Belgischer Bischof über den Synodalen Weg und Konflikte mit dem Vatikan

Bonny: Unsere Segnungen für Homosexuelle sind auf Linie mit dem Papst

Aktualisiert am 30.09.2022  –  Lesedauer: 

Fulda ‐ Johan Bonny ist Bischof von Antwerpen und Beobachter des Synodalen Wegs. Bereits bei der jüngsten Synodalversammlung hat er deutliche Worte gefunden. Mit katholisch.de spricht er über die schwierige "Sandwich-Position" der deutschen Bischöfe, germanische Tugenden und Gespräche mit Papst Franziskus über Segnungen homosexueller Paare.

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Wie soll die Kirche der Zukunft aussehen? Wie umgehen etwa mit Frauen und sexuellen Minderheiten? Diese Fragen stellen sich nicht nur dem Synodalen Weg in Deutschland. Die flämischen Bischöfe hatten zuletzt Leitlinien für Segensfeiern auch für gleichgeschlechtliche Paare veröffentlicht. Johan Bonny ist Bischof von Antwerpen und Beobachter des Synodalen Wegs. Bei der Vollversammlung hielt er hinter verschlossenen Türen einen Vortrag für die deutschen Bischöfe. Im Interview spricht er über Synodalität und unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Welt.

Frage: Herr Bischof Bonny, bei der Synodalversammlung haben Sie klare Worte in Richtung Ihrer deutschen Mitbrüder gefunden und gesagt, sie seien "müde und angespannt". Wie sind Sie zu dem Urteil gekommen?

Bonny: Ich habe die Situation beobachtet und es so wahrgenommen. Ich habe dafür aber Verständnis. Es ist nicht einfach, sich als Bischof in dieser "Sandwich-Position" zwischen dem eigenen Kirchenvolk und Rom zu befinden. Dazu kommt die Missbrauchssituation in der Kirche in Deutschland und weltweit, die Säkularisierung der Gesellschaft und dann leitet man noch eine ganze Diözese mit Katholiken unterschiedlicher Richtungen. Gleichzeitig will man als Bischof dann auch noch die frohe Botschaft Jesu Christi vermitteln. Das alles ist nicht einfach. Dennoch hilft es nicht, sich zurückzuziehen: Wenn wir bei unserem Volk bleiben, gibt es uns neue Kraft, neue Ideen und nicht nur neue Probleme.

Frage: Nun scheinen nicht alle Bischöfe bei ihrem Volk bleiben zu können oder zu wollen, wenn man sich die Abstimmungsergebnisse bei der vergangenen Synodalversammlung ansieht…

Bonny: Ich würde das nicht so negativ sehen. Man fühlt zwar die Spannungen, aber die Katholiken in Deutschland haben auch hart gearbeitet. Sie haben mit dem Synodalen Weg etwas getan, das auch wir in Belgien so noch nicht gemacht haben. Sie haben alle Probleme der Kirche, die bisher unter den Teppich gekehrt wurden, offengelegt. Dadurch treten Differenzen zu Tage. Das ist aber nicht schlimm. Ich habe den Bischöfen gesagt, dass es im guten Sinne eine germanische Tugend ist. In Südeuropa ist man noch nicht so weit.

Frage: Also sehen Sie die Differenzen zwischen den Bischöfen – etwa beim Grundtext für eine neue Sexualmoral der Kirche – nicht als Problem?

Bonny: Ich denke, jeder Bischof versucht auf seine Weise in der Wahrheit zu bleiben. Es ist aber nicht so, dass die eine Seite in der Wahrheit steht und die andere nicht. Vielmehr ist die Wahrheit komplex. Man sollte die unterschiedlichen Aspekte der Wahrheit daher zusammenbringen. Diese Synode soll kein akademisches Traktat schreiben, sondern ist eine Momentaufnahme dessen, was die meisten Katholiken – Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien – in Deutschland denken. Es ist daher zwar nicht unwichtig, ob der Grundtext 75 oder 80 Prozent Zustimmung bekommt, aber es ist nicht alles. Der Text ist in der Welt und wird ein Eigenleben entwickeln.

Frage: Bei der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda durften Sie nun noch einmal hinter verschlossenen Türen zu Ihren Amtsbrüdern sprechen. War es eher ein theologischer Vortrag oder ein emotionaler Appell?

Bonny: Ich bin auch ein bisschen germanisch und versuche nicht emotional zu sein. (lacht) Ich habe einige Gedanken dazu eingebracht, wie das Miteinander von Bischöfen auf nationaler Ebene und in der Gemeinschaft mit dem Papst gelingen kann. Gleichzeitig habe ich Vorschläge gemacht, wie Synodalität unter Einbezug der Gläubigen gelebt werden kann.

Frage: Synodalität ist aber nicht loszulösen von inhaltlichen Themen, die synodal verhandelt werden. Sie sagen, Sie haben in Belgien die gleichen Themen – Ämter für Frauen, Zölibat, Sexualmoral – wie der Synodale Weg auf der Agenda. In Irland, Australien oder der Schweiz ist es nicht anders. Warum gibt es weltweit dennoch so viel Widerstand gegen den Synodalen Weg?

Bonny: Die Kirche ist Teil dieser Welt. Und die Welt ist nicht eins: nicht politisch, nicht ökonomisch und nicht kulturell. Weltweit will die Kirche das Evangelium verkünden. Aber sie richtet sich jeweils an sehr unterschiedliche Menschen. Daher wird die Frage nach dem "Wie" der Verkündigung auch sehr unterschiedlich beantwortet. Das ist die Wirklichkeit.

Bild: ©picture alliance/Daniel Kalker

Aus Rom kommen immer wieder kritische Stellungnahmen zum Synodalen Weg.

Frage: Auch aus Rom gab es Kritik am Synodalen Weg. Glauben Sie, dass die bei uns verhandelten Themen auch beim weltweiten synodalen Prozess eine Rolle spielen werden?

Bonny: Ich kann mir aktuell noch überhaupt nicht vorstellen, wie die weltweite Phase dieses Prozesses ablaufen wird. Aber ich sage: Man kann das Wasser nicht wieder nach oben fließen lassen. Die Geschichte wird ihren Lauf nehmen – wenn auch nicht überall gleich schnell.

Frage: Glauben Sie, dass der Synodale Weg die Spaltung innerhalb der Kirche eher vertieft oder für einen Aufbruch gesorgt hat?

Bonny: Er hat nicht gespalten, sondern die Wunden der Kirche offengelegt. Eine Eiterbeule – wie etwa der Missbrauchsskandal in der Kirche eine ist – kann nämlich nicht von alleine heilen. Die Wunde muss geöffnet und gereinigt werden. Das ist nicht einfach. Aber erst dann kann sie heilen.

Frage: Ein großes Kampfthema in der Kirche ist das Thema Homosexualität. Warum ist das so?

Bonny: Weil auch dieses Thema lange totgeschwiegen und unter den Teppich gekehrt wurde. Bei uns in Westeuropa kommt es allerdings nun – auch durch die Gesamtgesellschaft – auf den Tisch. Also sprechen wir darüber. Allerdings passiert das noch nicht weltweit. Dieses unterschiedliche Tempo ist einer der Gründe. Ein anderer sind die unterschiedlichen moraltheologischen Traditionen, mit denen argumentiert wird. Diese Traditionen können sich verändern. Aber solche Prozesse sind nicht spannungsfrei. Für viele Menschen in der Kirche ist es grundsätzlich schwierig, ihre eigene Position und Perspektive zu ändern.

Frage: Sie selbst haben sich seit 2015 für die Segensfeier homosexueller Paare eingesetzt. Wie hat man darauf reagiert? Immerhin sind Sie noch Bischof…

Bonny: Ja, ich bin noch Bischof. Ich wurde nach Rom gerufen und habe dort gesagt, was meine Meinung dazu ist. Ich habe auch persönlich mit Papst Franziskus darüber gesprochen.

Frage: Was war das Ergebnis?

Bonny: Ich weiß jetzt, was er darüber denkt. Das ist für mich das Wichtigste. Und ich weiß, dass unsere Leitlinien für die Segnung homosexueller Paare, die wir kürzlich veröffentlich haben, auf einer Linie mit Papst Franziskus sind. Das ist mir wichtig, weil mir die Gemeinschaft mit dem Papst heilig ist. Es ist die Eigenverantwortung, die der Papst uns Bischöfen gegeben hat und die er auch unterstützt. Es müssen und können aber weltweit auch nicht zu jeder Zeit die gleichen Themen besprochen werden. Der Papst muss außerdem auch nicht alles auf Papier festhalten. Wie ich als Bischof auch nicht jedes Gespräch auf Papier festhalte.

Von Roland Müller und Björn Odendahl