"Wallfahrt der Dackelfreunde" fand zum 12. Mal statt

Pilger auf vier Pfoten: Mit Dackeln auf Wallfahrt in Kevelaer

Aktualisiert am 08.09.2021  –  Lesedauer: 

Kevelaer ‐ Kevelaer am Niederrhein ist der zweitgrößte Marienwallfahrtsort in Deutschland. Jedes Jahr pilgern nicht nur Hunderttausende Menschen zum dortigen Gnadenbild, sondern auch einige Hunde. Katholisch.de war bei der zwölften Dackelwallfahrt nach Kevelaer dabei.

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Laica hat Glück. Das scheint die kleine Mischlingshündin auch zu wissen – zumindest nach der freudigen Bewegung ihres Schwänzchens zu urteilen. Immerhin hat Laica mit Roswitha ein Frauchen, das sie liebt und sich aufopfernd um sie kümmert. Rosi, wie sie schlicht genannt werden möchte, schiebt Laica in einem Tier-Buggy vor sich her. Die mit ihren 14 Jahren schon sehr alte Hundedame hat eine Herzinsuffizienz und daher große Schwierigkeiten, längere Strecken am Stück zu laufen. Auch wenn die zurückzulegende Entfernung bei der "Dackel-Wallfahrt" nach Kevelaer nicht lang ist, für Laica wäre eine Teilnahme an der diesjährigen Pilgerfahrt der Vierbeiner zur Muttergottes am Niederrhein, die am vergangenen Samstag stattgefunden hat, sonst nicht möglich gewesen.

Auf die augenzwinkernde Frage, ob Laica eine fromme Hündin sei, lacht Rosi und bejaht mit einem seligen Grinsen im Gesicht. "Wir haben schon einige Touren zu Kapellen und Wallfahrtsorten gemacht", sagt die Mitvierzigerin, die mit ihrem Vierbeiner in einer Kleinstadt unweit von Kevelaer lebt. "Ich bin eine gläubige Katholikin. Deshalb freue ich mich, dass es diese besondere Wallfahrt gibt." Bislang seien Laica und sie noch nicht dabei gewesen. "Das wollten wir dieses Jahr ändern." Die ergraute Hündin scheint ihre Teilnahme am Kreuzweg, mit dem die Wallfahrt beginnt, zu genießen: Aus der erhöhten Position heraus schaut sie die knapp 40 anderen Hunde an, schnuppert ihrem Geruch mit der Schnauze hinterher und bellt das ein oder andere Mal ein heiseres "Wau", um sich bemerkbar zu machen.

Bellen als "Hunde-Halleluja"

Von Station zu Station des Kreuzwegs rund um den Friedhof in Kevelaer zieht die Prozession aus Vier- und Zweibeinern betend und bellend voran. Der Großteil der Hunde sind Dackel, hauptsächlich Kurz- und Rauhaar, einige wenige Langhaarige sind auch dabei. Kein Wunder, denn die "Wallfahrt der Dackelfreunde", wie sie offiziell heißt, wird von der Regionalgruppe Niederrhein des Deutschen Teckelclubs 1888 e.V. organisiert. Eingeladen sind ausdrücklich aber alle Menschen und Hunde. So finden sich auch ein Windhund und weitere Hunde im Rudel der Pilger, die einem Dackel nicht im Entferntesten ähnlich sehen. Doch der zwischenhündischen Verständigung tut das keinen Abbruch: Fröhlich beriechen sie zum Kennenlernen ihr Hinterteil oder knurren sich kurz an, um klarzustellen, wer das Sagen hat. Fängt ein Hund zu bellen an, stimmen die anderen in Windeseile in den Chor ein: ein "Hunde-Halleluja", das die 14 Stationen des Kreuzwegs umweht.

Dackelwallfahrt Kevelaer
Bild: ©katholisch.de/rom

Laica sitzt in einem Buggy für Hunde während der Dackelwallfahrt nach Kevelaer.

Für die Herrchen und Frauchen ist die Dackel-Wallfahrt ebenfalls ein schönes Erlebnis. Viele der menschlichen Pilger sind im Rentenalter und scheinen sich zu kennen, sei es aus dem Teckelclub oder aufgrund vorheriger Teilnahmen. Doch auch zwei oder drei Familien mit Kindern haben sich dazugesellt. Was jeder Hundefreund weiß, dient bei der Wallfahrt dazu, sich kennenzulernen: Ein Hund ist der perfekte Beginn für ein Gespräch. So wird während des Kreuzwegs nicht nur viel gebellt, sondern es werden auch Neuigkeiten ausgetauscht. Die Freude darüber ist bei vielen erkennbar groß. Denn im vergangenen Jahr mussten die Dackel-Pilger wegen der Corona-Pandemie zuhause bleiben.

Dackel-Wallfahrt begann als privates Kreuzweg-Gebet

Auch der Vorsitzende der Dackelfreunde freut sich, dass die Wallfahrt wieder möglich ist. "In diesem Jahr findet sie zum zwölften Mal statt", erzählt Marcus – unter Hundefreunden duzt man sich – beim Gang zwischen zwei Kreuzweg-Stationen. "Vor mehreren Jahren sind einige Mitglieder unseres Clubs den Kreuzweg in Kevelaer gegangen, erstmal ganz privat", berichtet er. Die Idee sei auf große Zustimmung im Verein gestoßen und man habe sich 2008 erstmals als eigene Pilgergruppe bei der Kevelaer Wallfahrtsleitung angemeldet. "Das hat damals auch Fragen aufgeworfen, ob Hunde überhaupt zur Muttergottes pilgern können." Inzwischen gehört die Dackel-Wallfahrt fest zum Programm des zweitgrößten deutschen Marienwallfahrtsortes. In den Jahren vor Corona sind im Durchschnitt etwa 800.000 Menschen zum Gnadenbild der "Trösterin der Betrübten" nach Kevelaer gepilgert. In diesem Jahr sind etwas mehr als 70 Herrchen und Frauchen darunter – ihre Vierbeiner nicht mitgezählt.

Routiniert betet der Clubvorsitzende an jeder Kreuzweg-Station ein Gebet vor, liest eine Stelle aus der Heiligen Schrift und spricht eine kurze Meditation. Neben Marcus steht ein Dackelfreund, der ein schlichtes Holzkreuz der Gruppe voranträgt. Zu seinen Füßen liegt sein Dackel auf dem Boden und lauscht mit aufmerksamem Blick den kurz und knapp vorgetragenen Texten. Es bete zwar nicht jeder mit, sagt Marcus bedauernd. Doch am Niederrhein sei das Katholisch-Sein noch weit verbreitet und viele würden die Anliegen auch mittragen, ohne ihre Lippen zu bewegen – von den Hunden ganz zu schweigen.

Dackelwallfahrt Kevelaer
Bild: ©katholisch.de/rom

Eine Kreuzwegstation bei der Dackelwallfahrt nach Kevelaer. Der Vorsitzende des Dackelclubs fungiert auch als Vorbeter.

Beim Weg zur letzten Station klopft Marcus einem älteren Mann auf die Schulter, der mit einem Rollator unterwegs ist. Vor ihm geht sein Dackel und es sieht so aus, als würde der Hund sein Herrchen ziehen. "Schön, dass Du auch dabei bist, Jochen", sagt der Clubvorsitzende. Jochen, der einen Sehbehinderten-Anstecker an der Jacke trägt, freut sich, dass er begrüßt wird. Mehrere Hunde müssen seinem Rollator ausweichen, damit ihre Schwänze nicht unter dessen Räder kommen. Doch Marcus hat ein Auge auf die Situation. Unter Dackelfreunden passt man aufeinander auf.

"So viele Hunde, wie süß"

Nach etwa einer Stunde am Ende des Kreuzwegs wartet auf viele Hunde ein Höhepunkt der Wallfahrt: ein Brunnen, der mit seinem kühlen und frischen Wasser Abkühlung von der Hitze des spätsommerlichen Tages verspricht. Unter den hohen Bäumen, die den Weg von Station zu Station des Kreuzwegs bisher gesäumt hatten, konnte die Sonne ihre Kraft nicht ganz entfalten. Doch nun wird sie spürbar und mehrere Hunde springen ins kühle Nass. Gerade den Dackeln mit ihren kurzen Beinen müssen ihre Besitzer jedoch etwas helfen und sie in das Becken heben. Dort schwimmen und planschen sie und stillen ihren Durst mit dem Wasser, in dem sie sich befinden, während Marcus das letzte Gebet absolviert.

Nachdem die Hunde auf ihre Kosten gekommen sind, naht nun der Höhepunkt für Herrchen und Frauchen. Durch die Fußgängerzone bahnt sich die Wallfahrtsgruppe aus Hunden und Menschen ihren Weg zur Gnadenkapelle, wo seit dem Jahr 1642 ein kleines, aber wundertätiges Andachtsbildchen der Muttergottes verehrt wird. In den Cafés und Restaurants entlang des Wegs lassen die Reaktionen auf die gemischte Pilgerschar nicht lange auf sich warten: "So viele Hunde, wie süß", sagt ein kleines Mädchen zu ihrer Mutter. "Die Wallfahrt des Dackelclubs – dann ist Hausmeister Krause sicher auch nicht weit", ruft ein Mann mittleren Alters seinen Freunden mit einem Grinsen zu. Schließlich fangen mehrere Hunde am Straßenrand laut an, zu bellen. Das plötzliche Herannahen eines Rudels von etwa 40 Artgenossen scheint sie verunsichert zu haben. Die Pilger auf vier Pfoten lassen sich die Gelegenheit zum Antworten nicht entgehen und auf einmal hört es sich vor der Gnadenkapelle an wie in einer Hundeschule.

Dackelwallfahrt Kevelaer
Dackelwallfahrt Kevelaer
Dackelwallfahrt Kevelaer
Dackelwallfahrt Kevelaer
Galerie: 5 Bilder

Während einige Pilger mit ihren Hunden die Kapelle besuchen, warten die übrigen auf Mitglieder des Dackelclubs, die nicht am Kreuzweg teilgenommen haben, weil sie keine Zeit hatten oder die Wegstrecke ihren Tieren – und wohl auch sich selbst – nicht zumuten wollten. Ein Clubmitglied trägt nun eine Kerze unter dem Arm. Ansgar erzählt, dass die Dackelfreunde jedes Jahr eine besonders gestaltete Kerze für die Muttergottes stiften. "In diesem Jahr zeigt sie die Arche Noah", berichtete der Mann im besten Alter voller Stolz. "Wenn man genau hinsieht, erkennt man zwischen Giraffen und Elefanten auch zwei Dackel." Ob seine Hündin Maya für die Kerze Modell gestanden hat, verrät Ansgar aber nicht.

Tiersegnung am Arche-Noah-Brunnen

Langsam bewegt sich die Wallfahrtsgruppe die wenigen hundert Meter zum Arche-Noah-Brunnen vorwärts. Seit 1999 erinnert ganz in der Nähe der Gnadenkapelle eine wasserumspülte Bronze-Skulptur des mythischen Riesenschiffs, mit dem der Patriarch Noah jeweils ein Paar jeder Tier-Gattung vor der Sintflut gerettet hat, an den biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. Ein passender Ort für die nun anstehende Tiersegnung. Inzwischen ist ein Pastoralreferent zu den Pilgern gestoßen, der am Brunnen von der wichtigen Bedeutung spricht, die Tiere für den Menschen haben. Er geht auch auf die Corona-Hunde ein, die während der Pandemie von vielen Menschen aufgenommen wurden.

"Hoffentlich werden die nicht alle wieder zurück ins Tierheim gegeben", murmelt Rosi vor sich hin und blickt auf Laica, die in ihrem Buggy sitzt und hechelt. Nach der Segnung der Kerze besprengt der Seelsorger in der leuchtend weißen Albe auch die Hunde samt Herrchen und Frauchen mit Weihwasser. Rosi und Ansgar stellen sicher, dass auch ihre Vierbeiner etwas vom Segen abbekommen und bekreuzigen danach sich selbst. Der Zuspruch von Schutz und Segen bringt viele zum Lächeln. Er scheint für die rund um den Brunnen Versammelten das Wichtigste an der Wallfahrt zu sein. Rosi hat sogar eine kleine Träne im Auge, während sie ihre Hündin am Hals krault. Schließlich beginnt Laica laut zu bellen, ganz so, als wolle sie ihre Bekräftigung zum Abschluss des Segens geben. Die anderen Hunde stimmen in dieses "Amen" der Vierbeiner ein und rund um den Brunnen ist außer einem lauten Bellen, das in Richtung Himmel aufsteigt, nichts mehr zu hören.

Von Roland Müller