Jesus darf bloß kein Flüchtling sein!

Felix Neumann über Flucht in der Bibel

Standpunkt | Bonn - 29.12.2017

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de

Gestern war das "Fest der Unschuldigen Kinder". In der Kirche wird einer Begebenheit gedacht, von der das Matthäusevangelium erzählt, für die es aber keine stichhaltigen historischen Belege gibt. In der gegenwärtigen politischen Lage ist die Frage, was in der Bibel über die Heilige Familie steht, eine politische geworden: Die Heilige Familie auf der Flucht, Jesus selbst ein Flüchtling. Mit dem gestrigen Gedenktag hat die Debatte über zuviel oder zu wenig Politik in der Kirche, über Verzweckung und Verdeutlichung durch Predigt einen Höhepunkt gefunden.

Was es bedeutet, dass Gott verletztliches Fleisch geworden ist, war Thema vieler Predigten in der Weihnachtszeit – Predigten, die damit selbstverständlich politisch sind. Und das passt nicht zusammen mit einer Erzählung, die das Christentum nur identitär, in Abgrenzung von anderen verstehen will, und die daher in den nicht nur historisch verbürgten, sondern hier bei uns anwesenden Flüchtlingen nicht das Antlitz Jesu, sondern bloß eine Bedrohung erkennt.

Verschiedene Strategien gibt es, um sich gegen den Anspruch des Evangeliums zu immunisieren: Eine pseudo-historisch-kritische Analyse, die, quasi als umgekehrter Bibel-Fundamentalismus, naiv jeden Text für eine Auflistung historischer Tatsachen nimmt – und wenn eine Erzählung dann nicht historisch verbürgt ist, muss sie auch nicht beachtet werden. Eine andere Variante des biblizistischen Fundamentalismus ist, eine ahistorische juristische Beurteilung der Fluchtgründe Jesu vorzunehmen, heutige Rechtsbegriffe auf biblisches Zeugnis anzuwenden: Konkrete Bedrohung, politische Verfolgung, Flucht, Rückkehr bei Wegfall des Fluchtgrundes.

Das Ziel solcher Übungen: Jesus darf bloß kein Flüchtling sein, und wenn, dann keiner so wie die!

Die einigermaßen akademische Debatte, ob man Jesus mit Recht als Flüchtling bezeichnen kann oder nicht, findet ihre Pointe später im Matthäusevangelium, im Gleichnis vom Weltgericht. Genau dort fragen nämlich die "Gerechten": "Wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen, wann haben wir dich fremd gesehen?" Keine Abwägung von Schuld und Unschuld, von guten oder schlechten Fluchtgründen, von "Wirtschaftsmigranten" und "politisch Verfolgten": Zunächst kommt der unterschiedslose Blick auf jeden Menschen. Jesus ist auch der Flüchtling.

Von Felix Neumann

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Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de.

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