Kampf um die Herzen

Klaus Mertes über Terrorismus und Flucht

Standpunkt | Bonn - 19.11.2015

Es ist ein Trick der Stimmungsmache, die Existenz von Tabus und Denkverboten zu behaupten, um sie anschließend scheinbar mutig zu brechen. So behauptet in diesen Tagen ein Chef-Kommentator der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "dass Politiker der großen Koalition in einer ans Verbieten grenzenden Tonlage davor warnen, die Themen Terrorismus und Flüchtlingskrise zu verknüpfen" (FAZ vom 17. November). Anschließend macht er die Sorgen in der deutschen Bevölkerung gegen eine behauptete "Selbstbegeisterung über die sogenannte Willkommenskultur" stark, die gegenüber den Risiken und Problemen der Flüchtlingsbewegungen blind sei.

Drehen wir das Ganze einmal um: Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Terrorismus und Flüchtlingskrise:  Der Terrorismus wird durch eine an den universalen Menschenrechten orientierte Flüchtlingspolitik an der Wurzel bekämpft. Jeder Flüchtling, der vor dem "Islamischen Staat" nach Europa flieht, delegitimiert mit seiner Entscheidung zur Flucht den Terrorismus. Jeder Flüchtling, der in Deutschland und Europa die Achtung vor seiner Menschenwürde erlebt, ist und hat eine Botschaft, welche die Propaganda der Terroristen schwächt.

Die Alternative zu einer konstruktiven, die Größe der Aufgabe wirklich annehmenden und gestaltenden Flüchtlingspolitik lautet nach den Terrortaten von Paris nun auch immer lauter: "Krieg!" Das Wort hat wieder Konjunktur. Der islamistische Terror hat Europa den "Krieg" erklärt. Das ist wahr - und zwar schon seit einiger Zeit. Mit seiner suizidal-zerstörerischen Taktik will er Europa in die Selbstzerstörung hineinbomben.

Was ist die richtige Antwort darauf? Wie einst nach 9/11 nun nach 11/15 in neue Kriege zu ziehen, wird den Hass vermehren und die Fluchtursachen weiter verschärfen. Das müssten wir seit Afghanistan und Irak eigentlich begriffen haben. Es geht im Kern um einen geistigen Kampf, einen Kampf um die Herzen der Menschen. Nur zusammen mit den Völkern, die vor dem Terror der Fanatiker fliehen, wird der Terror besiegt werden, nicht gegen sie.

Zur Person

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Pater Klaus Mertes SJ

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