Mitglied des Kardinalsrats war Gast bei der DBK-Frühjahrsvollversammlung

Kardinal Gracias: Bin nicht allzu besorgt über Kirche in Deutschland

Aktualisiert am 15.03.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/Vierzehnheiligen ‐ Kardinal Oswald Gracias, Erzbischof von Bombay und enger Berater des Papstes, war zu Gast bei der DBK-Frühjahrsvollversammlung. Im katholisch.de-Interview spricht er über die Lage der Kirche in Indien, die Reform der vatikanischen Kurie – und seine Sicht auf den Synodalen Weg in Deutschland.

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Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) konnte vergangene Woche bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Vierzehnheiligen einen hochrangigen Gast begrüßen: Kardinal Oswald Gracias (77), Erzbischof von Bombay, Vorsitzender der Indischen Bischofskonferenz und Mitglied des Kardinalsrats, des Beratergremiums von Papst Franziskus. Katholisch.de sprach am Rande des Bischofstreffens mit ihm: über die Situation der Kirche in Indien, ihr Verhältnis zur hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP sowie die synodalen Prozesse in Indien und Deutschland. Außerdem erklärt er, was von der anstehenden Kurienreform im Vatikan zu erwarten ist.

Frage: Eminenz, die Katholiken machen zwei Prozent der gesamten indischen Bevölkerung aus. Wie ist es, zu einer so kleinen Minderheit zu gehören?

Gracias: Als Kind wuchs ich in Mumbai auf. Meine Nachbarn waren meist Christen oder Hindus, auch in der Schule. Unsere Religion machte für uns keinen Unterschied. Wir waren mit ihnen befreundet, wir gratulierten ihnen zu ihren Festen, sie schickten uns Wünsche zu Weihnachten. Die Tatsache, dass wir eine Minderheit sind, war nie ein Problem. Leider haben einige Politiker die Religion instrumentalisiert und behauptet, wir hätten diese oder jene Meinung aufgrund unserer Religion. Das verdirbt es ein wenig. Ich hatte sehr gute Beziehungen zu einigen Politikern, und ich habe den führenden Politikern auch gesagt, dass ich nicht glücklich bin. Ich habe ihnen gesagt, dass das, was sie tun, schlecht für das Land ist. Auf lange Sicht würde es zu einer Spaltung führen. Mich persönlich betrifft es nicht, ich habe immer noch Freunde, die anderen Religionen angehören. Aber ich bin mir bewusst, dass es jetzt eine größere Spaltung gibt. Man muss aber auch sagen: Das indische Volk, die Hindus, denken normalerweise nicht so. Sie wollen, dass alle eins sind.

Frage: Wie würden Sie allgemein die Beziehung zwischen der indischen Regierung und der katholischen Kirche beschreiben?

Gracias: Es ist gewiss respektvoll. Es ist unsere Regierung, wir haben sie gewählt. Deshalb: Wir sind in einem Dialog. Ich habe den Premierminister Narendra Modi mehrmals getroffen und ihm unsere Sorgen vorgetragen. Er hat sehr aufmerksam zugehört und wenn möglich gehandelt. Nicht alles kann in einem Dialog sofort gelöst werden, aber ich bin zuversichtlich, dass er sich weiter vertiefen wird. Das Verhältnis ist nicht oppositionell, die Kirche ist keine Oppositionspartei zur Regierung.

Frage: Gibt es eine Zusammenarbeit mit anderen Religionen?

Gracias: Die Muslime haben sich oft mit mir getroffen. Wir haben schon seit Langem einen erfolgreichen Dialog zwischen Christen und Hindus. Die Kirche nimmt immer eine Vorreiterrolle im interreligiösen Dialog ein. Wir hoffen, dass wir damit weitermachen können. Aber wir können noch mehr tun.

Fahnen vor der dem Frankfurter Congress Center
Bild: ©Synodaler Weg/Maximilian von Lachner (Symbolbild)

Führt der Synodale Weg zu einer Kirchenspaltung? Kardinal Gracias teilt diese oft geäußerte Sorge nicht.

Frage: Was sind momentan die größten Herausforderungen für die Kirche in Indien?

Gracias: Wir müssen sehen, wie wir den interreligiösen Dialog verbessern können. Das liegt mir sehr am Herzen. Wegen der Pandemie mussten wir die geplanten interreligiösen Programme einstellen. Ich hoffe, wir werden sie wieder aufnehmen. Dann gibt es natürlich auch interne Probleme. Unsere Berufungen sind rückläufig. Wir müssen das Glaubensleben und das Priestertum fördern, damit wir mehr Berufungen haben. Die Beteiligung der Gläubigen am kirchlichen Leben ist im Moment hoch, aber wir müssen dafür sorgen, dass das so bleibt. Wir müssen uns den Herausforderungen von heute stellen.

Frage: Wie groß ist das Problem des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Indien?

Gracias: Es ist nicht am Explodieren. Aber es gibt, was den Missbrauch angeht, eine Kultur des Schweigens. Wir sollten wachsamer und sensibler für das Problem sein. Wir haben zum Beispiel in Mumbai ein Zentrum für Schutzmaßnahmen eingerichtet, das hoffentlich dazu beitragen kann, sexuellen Missbrauch besser zu verhindern.

Frage: Mit Blick auf die Kirche hier in Deutschland: Wie gut sind Sie über deren aktuelle Situation informiert?

Gracias: Nicht allzu sehr. Wegen der Pandemie gab es nur wenige Treffen mit deutschen Bischöfen, zum Beispiel in Rom. Aber ich kenne natürlich den Synodalen Weg und seine Diskussionen.

Frage: In vielen Teilen der katholischen Welt scheint man den Synodalen Weg mit Sorge zu betrachten. Manche befürchten, dass ein Schisma die Folge sein könnte. Was meinen Sie dazu?

Gracias: Das habe ich auch gelesen. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Die Kirche hatte schon früher mit Unstimmigkeiten zu tun und hat sie überwunden. Ich bin nicht allzu besorgt: Der Papst hat die ganze Kirche aufgefordert, über die Synodalität zu diskutieren. In diesem Sinne werden wir weitergehen. In Asien planen wir gerade eine Generalkonferenz der FABC, der Föderation der asiatischen Bischofskonferenzen. In Vorbereitung darauf haben wir begonnen, den Gläubigen zuzuhören, was sie uns zu sagen haben. Wenn man darüber nachdenkt: In gewisser Weise ist es so, dass man dabei den Heiligen Geist entdeckt. Ich bin nicht allzu besorgt über die Kirche in Deutschland. Ich denke, sie hat eine starke Führung und klare Denker. Aber sicherlich werden nicht alle zufrieden sein.

Der Petersdom und der Petersplatz im Vatikan.
Bild: ©stock.adobe.com/a_medvedkov (Symbolbild)

Vom Dokument zur Kurienreform sind laut Kardinal Gracias keine großen Überraschungen zu erwarten.

Frage: Ist es in der indischen Kirche auch ein Thema, wie man Laien an der Leitung der Kirche teilhaben lässt, insbesondere Frauen?

Gracias: In Vorbereitung auf die Weltbischofssynode 2023 haben wir in Indien begonnen, jede Diözese ins Boot zu holen. Ich habe die Ergebnisse noch nicht gesehen, aber ich denke, das ist nicht sehr kontrovers. Das sind sicherlich wichtige Themen, und wir diskutieren sie.

Frage: Sie sind auch Mitglied des Kardinalsrates, der Papst Franziskus bei der Reform der vatikanischen Kurie berät. Wann wird das Dokument endlich veröffentlicht?

Gracias: Wir haben unsere Arbeit abgeschlossen. Es hat lange gedauert, viel länger als wir erwartet hatten. Jetzt ist der Heilige Vater am Zug. Ich dachte, bis Ostern, aber jetzt heißt es, dass es bis Juni oder sogar Juli dauern wird. Das Dokument ist jetzt im Prozess der Überprüfung durch Experten. Aber der Heilige Vater hat bereits einige Schritte unternommen, zum Beispiel bei der Reform einiger vatikanischer Dikasterien. Ich denke, wenn das Dokument schon herausgekommen wäre, als wir unsere Arbeit beendet hatten, wäre es ein kleines Erdbeben gewesen. Aber ich kann nicht sagen, wann es genau kommen wird. Der Heilige Vater hat gesagt, es wird noch "technisch" geprüft, damit es keinen Widerspruch zum Kirchenrecht gibt.

Frage: Wird es irgendwelche größere Überraschungen geben?

Gracias: Nein, es wird keine großen Überraschungen geben. Das Hauptziel des Dokuments ist es, die Kurie in den Dienst der Bischöfe und in den Dienst des Papstes zu stellen. Die Kurie soll die Bischöfe nicht beaufsichtigen – das ist die weitreichende Änderung, die eingeführt werden soll. Und das wird auch in dem Dokument zum Ausdruck kommen.

Von Matthias Altmann