Standpunkt

Zeit für eine "Gewinnwarnung"

Hans-Joachim Höhn über realistische Flüchtlingspolitik

Bonn - 25.01.2016

Beim "Weltwirtschaftsforum" in Davos sind mehr als 2500 Regierungschefs, Manager, Wissenschaftler und Politaktivisten zusammengekommen. Auf dem Programm standen die Herausforderungen der 4. Industriellen Revolution. Viele Redner haben aber zu einem ganz anderen Thema gesprochen: Migration.

Auf diesem Gipfeltreffen ist keine Abschlusserklärung erarbeitet worden. Zieht man dennoch aus den vielen Reden ein Fazit, könnte daraus ein Text entstehen, den man in der Börsensprache eine "Gewinnwarnung" nennt: Börsennotierte Aktiengesellschaften teilen meist zu Beginn eines Geschäftsjahres ein von ihnen angestrebtes Unternehmensziel mit. Liegen dem Management aber im Lauf des Jahres Informationen vor, welche darauf hindeuten, dass der erhoffte Gewinn nicht erzielt werden kann, muss die Öffentlichkeit darüber umgehend informiert werden. Auf diesem Wege sollen krumme (Insider-) Geschäfte vermieden werden.

Wer die Debatte um die Flüchtlingskrise verfolgt, gewinnt den Eindruck, dass auch hier die Zeit für eine "Gewinnwarnung" gekommen ist. Anfangs wurden die Migranten willkommen geheißen, weil ihre Einwanderung auch Deutschland Vorteile bringt: Sie verringern den Fachkräftemangel auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Der Familiennachzug gleicht die ungünstige demographische Entwicklung einer überalterten Gesellschaft aus. Inzwischen meldet die Wirtschaft, dass die Flüchtlinge nur zu einem geringen Teil sofort in den Arbeitsmarkt integrierbar sind. Viele scheuen eine zeitraubende Ausbildung und suchen nach Jobs, in denen sie schnell Geld verdienen. Ihnen bleibt auch kaum eine Wahl, da sie Schulden bei Schleppern begleichen müssen oder ihre Angehörigen in der Heimat unterstützen wollen. Die Migranten bringen nicht nur ihre Talente, sondern auch ihre Probleme mit. Und manchmal bereiten sie uns damit auch neue Probleme.

Dass es an der Zeit ist, offen über diese Probleme zu reden, macht die "Kölner Botschaft" deutlich, die von prominenten Kölnern (u.a. Kardinal Woelki) unterzeichnet wurde. Sie ist ein Plädoyer für einen unverstellten Blick auf die Exzesse in der Neujahrsnacht und auf die Versäumnisse von Polizei und Justiz im Umgang mit kriminellen Ausländerbanden. Sie verwahrt sich aber auch gegen fremdenfeindliche Hetze und wirbt für eine humane Flüchtlingspolitik.

Die Verfasser dieses Textes halten die Werte einer toleranten, gastfreundlichen und weltoffenen Stadt hoch. Sie sind Idealisten, aber nicht weltfremd oder realitätsblind. Als Idealisten gründen sie ihre Haltung nicht auf ein ökonomisches Renditedenken, innerhalb dessen sich Humanität rechnet. Sie sind realistisch genug, um zu wissen, dass dies keine stabile Basis für Humanität ist. Zugleich wissen sie um die realen Missachtungen, Aushöhlungen und Plünderungen humanistischer Ideale.

Es ist falsch, den Realismus als Widerpart des Idealismus auszugeben. Er ist die Voraussetzung, dass Idealisten einen langen Atem behalten können. Und er verhindert, dass Ideologen ihre krummen Geschäfte machen – etwa mit der Kritik an unrealistischen Hochrechnungen von Win-Win-Situationen.

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Hans-Joachim Höhn

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