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Ein beliebtes Thema im Wandel der (Kirchen-)Geschichte

Das so unbiblische wie fromme Motiv der Beweinung Christi

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Bonn - Die Evangelien erzählen nichts davon, dass Menschen über den Tod Christi weinen. Doch bereits in den apokryphen Schriften wird dieser Moment ausdrücklich berichtet: Diejenigen, die am Kreuz stehen, weinen über das Sterben Jesu. In der Kunst wurde das Thema aufgenommen und vielfältig bearbeitet.

"Stabat mater dolorosa iuxta crucem lacrimosa, dum pendebat filius" – "Christi Mutter stand mit Schmerzen bei dem Kreuz und weint von Herzen als ihr lieber Sohn da hing": Mit diesen Worten beginnt ein sehr alter Text, der wohl schon um 1200 bis 1300 entstanden ist. Aus wessen Feder der Text, dessen älteste Abschrift aus dem 13. Jahrhundert belegt ist, stammt, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Zugeschrieben wird er unter anderem dem Papst Innozenz III. oder dem Franziskanertheologen Bonaventura. Noch heute jedenfalls hat dieser Text seinen festen Platz in der Liturgie: Es ist die Sequenz am Gedenktag der Sieben Schmerzen Mariens, der am 15. September gefeiert wird. Aber auch in der österlichen Bußzeit wird das "Stabat mater", dessen Vertonung sich im Gotteslob befindet, gerne gesungen.

Es greift ein Thema auf, das in den vergangenen Jahrhunderten besonders in der Kunst immer wieder auftauchte: Die Trauer der Menschen um Christus, der gerade am Kreuz gestorben ist. Die "Beweinung Christi" wird uns im Neuen Testament nicht überliefert. Im Lukasevangelium hören wir lediglich davon, dass Menschen der Kreuzigung beiwohnten: "Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren und die dies mit ansahen." (Lk 23,49) Von einer Beweinung ist hier nicht die Rede, es wird auch sonst nicht erwähnt, dass die Menschen, die beim Kreuz standen, getrauert hätten. Vielmehr wird direkt auf den Kreuzestod Jesu seine Abnahme vom Kreuz und seine Beisetzung in einem neuen Felsengrab erwähnt. Von einem emotionalen Abschiednehmen ist jedenfalls nirgends in den Evangelien die Rede. Betont wird vielmehr die Hastigkeit, mit der der Leichnam beigesetzt werden muss, und das provisorische Moment, das dieser Bestattung innewohnt. Mit anderen Worten: Der Zeitdruck des Karfreitagabends erlaubt nur eine zügige Beerdigung des Leichnams, die es erforderlich macht, dass noch einmal jemand an das Grab kommt, um dem toten Jesus die letzte Ehre zu erweisen. So zielt die Erzählung von der Beisetzung im Felsengrab bereits auf den Ostermorgen, an dem sich die Frauen auf den Weg machen, um die am Karfreitag unterlassene Salbung des Leichnams nachzuholen. Das Motiv der Eile überdeckt in den Kreuzigungsepisoden das Motiv der Trauer, das nur hintergründig zum Ausdruck kommt.

Lücken wurden erzählerisch ausgefüllt

Doch die Menschen der frühen Jahrhunderte haben sich mit dieser Hintergründigkeit nicht zufriedengegeben. Sie wussten um die Emotionen, die aufbrechen, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Und sie konnten den Schmerz erahnen, den Maria erlitten haben muss, als sie sah, wie ihr Sohn ans Kreuz geschlagen wurde. Besonders die apokryphen Evangelien haben versucht, diese Lücken erzählerisch auszufüllen. So heißt es zum Beispiel im apokryphen Nikodemus-Evangelium: "Der Hauptmann aber meldete dem Statthalter das Geschehene. Als dieser und sein Weib das hörten, wurden sie von großer Trauer erfasst, und sie aßen nicht und tranken nicht an jenem Tage." Die Trauer, die in den kanonischen Evangelien nur implizit angelegt ist, kommt hier sehr deutlich zum Ausdruck. Ebenso wird die Trauer in einer weiteren apokryphen Schrift, nämlich dem Petrusevangelium, genannt. Dort heißt es: "Ich aber trauerte mit den Gefährten, und verstörten Sinnes versteckten wir uns (…)." Auch hier kommt zum Ausdruck, dass die Menschen, die mit Jesus zusammengelebt haben, nach dessen Tod um ihn getrauert und geweint haben.

In der bildenden Kunst werden diese Motive ab dem 11. Jahrhundert aufgenommen: Hier sind es zunächst die Szenen der Kreuzabnahme und der Grablegung, welche die Künstler zu neuen Werken inspirieren. Wahrscheinlich ist es gerade das Aufkommen der Passionsmystik in dieser Zeit, was die Maler anregt, sich verstärkt mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Freilich mag im Hintergrund auch eine theologische Idee mitgeschwungen sein: Dass der Tod Jesu nicht das Ende ist, sondern der Zeitpunkt seiner Erhöhung. Am Kreuz erhöht zieht Christus alle an sich, die Kreuzigung ist wesentlich Durchgang auf dem Weg zur Erhöhung zur Rechten des Vaters.

Im 11. Jahrhundert entwickelte sich eine besondere Passionsmystik. Das aus dieser Zeit stammende "Heilige Grab" in der Stiftskirche Gernrode ist ein typisches Beispiel dafür.

Eng zu diesem Themenkomplex gehören die Darstellungen der Pieta und der Beweinung. Beides sind sehr intime Momente: Menschen, die um einen Freund trauern, der am Kreuz gestorben ist. Und die Mutter Maria, in deren Schoß der Leichnam des Sohnes gelegt wird. Augenblicke, die nicht nur Intimität spiegeln, sondern auch Emotionen erzeugen. Gerade bei der Darstellung der Beweinung geht es explizit um die Abbildung der Trauer der Menschen. Doch bei aller Emotionalität strahlen solche Bilder auch eine erhebliche Ruhe aus: Der Todeskampf Jesu am Kreuz ist an ein Ende gekommen, die Stille des Karfreitags breitet sich nun endgültig über das Land. Wenn der Tod zu einem Menschen tritt, ist das oftmals auch mit dem Eintreten einer großen Ruhe verbunden. Der Leichnam Christi, der regungslose Körper liegt ruhig vor denen, die um ihn trauern. Bilder der Beweinung Christi sind immer paradoxe Darstellungen: Sie bilden große Emotionen ab und strahlen dennoch eine allumfassende Ruhe aus.

Andrea Mantegna, ein italienischer Künstler des 15. Jahrhunderts, hat eine Szene der Beweinung Christi gemalt. Er steht in der Tradition der Florentiner Schule und orientiert sich daher vor allem an Vorbildern der Antike. Die Szene der Beweinung Christi zeigt den Leichnam Christi, der auf die Bank des Felsengrabes gebettet ist. Am linken Bildrand sind zwei Personen zu sehen, wobei sich eine Person offensichtlich mit einem Taschentuch Tränen aus dem Gesicht wischt. Beide Figuren scheinen an der Grabbank zu knien. Das Zentrum und zwei Drittel des Bildes füllt der Leichnam des Gekreuzigten aus. Er ist an den Wundmalen an den Füßen und den Händen sowie einer angedeuteten Seitenwunde identifizierbar. Die Bank, auf die man den Leichnam gelegt hat, ähnelt einem Bett: Am Kopfende ein angedeutetes Kissen, die Steinbank gleicht einer Matratze, das Leichentuch liegt wie eine Decke über der unteren Körperhälfte des toten Mannes.

Viele verschiedene Blicke auf ein Motiv

Eine andere Darstellung ist die "Glimsche Beweinung" die um das Jahr 1500 entstanden ist. Ihr Künstler ist der berühmte Nürnberger Renaissancemaler Albrecht Dürer. Der Nürnberger Bürger Albrecht Glim hat das Werk in Auftrag gegeben, daher rührt auch der Name des Bildes. Das Gemälde zeigt wiederum die Beweinung Christi, allerdings in einer ganz anderen Manier als Mantegna. Den Mittelpunkt des Bildes bildet der Leichnam Christi, der vom Kreuz abgenommen in einem Leichentuch liegt. Die rechte Hand des Leichnams wird von einer Dame gehalten. Insgesamt sind fünf Frauen und drei Männer um den toten Christus versammelt. Sie lassen sich nicht identifizieren; dargestellt sind aber wohl auf jeden Fall Maria, die Mutter Jesu, der Lieblingsjünger Johannes sowie der Ratsherr Josef von Arimathäa. Zwei Personen tragen Gefäße in den Händen, vermutlich handelt es sich um die Gewürze, die zur Balsamierung des Leichnams verwendet werden. Eindeutig ist das Klagen und Weinen der Menschen zu erkennen: Die Gesichtsausdrücke sind ernst, eine Dame erhebt klagend beide Hände, der mutmaßliche Lieblingsjünger hat die Hände gefaltet. Während die Dornenkrone in der Mitte des unteren Bildrands gezeichnet ist, ist in der oberen Bildhälfte das Kreuz nur durch den Längsbalken angedeutet. Im Hintergrund ziehen dunkle Wolken über einer Stadt in einer gebirgigen Landschaft auf. In der unteren Bildhälfte sind fünf kleinere Personen zu erkennen, die anbetend vor dem Leichnam knien. Vermutlich handelt es sich hierbei um den Stifter und seine Familie, die Dürer hier in die Szenerie integriert hat.

Viele berühmte Künstler haben sich an diesem Sujet der Beweinung Christi versucht. Es ist durchaus interessant, einen Spaziergang durch die Kunstgeschichte zu machen und dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu betrachten, die jeder Künstler in sein Bild gelegt hat.

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