Schmerzhafte Muttergottes "mater dolorosa"
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Zum Gedächtnis der Schmerzen Mariens am 15. September

Vergessen oder abgeschafft: Unbekannte Feiertage der Kirche

Kennen Sie das Gedächtnis der Schmerzen Mariens? Oder das Fest des kostbaren Blutes Christi? Falls nicht, ist das keine Schande: Diese Feste sind in der Kirche weitestgehend in Vergessenheit geraten – oder abgeschafft worden. Katholisch.de erklärt, was es mit ihnen auf sich hat(te).

Von Matthias Altmann |  Bonn - 15.09.2019

Fest der Kreuzauffindung

Die heilige Helena, Mutter Kaiser Konstantins, soll der Legende nach um das Jahr 325 nach Jerusalem gereist sein. Nach Hinweisen des ortsansässigen Bischofs wurde auf Helenas Anordnung hin unter einem heidnischen Tempel, der auf dem Hügel Golgota errichtet worden war, nach dem Kreuz Christi gegraben. Drei Kreuze sollen dabei zum Vorschein gekommen sein. Ambrosius von Mailand berichtet, dass dasjenige, an dem Jesus hing, durch den Titulus identifiziert worden sei. Ab dem 7. Jahrhundert beging die Kirche am 3. Mai einen Festtag, der an die Auffindung des Kreuzes erinnern sollte. Früher markierte dieses Datum den ersten Termin, an dem in der katholischen Kirche der Wettersegen gespendet wurde. Im Zuge der Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verschwand die Kreuzauffindung aus dem liturgischen Kalender. Der Inhalt des Gedenkens sollte beim Fest der Kreuzerhöhung am 14. September mitgedacht werden. Die Kreuzauffindung wird heutzutage nur noch regional und in der außerordentlichen Form des römischen Ritus begangen. In Spanien und Lateinamerika ist es bis heute als "Fiesta de las Cruces" bekannt.

Die Statue der heiligen Helena steht am Aufgang zur Heilig Rock Kapelle im Trierer Dom. Die Mutter Kaiser Konstantins fand der Legende nach das Kreuz, an dem Christus gestorben war.

Fest des kostbaren Blutes Christi

Bis zur erwähnten Kalenderreform hatte eine Zeit lang nicht nur der Leib Christi mit Fronleichnam ein eigenes Fest, sondern auch sein Blut: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in der katholischen Kirche das "Fest des kostbaren Blutes Christi" jährlich am 1. Juli gefeiert. Es ging aus zahlreichen regionalen Heilig-Blut-Festen hervor, die im 11. und 12. Jahrhundert in Italien und Frankreich sowie im 14. Jahrhundert in über 100 Orten in Deutschland entstanden waren. Ab dem 17. und 18. Jahrhundert wurden Heilig-Blut-Feste auch unabhängig von örtlichen Blut-Reliquien begangen. Papst Pius IX. fügte 1849 als Dank für seine Rückkehr aus dem Exil das Fest für den 10. August in den liturgischen Kalender ein, Papst Pius X. verlegte es auf den 1. Juli. Bei der Kalenderreform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1970 entfiel das Fest wieder, da man das Fronleichnamsfest als gemeinsames Fest des Leibes und Blutes Christi ansah.

Siebenbrüdertag

Die Märtyrerin Felicitas lebte im 2. Jahrhundert in Rom und wurde Opfer der Christenverfolgung unter den gemeinsam regierenden Kaisern Marcus Aurelius und Lucius Verus. Der Überlieferung zufolge wurde sie zusammen mit ihren sieben Söhnen hingerichtet, als sie sich weigerten, dem christlichen Glauben abzuschwören. Als sie dem Richter vorgeführt wurden, ermutigte Felicitas ihre Söhne zur Standhaftigkeit. Danach musste sie dabei zusehen, wie ihre Söhne nacheinander enthauptet wurden. Als letzte wurde schließlich Felicitas das getötet. Die Tradition kennt die Namen der Söhne: Alexander, Felix, Januaris, Martialis, Philippus, Silvanus und Vitalis. Während Felicitas am 23. November ihren eigenen Gedenktag hat, wird ihrer Söhne am 10. Juli gedacht, dem sogenannten Siebenbrüdertag. Wie bei allen Überlieferungen ist die Faktizität dieses Ereignisses umstritten. Möglicherweise diente die alttestamentliche Geschichte von den makkabäischen Brüdern (2 Mak 6,7) als Vorbild für die Legende von Felicitas und ihren Söhnen.

Eine Darstellung der Jünger Jesu
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Am Zwölfbotentag gedenkt die Kirche der Aussendung der Apostel durch den Heiligen Geist.

Zwölfbotentag

Jeder Apostel hat seinen eigenen Festtag. Doch die Schar der Zwölf hat zusätzlich noch eine Art gemeinsamen Gedenktag: den Zwölfbotentag am 15. Juli. Offiziell existiert das Fest zwar noch, allerdings ist es weitestgehend in Vergessenheit geraten. An diesem Datum wird der Aussendung der Apostel gedacht. Gemeint ist damit allerdings nicht die Szene aus dem Matthäusevangelium, in der Jesus die Apostel in die Umgebung aussendet (vgl. Mt 10, 5–15), sondern das Ausströmen der Apostel in alle Welt nach dem Pfingstereignis. Im landwirtschaftlichen Bereich wurde daraus der Tag, an dem die Schnitter ausgeschickt werden, um die Ernte einzuholen. Dass das Fest heutzutage kaum mehr gefeiert wird, liegt vermutlich daran, dass diese Aussendung in der Liturgie in das Pfingstfest einbezogen wurde. Die Geistsendung und die Aussendung wurden also zusammengezogen und nicht mehr in zwei verschiedene Gedenktage aufgeteilt.

Gedächtnis der Schmerzen Mariens

Marienfeste gibt es im Kirchenjahr viele – die meisten von ihnen sind auch nach wie vor unter Katholiken bekannt. Eines, das nach wie vor zwar gefeiert wird, aber zunehmend in Vergessenheit geraten ist, ist das "Gedächtnis der Schmerzen Mariens" am 15. September. An diesem Tag wird Maria als "Mater dolorosa", zu Deutsch "Schmerzensmutter" verehrt. Dabei werden sieben schmerzhaften Erfahrungen im Leben der Gottesmutter gewürdigt, die das Neue Testament und die Tradition kennen. Darunter sind die Darstellung Jesu im Tempel mit der Weissagung Simeons (vgl. Lk 2,34–35), die Flucht nach Ägypten vor dem Kindermörder Herodes (vgl. Mt 2,13–15) und der der Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel (vgl. Lk 2,43–45). Dazu kommen vier Ereignisse im Kontexts der Kreuzigung Jesu: die in der Bibel nicht beschriebene Begegnung Jesu mit seiner Mutter auf dem Weg nach Golgota, die Kreuzigung und das Sterben Jesu, die Kreuzabnahme und Beweinung Jesu sowie seine Grablegung. Die Geschichte des Gedenktags lässt sich bis in das Jahr 1432 zurückverfolgen, als auf einer Kölner Synode ein Fest der Sieben Schmerzen Mariens empfohlen wurde. Papst Benedikt XIII. schrieb es 1727 schließlich für die ganze Kirche vor. Begangen wurde es zunächst am Freitag nach dem Passionssonntag. Parallel hatte sich am 15. September ein Gedächtnis der Schmerzen der allerseligsten Jungfrau Maria entwickelt, das 1814 von Pius VII. als Dankfest für die Rückkehr aus seiner napoleonischen Gefangenschaft verbindlich eingeführt wurde. Bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanums hat die Kirche also zweimal im Kirchenjahr der Schmerzen Mariens gedacht: am Freitag vor Palmsonntag und am 15. September. Der zweite Termin ist geblieben.

Zwei aus einem Marmorblock gefertigte Figuren: Die jung wirkende Maria hält ihren toten Sohn Jesus in den Armen. Im Hintergrund ist die dunkle Marmorverkleidung des Petersdoms und ein kleines Fenster.

Die Beweinung ihrer Sohnes nach der Kreuzabnahme gilt als einer der sieben Schmerzen Mariens. Die Pieta von Michelangelo im Petersdom ist eine der bekanntesten Darstellungen dieser Szene.

Gedächtnis Mariä vom Loskauf der Gefangenen

Ein weiteres Fest zu Ehren der Gottesmutter ist das Fest "Maria vom Loskauf der Gefangenen", auch "Maria vom Erbarmen" genannt. Bis etwa 1970 wurde es in der katholischen Kirche gefeiert. Das Marienfest entstand Anfang des 17. Jahrhunderts als Eigenfest im Orden der Mercedarier, der Geld sammelte, um damit in Spanien gefangene und versklavte Christen aus der Hand der muslimischen Sarazenen freizukaufen. Ursprünglich wurde es Anfang August begangen, Papst Innozenz XII. führte das Fest 1696 für die ganze Kirche ein und legte den Termin auf den 24. September. Bei der Reform des römischen Kalenders wurde der Gedenktag abgeschafft.

Quattuor coronati

Im Jahre 302 sollen sich der Überlieferung nach vier christliche Steinmetze aus Dalmatien, die in der Zeit des Kaisers Diokletian in Steinbrüchen arbeiteten, geweigert haben, die römische Gottheit Äskulap aus Stein zu schlagen. Daraufhin wurden sie gegeißelt und in Bleisärgen in der Save ertränkt. Der Christ Nikodemus barg die Reliquien von Sempronianus, Claudius, Nikostratus und Castorius, die anschließend in römische Katakomben kamen und dort verehrt wurden. Als Gedenktag wird in einem Martyrologium aus dem Jahre 354 der 8. November genannt. Sie erhielten von den Gläubigen den Titel "Quattuor coronati", zu Deutsch "Die vier Gekrönten"."Gekrönte" steht für die frühchristliche Vorstellung, dass Märtyrer eine Krone beziehungsweise einen Siegeskranz erhalten. Ein anderer Traditionsstrang erzählt von einem ähnlichen Vorfall: Im Jahr 304 sollen sich vier römische Militärbeamte geweigert haben, die Statue des Äskulap zu verehren. Daraufhin sollen sie gegeißelt, den wilden Hunden vorgeworfen und schließlich an den Thermen des Trajan in Rom hingerichtet worden sein. Ursprünglich namenlos, erhielten die vier erst im 7. Jahrhundert die Namen Victorinus, Serverus, Carpophorus und Serveranius. Der Gedenktag dieser Märtyrer war zunächst der 8. August. Wegen ihrer Ähnlichkeit vermischten sich die beiden Legenden im Laufe der Zeit, sodass sich nur der Gedenktag am 8. November hielt. Da die Überlieferung so viele Unsicherheiten birgt, wurden die "Quattuor Coronati" bei der Kalenderreform im Zuge des Zweiten Vaticanums gestrichen.

Von Matthias Altmann