Totgeglaubter Gott

Hans-Joachim Höhn über die Sargnägel des Gottesglaubens

Standpunkt | Bonn - 30.11.2017

Vor genau 10 Jahren machen die "Brights" von sich reden. Jene hellen Köpfe rund um Richard Dawkins und Sam Harris, die den Gottesglauben als einen dunklen Wahn identifizieren, der zu gewalttätigen Auswüchsen führt. Das Ende religiöser Vergewaltigung ist für sie ohne den Tod des Glaubens an Gott nicht denkbar.

Zwar gibt es überzeugende Einwände gegen die These, dass Religion und Gewalt stets miteinander gekoppelt sind. Aber eine religionskritische Grundfrage bleibt aktuell: Was ist geeignet, Gott und den Glauben an ihn in dieser Welt zum Verschwinden zu bringen? Wird Gott nur dort zu Tode geglaubt, wo man von ihm die Lizenz zur Tötung der Anders- und Ungläubigen ableitet?

Der Gottesglaube geht auch auf andere Weise zugrunde. Stiller, unspektakulärer, trivialer. Seine Verfechter müssen keineswegs aggressiv und intolerant auftreten. Im Gegenteil. Sie reden von einem "lieben" Gott, der nichts verlangt und niemanden aufregt. Vor ihm darf man so sein, wie man ist, und Gott sagt: Gut so!

Warum wundern sich eigentlich die Liebhaber eines solchen Gottesbildes, dass ihre Botschaft vielfach Gleichgültigkeit auslöst? Der Grund ist doch klar: Die Botschaft, dass man ohne besondere Anstrengungen so sein darf, wie man ist, verändert nichts. Sein können wie man ist, kann man auch ohne diese Botschaft. Folglich ist diese Botschaft verzichtbar und überflüssig. Sie findet keine Nachfrage.

Nicht minder prekär ist es, wenn gleichwohl Bedarf für die Rede von der Liebe Gottes reklamiert wird. Denn nun gerät sie in den Verdacht, dass hinter der Anhänglichkeit an einen lieben Gott nichts anderes steht als ein enormes menschliches Bedürfnis der Selbstbestätigung: Gott ist jene Instanz, von der eine unüberbietbare Bekräftigung eingeholt wird, dass der Mensch sein darf, wie er ist.

Viele Menschen schließen daraus, dass auch diese Bekräftigung ihres eigenen Zutuns nicht bedarf. Was ohne eigenes Zutun besteht, darum muss man sich nicht kümmern. Dies bekümmert wiederum die aufrechten Zeugen eines "lieben" Gottes. Sie sehen sich berufen, seine Güte und Barmherzigkeit immer wieder zu betonen. Aber ihre Aufrichtigkeit schlägt um in Aufdringlichkeit. Die Penetranz, mit der sie Gott "gütig" und "barmherzig" sein lassen, macht sie schließlich zu Stalkern des lieben Gottes.

Kein vernünftiger Mensch kann etwas gegen Liebe, Güte und Barmherzigkeit haben – wohl aber dagegen, dass Menschen damit gestalkt werden. Wer will es den Genervten unter den mit Liebe Bedrängten verdenken, dass sie davon nichts mehr hören wollen?

Und Gott? Er schweigt im Totenmonat November. Vielleicht stellt er sich tot. Sich tot zu stellen, ist eine Überlebensstrategie…

Von Hans-Joachim Höhn

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

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