Offenlegung von Betroffenen-Klarnamen durch Ackermann sei "grober Fehler"

Bätzing: Rücktritt von Speyerer Generalvikar war großer Schock

Aktualisiert am 21.05.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Vor einer Woche machte der Speyerer Generalvikar Andreas Sturm öffentlich, dass er die Kirche verlässt und alt-katholisch wird. Nun hat der DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing erklärt, warum er Sturms Entscheidung bedauert.

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Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hat den Rücktritt des Speyerer Generalvikars Andreas Sturm als einen großen Schock bezeichnet. Der ehemalige Verwaltungschef des Bistums habe "kraftvoll" an Veränderungen in der Kirche gearbeitet, sagte Bätzing im Interview der Woche des Deutschlandfunks, das am Sonntag ausgestrahlt wird. Sturms Wort habe "Gewicht, wenn jemand in dieser Position und mit dieser Kraft sagt, ich vertraue nicht darauf, dass es gut weitergehen kann, dann irritiert das sehr viele Menschen. Das spüre ich im Moment. Das ist überall Thema."

Der Limburger Bischof sagte, er bedauere sehr, dass es Gegnern von Veränderungen "Wasser auf die Mühle" gebe: "Ich bekomme Mails, in denen steht: 'Der hat es richtig gemacht. Die Kirche ist nicht zu verändern. Sie soll nicht verändert werden. Und bitte gehen Sie auch. Dann haben wir ein Problem weniger und Sie auch.' Das ist bitter für mich", betonte Bätzing.

Auf die Frage, ob es auch für ihn eine Schmerzgrenze gebe, an dem er sage, wenn sich nichts ändere, dann wolle er nicht mehr Bischof sein, sagte Bätzing: "Ja, die gäbe es, wenn ich den Eindruck hätte, dass sich nichts ändert. Aber ich habe den Eindruck, es ändert sich im Moment gravierend viel."

Der 47-jährige Sturm war Mitte Mai zurückgetreten. Er wolle künftig als Priester in der alt-katholischen Kirche tätig sein, schrieb er in einer persönlichen Erklärung. "Ich habe im Lauf der Jahre Hoffnung und Zuversicht verloren, dass die römisch-katholische Kirche sich wirklich wandeln kann." Sein Nachfolger im Amt des Generalvikars ist Markus Magin (57).

Porträtfoto von Andreas Sturm
Bild: ©Bistum Speyer

Andreas Sturm war bis zu seinem Rücktritt im Mai 2022 Generalvikar im Bistum Speyer. Er kündigte an, künftig als Priester in der alt-katholischen Kirche zu wirken.

Die Offenlegung des Klarnamens einer unter Pseudonym bekannten Betroffenen sexueller Übergriffe durch Bischof Stephan Ackermann bezeichnete Bätzing weiter als einen "groben Fehler". Das habe der Trierer Oberhirte "ja gleich gesagt", so der DBK-Vorsitzende. Er verwies darauf, dass Ackermann das Amt des Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda zur Herbstvollversammlung im September abgeben werde. Es brauche "eine neue Aufstellung". Er, Bätzing, habe persönlich "sehr ausführlich" mit Ackermann darüber gesprochen; "auch, um wissen zu können, wie er agiert und wie er das einschätzt".

Ein solcher "grober Fehler" habe nicht vorkommen dürfen, sagte der Bischof von Limburg; und weiter: "Sind wir in der Lage sagen zu können, es gibt keine Fehler mehr? Auch mit solchen Konsequenzen? Auch, dass dann Betroffene wirklich noch mal tief traumatisiert und berührt sind? Ich kann Ihnen das nicht versprechen."

Mitte Mai hatte Ackermann angekündigt, sein Amt als Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz abzugeben, das er 2010 übernommen hatte. Zugleich kündigten die Bischöfe an, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in kirchlichen Zusammenhängen neu aufzustellen.

Bätzing würdigt Ackermanns Arbeit als Missbrauchsbeauftragter

Es brauche möglichst bald eine breitere Verantwortungsstruktur, damit die Kirche in Deutschland der Vielschichtigkeit der Missbrauchsthematik künftig noch mehr gerecht werden könne, erklärte Ackermann damals. Bätzing hatte gesagt, ohne Ackermanns Wirken seien etwa die Interventions- und Präventionsordnung der Bischofskonferenz und andere Dokumente nicht denkbar, insbesondere die 2018 veröffentlichte MHG-Studie zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen.

Ackermann war als Beauftragter federführend mit der Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche befasst. Gemeinsam mit dem damaligen Beauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, erarbeitete er für die Bischofskonferenz eine 2020 verabschiedete Kriterien zur strukturellen Aufarbeitung in allen deutschen Diözesen.

Zuletzt geriet Ackermann massiv unter Kritik, weil er den Klarnamen einer Betroffenen offengelegt hatte. Die Frau aus dem Bistum Trier, die selbst Angestellte des Bistums ist, hatte als "Karin Weißenfels" mehrfach von "geistlichem Missbrauch" und sexuellen Übergriffen durch einen Priester vom Ende der 1980er bis Anfang der 2000er Jahre berichtet.

Ackermann hatte ihren bürgerlichen Namen vor etwa 40 Mitarbeitenden des Bistums genannt. Er unterschrieb danach eine Unterlassungserklärung und bat die Frau um Entschuldigung. Betroffeneninitiativen und der Betroffenenbeirat der Bischofskonferenz kritisierten Ackermanns Verhalten und legten ihm den Rücktritt nahe.

Vorfreude auf Katholikentag

Rund um das Rücktrittsangebot des Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Maria Woelki gebe es aus Sicht Bätzings zudem Unklarheiten. "Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich habe das bis heute noch nicht wirklich verstanden", so der DBK-Vorsitzende. "Der Erzbischof von Köln hat das ja selber gemeldet, er habe den Rücktritt angeboten. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Rom auch so angekommen ist." Woelki hatte Papst Franziskus wegen der Querelen um die Missbrauchsaufarbeitung in seinem Erzbistum seinen Rücktritt angeboten. Eine Entscheidung darüber steht aus.

Er wisse nicht, "auf welche Weise das kommuniziert worden ist", sagte der Limburger Bischof und ergänzte: "Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz spielt in dieser Frage überhaupt keine Rolle für Rom. Wenn er sich nicht irgendwie einschaltet, bekommt er auch keinerlei Informationen; keinerlei."

Zudem betonte Bätzing die Bedeutung des kommenden Katholikentags in Stuttgart für den kirchlichen Zusammenhalt betont. "Ich freue mich sehr auf den Katholikentag - ich muss es sagen -, weil es vor allem nach den Zeiten von Corona so wichtig ist, sich wieder in die Augen zu sehen, wirklich miteinander zu diskutieren, zu feiern, zu beten, Gottesdienst zu haben", sagte der Limburger Bischof. Der 102. Deutsche Katholikentag findet unter dem Leitwort "leben teilen" vom 25. bis 29. Mai 2022 in der baden-württembergischen Landeshauptstadt statt.

"Ich erwarte, dass das mich stärkt. Und so geht es, glaube ich, vielen Menschen", fügte Bätzing hinzu: "Aber wir müssen auch die Themen besprechen, die anstehen, innerkirchlich und, das ist ja die Stärke des Katholikentages, sich einzumischen in die gesellschaftlich relevanten Themen. Da haben wir gewaltige Themen, die auch die Stimme der katholischen Kirche brauchen." (rom/KNA/epd)

21.05., 15 Uhr: ergänzt um weitere inhaltliche Punkte.