden mit den Kompromissen realer Gesellschaftspolitik erfordert. Und das deutsche Ingenieurwesen treibt in den Organisationsformen von Bischofskonferenz, VDD und ZdK schöne Blüten, über die man zwar spotten kann, aber die dem deutschen Wesen eben auch sehr entsprechen. Etwaige Organisationsmängel am Tiber sind andererseits ja auch kein spirituelles Zeugnis.

Auch das viele Geld, das in deutschen Kirchensäckeln sprudelt, dürfte hie und da Ressentiments erzeugen. Die französische Kirche ist bettelarm und sexy, die deutsche – weder noch.

Vielleicht würde es helfen, wenn die kirchlichen Auslandsdeutschen – der Autor gehört halb dazu – nicht den heimatkritischen Exilanten geben würden, sondern eher um Verständnis werben könnten für die Eigenheiten ihrer katholischen Landsleute. Denn die wollen ja eigentlich nur alles richtig machen.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

Hinweis

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