Wie wir uns beim gemeinsamen Essen vereinen – wie Jesus beim letzten Abendmahl

Dinner für Dreizehn: Einladung zum Abendessen

Aktualisiert am 11.04.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Die Krönung des Kochens ist das gemeinsame Essen, schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Das galt auch für Jesus, besonders bekannt beim letzten Abendmahl mit den Jüngern kurz vor seinem Tod. Das ist auch heute noch umzusetzen.

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Was machte ich heute bloß zum Abendessen? Die Inspiration dafür ist nicht weit entfernt: Im Fernsehen laufen Reality-Kochshows rauf und runter, in den Buchläden und Online-Shops zählen Kochbücher zu den Verkaufsschlagern, jede Menge Foodblogs, Video-Kanäle und Instagram-Accounts liefern Kochrezepte und Anleitungen zum kalorienarmen, veganen oder klimaneutralen Kochen und Backen für Gourmets. Nicht zu vergessen Foodporn, die jüngste Herausforderung für Hobby-Fotografen und Home-Stylisten, deren kunstvolle Essenskreationen einem schon beim Anschauen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

Etwas Feines zum Essen und Trinken zuzubereiten und es zuhause lieben Gästen am schön gedeckten Tisch oder beim Picknick zu servieren, steht auf der Beliebtheitsskala weit oben.  Viele werden zu kulinarischen Höchstleistungen angespornt und so mangelt es nicht an Ratgebern und Influencerinnen, die einem die Rafinessen der feinen Küche vermitteln.

Die Krönung des Ganzen ist und bleibt das gemeinsame Essen, am besten am Abend, denn da haben die meisten von uns mehr Zeit und Muße als tagsüber, in vielen Ländern und Kulturen ist das Abendessen ohnehin die Hauptmahlzeit. Es gibt unzählige Bilder von solchen Abend-Gesellschaften, modern oder barock, fotografiert, gemalt, gezeichnet, in Stein gemeißelt oder aus Holz geschnitzt. Ein ganz bestimmtes Abendessen zählt zu den bekanntesten Bildern der Welt, das "Letzte Abendmahl" (L’Ultima Cena) von Leonardo da Vinci. Das Bild hängt nicht etwa in einem Museum oder in einer Kirche, sondern der Künstler hat es zwischen 1494 und 1497 an eine Wand im Speisesaal (!) des Klosters der Dominikaner in Mailand gemalt, wo es bis heute besichtigt werden kann. Es hat die riesigen Ausmaße von neun auf vier Metern und ist selbst nach 500 Jahren, mit leicht verblassten Farben absolut beeindruckend. So beeindruckend über Generationen hinweg, dass es eines der am meisten kopierten Bilder ist, etwa als Replik des Originals in allen möglichen Größen, als Neu-Adaption oder als Parodie, in Pop-Art von Andy Warhol, mit den Simpsons, mit Soldaten und Soldatinnen oder als Vorlage für ein Werbe-Video für das passende Getränk zum Gastmahl.

Ein verwaschenes altes Wandgemälde, das 13 Männer an einem Tisch zeigt. In der Mitte ist Jesus Christus; rechts und links von ihm sind seine aufgebrachten 12 Jünger.
Bild: ©picture-alliance/MAXPPP

"Das Abendmahl" von Leonardo da Vinci. Das monumentale Wandgemälde im Mailänder Dominikanerkloster ist die bekannteste Darstellung der Auftaktszene zur Passion Christi.

Das weltbekannte Bild eines Abendessens zeigt keinen geringeren als Jesus mit seinen Jüngern beim sogenannten letzten Abendmahl. Diese Szene ist tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägt, auch weil wir uns dieses Geschehen sehr vertraut ist: durch gemeinsames Essen in der Familie, wohl eine der prägendsten Erfahrungen unserer Kindheit, genauso wie durch Einladungen zu einem netten Abendessen im Freundeskreis. Neben diesem Grundvollzug menschlichen Lebens, dem gemeinsamen Essen, wird beim letzten Abendmahl natürlich auch die religiöse Komponente deutlich. Denn hier versammelt sich Jesus zum letzten Mal mit seinen Jüngern vor seiner Verhaftung und Kreuzigung, das Szenario ist eben ein Abendessen. Die Evangelien berichten uns davon auch als historisches Ereignis, im Leben der Kirche ist das "Abendmahl" Jesu als liturgische Feier und Sakrament das Zeichen der Gegenwart Gottes schlechthin. "Eucharistiefeier" bedeutet nichts anderes als das, was Jesus bei diesem Abend selbst als Gebet gesprochen hat, die "Danksagung" für Brot und Wein bzw. heute für die Selbst-Hingabe Jesu für uns Menschen.

Auch in der Bibel gab es das eine oder andere Festmahl

"Christsein heißt miteinander essen", bringt es der Bibelwissenschaftler Franz Mußner auf den Punkt. Das ist so einfach wie genial. Essen ist nicht nur essen. Es ist viel mehr als nur Nahrung aufzunehmen, um den Hunger zu stillen. Essen ist mehr als nur ein Fertigprodukt alleine in sich hinein zu futtern und dabei Nachrichten auf dem Handy lesen. Schon die Vorbereitung des Essens für mich, für andere, und umgekehrt die Einladung von jemandem zum Essen sind beide für sich etwas Besonderes. Liebe geht durch den Magen, man schmeckt, wenn jemand mit Liebe kocht. Und man freut sich als Gast, willkommen zu ein und mit einem liebevoll zubereiteten Essen beschenkt zu werden: Schön, dass du da bist!

Wie wichtig das gemeinsame Essen für Jesus war, zeigen viele Bibelstellen. Es geht darin aber nicht um ein opulentes Festmahl, sondern darum, dass Menschen miteinander teilen: ihr Essen, ihre Freude wie auch ihre Sorgen. Für Jesus ist bei all diesen Gastmähler entscheidend, das Brot miteinander zu teilen, einander zuzuhören, sich gegenseitig ernst- und anzunehmen. Deutlich wird das zum Beispiel bei der Speisung der Fünftausend oder beim Gastmahl des Zachäus. Jesus selbst ist zu Gast bei Zöllnern, Pharisäern, er isst am gleichen Tisch mit öffentlich bekannten Sündern. Für das religiöse Establishment seiner Zeit ist das ein Affront, der traditionelles Denken komplett auf den Kopf stellt. Für Jesu Jünger und Jüngerinnen, also auch für uns Christen heute ist sein Handeln bleibender Auftrag. Das Essen mit Jesus verwandelt. Es passiert etwas mit den Menschen, wenn ihnen das Reich Gottes verkündet wird.

Das letzte Ma(h)l

Am Abend vor seiner Hinrichtung, von Todesahnungen erfüllt, sehnt sich Jesus danach, noch einmal, zum letzten Mal, mit seinen engsten Freunden zu essen. Er bittet sie, einen passenden Raum zu finden und das Essen und alles Nötige vorzubereiten. Sie begehen diesen Abend nach jüdischer Tradition als Passah-Fest in Erinnerung daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hat. Heute ist dieser Abend, an dem die Liturgie der Kirche des letzten Abendmahls Jesu gedenkt, der Auftakt der drei österlichen Tage. Und es wird deutlich, Jesus hat sich selbst hingegeben wie Brot und Wein. Dadurch stiftet er Gemeinschaft unter den Menschen. Nach seinem Leidensweg und Tod am Kreuz sind die Jünger deshalb erst einmal absolut traurig und enttäuscht. Der, von dem alles ausging, ist nicht mehr da. Bis einige ihm begegnen auf dem Weg nach Emmaus. Doch unterwegs erkennen sie Jesus nicht, erst beim gemeinsamen Abendessen gehen ihnen die Augen auf (Lk 24,31).

Beim Abendessen erkennen sie ihn. Daran, wie er Brot und Wein mit ihnen teilt und dafür dankt. Nicht im Nobel-Restaurant, nicht bei Fast-Food, sondern bei einem ganz normalen Abendessen. Das auch heute umzusetzen, ist nicht schwer. Gemeinsam Brot essen, Dank sagen, wie Jesus es getan hat, und ein Stück Leben miteinander teilen – so werden alle satt und dann ist Jesus mitten unter uns.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.