Wie das Christentum eine Hinrichtungsmethode erfand

Kreuzigung war nicht gleich Kreuzigung

Aktualisiert am 14.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Jesus aus Nazaret ist der mit Abstand bekannteste Gekreuzigte der Weltgeschichte – aber nicht der einzige. Woher kam diese grausame Todesstrafe? Was ist über ihre Opfer bekannt? Ein Streifzug durch die dunkle Vergangenheit der Kreuzigung.

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"Die Straßen Roms waren mit Kreuzen gepflastert": So heißt es in einer bekannten Redensart. Unzählige Unglückliche sind mit dieser Hinrichtungsart umgekommen. Da sollte es ein Leichtes sein, eine Geschichte der Kreuzigung zu verfassen. Oder etwa nicht? Bei genauerem Hinsehen ergibt sich ein fundamentales Problem: Keine der alten Sprachen – Hebräisch, Griechisch oder Latein – kannte einen speziellen Begriff für das, was wir heute unter Kreuzigung verstehen. Wer nach historischen Spuren in antiken Zeugnissen sucht, darf also nicht bei Schlagworten stehenbleiben, sondern muss verschiedene Hinweise miteinander kombinieren.

Das, was wir heute als Kreuzigung bezeichnen, umfasste zunächst eine Vielzahl verschiedener Strafen, bei denen der Tod des Verurteilten durch Aufhängen an einem Pfahl herbeigeführt wurde. Entscheidendes Merkmal war die Länge der Todesqual, welche in einen grausamen Erstickungstod mündete. Bereits im 5. Jahrhundert vor Christus berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot etwa über verbreitete Kreuzigungen bei den Persern. Der von ihm dabei verwendete Terminus σταυρός (stauros) bezeichnete an sich aber schlicht einen Pfahl. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier vielmehr um Pfählung handelte.

Im Alten Griechenland wiederum scheinen Verurteilte zur Bestrafung an Brettern angenagelt und bloßgestellt worden zu sein. Darauf weisen archäologische Funde und einige antike Texte hin. Diese Hinrichtungsart war üblich bei Eigentumsdelikten und traf vor allem die verarmte Unterschicht. Mit der hellenistischen Expansion unter Alexander dem Großen (gest. 323 v. Chr.) breitete sich die Strafe des Annagelns im Nahen und Mittleren Osten aus – und wurde spezialisiert: Für die Hinrichtung wurden eigens dafür vorgesehene Pfähle auf designierten Richtplätzen (vgl. Joh 19,17f) genutzt.

Ein blutiger Wissensaustausch von Karthago nach Rom

Ob in der phönizischen Siedlung Karthago (heutiges Tunesien) tatsächlich Kreuzigungen im heutigen Sinn vollzogen wurden, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Zumindest griechische und römische Autoren scheinen den Karthagern diese Hinrichtungsart aber zu attestieren. Die sogenannten Punischen Kriege zwischen Karthago und Rom führten im 2. Jahrhundert vor Christus zu einem blutigen Wissenstransfer: Von nun an machte eine weiterentwickelte Form der Kreuzesstrafe im Römischen Reich Karriere.

Die Römer bezeichneten mit "crux" damals einfach ein "Marterholz". Dieses hatte meist einen "patibulum" genannten Querbalken, den der Verurteilte in der Regel selbst zum Hinrichtungsort tragen musste. An der Richtstätte wurde der Querbalken entweder am Kopf des Pfahls ("crux commissa") oder im oberen Abschnitt angebracht ("crux immissa"). Wenn die Füße nicht eigens am Längsstamm befestigt wurden, war zur Hinauszögerung des Todes wohl zusätzlich ein Sitzpflock nötig. So erstickte der Verurteilte besonders qualvoll. Einigen Angehörigen gelang es jedoch, den Henker zu bestechen: Dieser brach dem Gekreuzigten die Beine, sodass er schneller verstarb. Anschließend blieb der Leichnam meist als Beute für Wildtiere oder bis zur vollständigen Verwesung am Kreuz hängen (vgl. Joh 19,31).

Die "grausamste und fürchterlichste Todesart" nannte der römische Politiker und Schriftsteller Cicero die Kreuzigung. Über Hingerichtete erfahren wir bei ihm und vergleichbaren Autoren aber kaum etwas – man war an ihnen schlicht nicht interessiert. Denn die Römer verhängten Kreuzigung als gängige Strafe für (vermeintliche) politische Rebellen, revoltierende Unfreie und ungehorsame Soldaten. Bei den wenigen namentlich bekannten Hingerichteten handelt es sich dementsprechend auch um Versklavte, Freigelassene oder Bürgerrechtslose (wie Jesus). Nicht der Rede wert, befand die schreibende Oberschicht.

Bild: ©KNA

Wen interessiert schon das Leben und Sterben der einfachen Menschen? Die römischen Autoren zumindest berichten kaum über sie.

Römische Bürger selbst wurden bis Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus nur äußerst selten so bestraft. An den geographischen wie sozialen Grenzen des Imperiums aber fand die Kreuzigung regen Gebrauch als politisches Multitalent: Die "Pax Romana", die propagierte Friedensordnung des Römischen Reiches, musste gegen ihre Feinde um jeden Preis erhalten werden.

Im Heiligen Land sind Kreuzigungen bereits ab dem 1. Jahrhundert vor Christus nachzuweisen – nicht zufällig zeitgleich zu der römischen Eroberung Jerusalems (63 v. Chr.). Die Einführung dieser Hinrichtungsart widersprach jüdischen Vorschriften, nach denen nur bereits Tote am Pfahl aufgehängt werden dürfen (vgl. Dtn 21,22). Kreuzigung im heutigen Sinn ist der Hebräischen Bibel gänzlich unbekannt. Erst spätere rabbinische Textkommentare verknüpften entsprechende Stellen mit der Kreuzesstrafe, um die römische Hinrichtungspraxis zu reflektieren.

Bis zum Ausbruch des Jüdischen Krieges im Jahr 66 nach Christus beziehen sich alle von dort stammenden Zeugnisse über Kreuzigungen auf verurteilte Aufständische und ihre Sympathisanten. Wessen Verwandter oder Weggefährte gekreuzigt wurde, der sollte nicht zu viel öffentliche Anteilnahme nehmen. Wer zu offen mitlitt, geriet schnell selbst ans Kreuz – selbst Frauen konnte es treffen. Entsprechend verlassen starb wohl auch der berühmteste Gekreuzigte der Weltgeschichte: Jesus aus Nazaret (vgl. Mt 27,55).

Das Leiden Jesu – eine (außer-)gewöhnliche Hinrichtung?

Seine Passionsgeschichten in den Evangelien sind die mit Abstand ausführlichsten Leidenserzählungen eines so Hingerichteten. Ob die Kreuzigung Jesu aber repräsentativ war oder nur eine Laune regionaler Machthaber, muss offenbleiben. Typisch erscheinen die vorangehende Geißelung (vgl. Mk 15,15), das Tragen des Querbalkens zur Richtstätte (vgl. Joh 19,17) sowie die Darreichung des schmerzstillenden Essigtranks (vgl. Mt 27,48). Eine Nennung des Vergehens auf einer am Kreuz angebrachten Tafel hingegen wird nur bei Jesus genannt (vgl. Joh 19,19).

Umso größer war das Interesse, als im heutigen Ost-Jerusalem 1968 die bisher einzigen Überreste eines Gekreuzigten gefunden wurden. Der junge Mann namens Jehochanan war etwa in derselben Zeitperiode wie Jesus hingerichtet worden. Eine Neuuntersuchung im Jahr 1984 musste jedoch vorschnell gezogene Parallelen korrigieren: Jehochanans Fersenbeine waren beide jeweils mit einem Nagel seitwärts durchbohrt, während seine Arme nicht angenagelt, sondern angebunden worden waren. Der erhoffte Kronzeuge für die durchbohrten Arme Jesu entpuppte sich als Gegenbeispiel.

Bild: ©picture alliance / ZUMAPRESS.com / Nir Alon

Bei seiner Kreuzigung wurden Jehochanans Fersenbeine mit Nägeln durchbohrt.

War das, was zum Sinnbild des Christentums wurde, also eine zufällige Konstellation? Fest steht, dass sich die Kreuzesstrafe aus vielen verschiedenen Strafelementen zusammensetzte. So erklärt sich auch die große Anzahl der dazugehörigen Begriffe und Wendungen: Die eine Form der Kreuzigung gab es schlicht nicht. Das änderte sich erst mit dem Tod Jesu und der Ausbreitung des christlichen Glaubens. Die Anhänger Jesu verkündeten ihn als Auferstandenen – und verbreiteten dabei seine Kreuzigung als die "richtige" Form der Kreuzigung. Mit der Zeit schritt diese Vereindeutigung der ehemals variablen Hinrichtungsmethode so weit fort, dass sie gar nicht mehr ohne den galiläischen Wanderprediger gedacht werden konnte. Nach dem Jahr 320 verbot Kaiser Konstantin die Kreuzigung – und ersetzte sie durch andere Strafen. An grausamen Hinrichtungsmethoden mangelte es der Menschheit auch später nicht.

Von Valerie Mitwali