"Coole Performance" oder "Priester naja": Wenn Kirchen bewertet werden
Glaubt man Internetnutzer Micha G., so hat er vor neun Monaten in der katholischen Kirche St. Cäcilia im niedersächsischen Bösel wohl einen ziemlich guten Gottesdienst erlebt. "Coole Performance durch den Pfarrer. JBL Boombox inclusive. Sehr schön", hat G. offenbar nach einer Messe in dem Gotteshaus in der kleinen Gemeinde im Landkreis Cloppenburg in einer Rezension bei Google Maps geschrieben. Zudem hinterließ er dort als Bewertung die Höchstzahl von fünf Sternen. Andreas Bley dagegen war von der Darbietung des Böseler Priesters offensichtlich weniger überzeugt: "Katholische Kirche, der Priester naja, sonst ist die Kirche gut", schrieb Bley einige Monate vor G. – und vergab trotzdem ebenfalls fünf Sterne.
Online-Rezensionen spielen seit Jahren eine immer wichtigere Rolle. Viele Internetnutzer orientieren sich vor dem Kauf von Produkten, bei der Planung einer Reise oder auf der Suche nach einem Arzt an den Bewertungen anderer Nutzer bei Google oder speziellen Bewertungs- und Vergleichsportalen – auch wenn nicht immer klar erkennbar ist, ob es sich um echte und damit vertrauenswürdige Rezensionen oder, bei auffallend guten Bewertungen, um versteckte Werbung handelt.
Fast 60.000 Google-Maps-Rezensionen zum Kölner Dom
Wer in seinem Alltag häufig Karten-Apps wie Google Maps oder Apple Karten nutzt, weiß, dass auch dort nahezu jedes Restaurant, jedes Geschäft und jedes bekannte Bauwerk bewertet wird. Dass gilt auch für berühmte Kirchen wie den Kölner Dom. Die Kathedrale des Erzbistums Köln ist seit vielen Jahren die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Deutschland. Deshalb überrascht es auch nicht, dass sich allein bei Google Maps fast 60.000 Rezensionen zu dem Gotteshaus finden – die meisten davon positiv bis euphorisch. "Das schönste Wahrzeichen in ganz Köln. Es ist immer wunderschön auf den Kölner Dom zu schauen. Wenn man ihn sieht, dann schlägt das Kölner Herz gleich viel höher", schrieb vor fünf Monaten etwa der Nutzer Paul Osesiak. Einen Monat zuvor postete Rony Weitz: "Der Eintritt im Dom war kostenlos! Wir sind nicht gläubig aber die Atmosphäre war super!"
Weniger bekannt dürfte dagegen sein, dass – wie im Fall der Böseler Kirche – auch kleine, unbekannte katholische Gotteshäuser in den Karten-Apps bewertet werden. Die User kommentieren und rezensieren dabei beinahe alles: die Architektur der jeweiligen Kirche, die Qualität der Predigten des örtlichen Pfarrers und die Art der seelsorglichen Angebote. Manche Nutzer danken mit ihrer Bewertung auch einfach nur für ein schönes Ereignis, das sie in der Kirche erlebt haben – etwa eine Taufe oder einen besonderen Gottesdienst.
Viele User nutzen aber auch die Gelegenheit, via Google Maps ihre kritische Sicht auf die katholische Kirche im Allgemeinen oder deren Personal vor Ort kundzutun – insofern ist die Karten-App durchaus auch ein guter Seismograf der gesellschaftlichen Stimmung gegenüber der Kirche. Beispiel St. Willehad in Oldenburg: Dort hinterließ der Nutzer "ich bin hier" vor einem Jahr in seiner Google-Rezension nur einen Stern, "einfach nur, weil die Kirche katholisch ist. Und Gott sei Dank, laufen immer mehr Mitglieder weg". Mit dieser negativen Bewertung steht "ich bin hier" zumindest bei St. Willehad aber weitgehend alleine da. Die meisten anderen User haben für das Gotteshaus und das Pfarrpersonal bisher positive Kommentare und fünf Sterne hinterlassen – so wie Carlos Ghost, der schrieb: "Super nett und freundlich. Absolut hilfsbereit. Klasse Menschen."
"Lebendige Gemeinde, gute Liturgie und anspruchsvolle Predigten"
Bei der Pfarrkirche Heilige Familie im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg loben gleich mehrere User die liturgischen Qualitäten des örtlichen Pfarreipersonals. "Ein Pfarrer, dessen Predigt innehalten lässt, eine Organistin mit engelsgleicher Stimme. Wir lieben diesen Ort", schrieb Jörg Beekmans vor drei Monaten. Und Konstantin Manthey kommentierte vor drei Jahren: "Eine meiner liebsten Kirchen (baulich und religiös). Lebendige Gemeinde, gute Liturgie und anspruchsvolle Predigten. Zum Hochamt kommen auch schon mal 100 Kinder um den Altar." Nur User "Pitti PLATSCH" scheint in der Pfarrei keine guten Erfahrungen gemacht zu haben. Sein oder ihr Kommentar über die Gemeinde lautet schlicht: "Nicht freundlich".
Kniebänke sind leider nicht gepolstert und das Brot trocken. Sonst gut.
Ein User in seiner Rezension über die Pfarrkirche St. Marien in Friesoythe
Sehr häufig kommentiert und fast immer negativ bewertet werden bei Google Maps auch läutende Kirchenglocken. So wie bei der Kirche St. Josef im Münchner Stadtteil Schwabing. "Sehr laut die Kirchenglocken", schrieb gerade erst in dieser Woche Nutzer "C. O." und vergab deshalb wohl nur einen Stern. Genauso schlecht bewertete Kevin John McGuire das Gotteshaus. Sein wohl negativ gemeinter Kommentar dazu: "Läutet jeden Morgen um 8.47 Uhr." Ähnlich äußerte sich User Jens Berlin, der offenbar in der Nähe der Berliner St. Johannes-Basilika lebt und wohl gerne länger schlafen würde: "Unzumutbare Lärmbelästigung. Müssen die Glocken wirklich um 8 Uhr morgens läuten? Müssen sie wirklich so lange klingeln? Und nochmal um 12? Und zufällig am Wochenende, oft für mehrere Minuten? Dies ist ernsthaft störend für Menschen, die einen langen Schlafplan haben."
Negative Rezensionen, die sich auf den kirchlichen Missbrauchsskandal beziehen, finden sich bei Google Maps dagegen kaum. Selbst bei Pfarrkirchen, von denen bekannt ist, dass dort in der Vergangenheit ein inzwischen überführter Missbrauchspriester tätig war, gibt es kaum entsprechende Kommentare.
Manche Rezensionen lassen den User schmunzeln
Dafür findet man immer wieder auch Rezensionen, die den Leser schmunzeln lassen. Wie bei der Pfarrkirche St. Marien im niedersächsischen Friesoythe. Dort hat ein User vor acht Monaten kommentiert: "Schönes Gebäude mit vielen Bildern. Kniebänke sind leider nicht gepolstert und das Brot trocken. Sonst gut." Fünf Sterne gab es trotzdem. Nutzerin Bettina Paul war da strenger in ihrem Urteil. Weil sie es in dem Gotteshaus "SAUKALT" fand, hinterließ sie als Bewertung nur einen Stern.
Trotzdem: Wer zum Beispiel auf Reisen ist und deshalb nicht in seiner heimatlichen Pfarrkirche zum Sonntagsgottesdienst gehen kann, hat durchaus die Möglichkeit, bei der Karten-App seines Vertrauens nach Kirchen an seinem aktuellen Aufenthaltsort suchen. Die Rezensionen anderer Internetnutzer können dabei helfen, einen Eindruck davon zu bekommen, ob es sich um eine architektonisch schöne Kirche mit einem engagierten, gut predigenden Priester und einer lebendigen Gemeinde handelt – also kurz: ob sich der Besuch des Gotteshauses lohnt.