Ein Sieg des Hinterlandes

Uwe Bork über den Ausgang der Wahlen in den USA

Standpunkt | Bonn - 09.11.2016

Selten hat mich ein Morgen so erschreckt wie dieser. Mit ihm sind die unzähligen Rätsel der Theodizee plötzlich um eine Variante reicher. Nach dem nach allen Umfragen völlig unerwarteten Resultat der amerikanischen Präsidentschaftswahlen stellt sich wohl nicht nur mir die nicht ganz ernst gemeinte Frage, wie Gott einen Mann als Wahlsieger zulassen konnte, über den Papst Franziskus mit der ihm eigenen Deutlichkeit urteilte: "Dieser Mann ist kein Christ!" Es ist ein Mann, bei dem es beileibe nicht der Kopf zu sein scheint, dem der Rest des Körpers gehorcht, ein Mann, der sich mit einer Mauer gegen seine ärmeren Nachbarn abschotten will, ein Mann, der Unfrieden zwischen den Religionen sät und der Frauen als verfügbares Freiwild betrachtet. 

Wir Europäer werden uns umzustellen haben. Hätten wir bei Hillary Clinton demnächst nur unsere Uhren neu stellen müssen, müssen wir beim Mann mit den markigen Worten nun unseren Atem anhalten. Wahrscheinlich auf Dauer.

Für die Vereinigten Staaten selbst dürfte der Ausgang dieser Wahl aber ebenfalls nicht so schnell zu bewältigen sein. Gegen das liberale Amerika der Großstädte hat sich das andere, das konservative Amerika des Hinterlands durchgesetzt. Das Land bietet das Bild einer tiefen Spaltung zwischen abgehängten Globalisierungsverlierern und den Gewinnern eines auf die Spitze getriebenen Kapitalismus, dessen aus der Spekulation geschaffene Einkommen sich vom Lohn und Brot der Unter- und Mittelschichten total gelöst haben. So sieht eine Wirtschaft aus, die vielleicht nicht tötet, wie Papst Franziskus dies zugespitzt formulierte, es ist aber sehr wohl eine unsoziale Ökonomie, die einem ganzen Land viel von seinem gesellschaftlichen Zusammenhalt geraubt hat.

Daraus ergibt sich eine Lehre, die wir auch für Europa ziehen müssen: Keine Gesellschaft kann auf Dauer existieren, die nicht über gemeinsame Überzeugungen und gemeinsame Werte verfügt, - und damit meine ich nicht unbedingt eine gemeinsame Religion. Gesellschaften müssen auf der Solidarität ihrer Mitglieder aufbauen, nicht auf deren Egoismus.

Will Obamas schillernder Nachfolger seinem selbst gewählten Slogan 'Make America Great Again' wirklich gerecht werden, muss er jetzt sein zerrissenes Land wieder zusammenführen. Ausgerechnet ein ehemaliger deutscher Kollege könnte ihm dafür Anregungen bieten. Johannes Raus aus christlicher Überzeugung gewählte Devise "Versöhnen statt spalten" war ja nicht die schlechteste Regel für einen Politiker.

Von Uwe Bork

Der Autor

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR).

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