Papst Benedikt. XVI. bei einer Messe im Vatikan
Das Pontifikat Benedikts XVI. war nicht frei von Kontroversen

Entscheidungen, die für Schlagzeilen sorgten

Am Ostersonntag wird Benedikt XVI. 90 Jahre alt. Mit einem Paukenschlag endete 2013 sein Pontifikat. Doch schon zuvor sorgten Entscheidungen des deutschen Pontifex für Schlagzeilen. Katholisch.de blickt auf die Kontroversen.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 11.04.2017

Am Anfang war Begeisterung: Wer erinnert sich nicht an die Jahrhundertschlagzeile "Wir sind Papst!" der Bild-Zeitung? Verständlich, dass viele deutsche Katholiken damals Stolz empfanden. Denn mit Joseph Ratzinger wurde am 19. April 2005 erstmals nach fast 500 Jahren wieder ein Deutscher zum Pontifex gewählt. Trotzdem fragten sich viele Gläubige weltweit, was sie von dem neuen Papst erwarten könnten. Immerhin schien der stille Intellektuelle Ratzinger so ganz anders zu sein als sein Vorgänger Johannes Paul II.

Mancherlei Zweifel konnten ausgeräumt werden, als Benedikt XVI. im August 2005 beim 20. Weltjugendtag in Köln die Massen begeisterte und sich ausgesprochen menschennah zeigte. Die "Benedetto! Benedetto!"-Rufe dürften in vielen Köpfen noch präsent sein. Doch während eines achtjährigen Pontifikats bleibt auch Kritik nicht aus. Welche Entscheidungen Benedikts beherrschten besonders die Schlagzeilen? Was waren seine Beweggründe? Aus Anlass seines 90. Geburtstages am Sonntag wirft katholisch.de den Blick zurück.

Missverstanden in Regensburg

Wie schnell Missverständnisse entstehen, weil ein Zitat aus dem Kontext gerissen wird, zeigte sich im September 2006. Benedikt XVI. besuchte für mehrere Tage seine Heimat Bayern. Dabei hielt er auch eine Vorlesung an der Universität Regensburg, wo er einst als Professor Dogmatik und Dogmengeschichte gelehrt hatte. Während des als "Regensburger Rede" bekannt gewordenen Vortrags fiel unter anderem der Satz: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

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Am Ostersonntag wird Benedikt XVI. 90 Jahre alt. Sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein hat nun verraten, wie der emeritierte deutsche Papst den Tag begeht.

Der Aufschrei in der muslimischen Welt war immens, gewalttätige Proteste folgten. Was anscheinend mehrheitlich übersehen wurde – oder möglicherweise auch übersehen werden wollte: Benedikt XVI. hatte lediglich den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos zitiert und anhand dieses Beispiels reflektiert, wie das Verhältnis von Religion und Gewalt bereits im Mittelalter diskutiert wurde. Eine umfassende Krisendiplomatie des Vatikans und die versöhnlichen Gesten des Papstes bei seiner Türkeireise wenige Wochen später konnten die Wogen in der "Causa Regensburg" wieder glätten.

Zulassung der "Alten Messe"

Kein Missverständnis, sondern eine bewusste Entscheidung des Papstes sorgte im Juli 2007 für Aufsehen. Benedikt erleichterte mit seinem Motu proprio Summorum Pontificum den Zugang zur vorkonziliaren Form der Messfeier, häufig als "Tridentinische" oder "Alte Messe" bezeichnet. Kritische Beobachter sahen darin einen deutlichen Schritt zurück vor die durch das Konzil angestoßene Liturgiereform. Befürworter bejubelten es als den Beginn einer längst fälligen Reform der Reform. Standen jetzt zwei Riten gleichberechtigt nebeneinander?

Deutlich betonte der Papst, dass es sich um zwei Formen des einen römischen Ritus handelt: die nachkonziliare als "ordentliche", die vorkonziliare als "außerordentliche Form". Das Feiern der letzteren ist auch nach 2007 noch immer an gewisse Bedingungen geknüpft. Ist aber eine priesterzentrierte Messfeier, in der die Gläubigen mehr oder minder stumme Beobachter sind, vereinbar mit der Gemeindemesse nach der Liturgiereform? Diese ist mit ihren verschiedenen Laiendiensten gerade von der tätigen Teilnahme aller Gläubigen geprägt, wie in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium gefordert (SC 14). Können somit beide Formen Ausdruck desselben Ritus sein? Die Meinungen dazu gingen und gehen auseinander.

Problematisch wird es dort, wo die "Alte Messe" als die einzig würdige Form der Messfeier betrachtet wird. Dies führt unweigerlich zu einer Spaltung unter den Gläubigen. Deshalb forderte Benedikt XVI. von den Anhängern der außerordentlichen Form auch die "Anerkennung des Wertes und der Heiligkeit des Ritus in seiner erneuerten Form". Um "eine innere Versöhnung in der Kirche" gehe es ihm mit dem Motu proprio, formulierte Benedikt im Begleitschreiben zu Summorum Pontificum. Somit waren die neuen Bestimmungen als ausgestreckte Hand des Papstes in Richtung der Traditionalisten – insbesondere der abgespaltenen Piusbruderschaft – zu verstehen.

Gefahr für den jüdisch-christlichen Dialog?

Benedikt XVI. verkündet den Kardinälen seinen Rücktritt.

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Die außerordentliche Messform erhielt im Februar 2008 durch die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden noch eine Modifikation. "Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen" heißt es da aus dem Lateinischen übersetzt. Die Überschrift "Pro conversione Iudaeorum" ("Für die Bekehrung der Juden") blieb erhalten. Inhaltlich ist die Neuformulierung jedoch gegenüber älteren Fassungen der Fürbitte entschärft, wo etwa von den "treulosen Juden" und der "Verblendung jenes Volkes" die Rede war.

Dennoch rief die Reform des Textes Proteste und Verstimmung in der jüdischen Welt hervor. Eine unterschwellige Aufforderung zur Judenmission sahen manche Kritiker; von einer Unvereinbarkeit mit der Konzilserklärung Nostra aetate, die die bleibende Erwählung des Judentums betont, sprachen andere. Eine Gefahr also für den jüdisch-christlichen Dialog? Aus dem Vatikan folgte kurze Zeit später eine Stellungnahme zur neuformulierten Fürbitte. Darin wird ausdrücklich betont, dass diese eine Ausnahme sei und keinen Bruch mit Nostra aetate und der nachkonziliaren Haltung der Kirche gegenüber dem Judentum bedeute – wobei eine theologische Erläuterung der Neufassung ausblieb.

Rückkehr der Piusbrüder

Die weitreichende Zulassung der "Alten Messe" 2007 war ein erstes Zugeständnis an die Traditionalisten, im Januar 2009 folgte ein weiteres. Benedikt XVI. hob die 1988 erfolgte Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. auf. Als damaliger Präfekt der Glaubenskongregation hatte Joseph Ratzinger Anteil an dem Bruch zwischen Rom und den Piusbrüdern. Als Papst suchte er nun die Aussöhnung, wollte einen neuen Dialog.

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Video: © Bistum Passau

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Zum Eklat kam es, weil fast zeitgleich ein TV-Interview mit einem der vier Bischöfe, Richard Williamson, veröffentlicht wurde, in dem dieser den Holocaust leugnete. Ein Proteststurm und monatelange Debatten folgten, vor allem in Deutschland. Hätte der Papst Kenntnis von dem TV-Interview gehabt, so hätte er wohl anders entschieden. Sein Handeln war begründet in der Sorge um die Einheit der Kirche. Das eigentliche Problem lag in der internen Kommunikation der Kurie, wie Benedikt selbst in einem Brief an die Bischöfe der Weltkirche vom März 2009 eingestand. Es wäre die Aufgabe seiner Berater gewesen, die Person Williamson im Vorfeld näher zu beleuchten; dieser war mehrfach durch antisemitische Äußerungen aufgefallen.

Die von Benedikt XVI. angestrebte volle Einheit zwischen Rom und Piusbrüdern ist indes noch nicht eingetreten. Aufgenommene Verhandlungen gerieten immer wieder ins Stocken, auch weil die Priesterbruderschaft Teile des Zweiten Vatikanischen Konzils bis heute nicht anerkennen will. Trotz weiterer Zugeständnisse vonseiten Roms – auch unter Papst Franziskus – steht die endgültige Rückkehr der Traditionalisten somit weiter aus.

Von Tobias Glenz