Lust und Last der Smartphone-Nutzung

Joachim Valentin über zehn Jahre iPhone

Standpunkt | Bonn - 10.01.2017

Am 9. Januar 2007, also genau vor 10 Jahren, stellte ein gewisser Steve Jobs im Rahmen eines als Massenritual inszenierten Events in San Francisco eine kleine Maschine vor, welche unser Bewusstsein, unsere Art zu kommunizieren, zusammenzuleben, ja zu denken und zu fühlen in einer Weise beeinflusst hat, die ihresgleichen sucht, und auch von Theologie und Kirche kaum ignoriert werden kann.

Sie ahnen es: Es geht um das Apple iPhone: Seine intuitive Benutzerführung auf einem "Touch-Display", der die Vereinigung verschiedenster Funktionen weit jenseits der Telephonie, vor allem auf Basis der portablen Internet-Nutzung erlaubt, und damit verbunden die Entwicklung der verschiedensten App(likationen) vom Wetterbericht bis zum Fotoarchiv, ist aus dem Leben von mehr als einer Milliarde Menschen weltweit kaum mehr wegzudenken.

Auch wenn sich in Deutschland zuletzt Android-Geräte deutlich besser verkauften als die von Apple, ist doch das Prinzip einer hochindividualisierten und überall präsenten Kommunikations- und Informations-Plattform für unser soziales Leben und unser Selbstbild endemisch. Allzeiterreichbarkeit und damit zwar physische, aber nur teilweise psychische Anwesenheit werden inzwischen für ernsthafte Störfaktoren von sozialen Nahräumen, Stolpersteine der nervlichen Stabilität und für eine der zentralen Ursachen für das neue Symptom des Burn-Out gehalten.

Heute können wir kaum mehr zwischen Lust und Last der Smartphonenutzung unterscheiden. Während manche Beziehung ohne Messenger-Apps kaum denkbar und Instagram, Facebook und Co. wenn nicht zur zentralen Informationsquelle, so doch zum Tummelplatz für Zweit- und Drittidentitäten geworden sind, sprechen andere unverhohlen von Sucht und so manche Beziehung soll über der extensiven Nutzung eines Smartphones zerbrochen sein.

Es gilt hier also, was auch von anderen bahnbrechenden technischen Innovationen gilt: "Es kommt drauf an was man draus macht." Blanker Kulturpessimismus und Totalverweigerung des Smartphones auch in der kirchlichen Innen- und Außenkommunikation gehören zum Glück der Vergangenheit an. Den Wert körperlicher und psychischer Gegenwart könnte aber eine Kirche, die sich selber als Ur-Sakrament und ihre Vollzüge als unvertretbar leiblich versteht, wie keine andere Institution zurück ins Bewusstsein rufen, auch wenn Bibel- und Stundenbuch-App, Meditationstimer und einiges mehr aus liturgischen Vollzügen nicht mehr wegzudenken sind.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und stellvertretender Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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