Das verprügelte Christkind
Der Schock saß tief. Das Weihnachtsfest im Jahr 1926 schien alles andere als friedlich zu werden. Der christliche Haussegen hing nach der Veröffentlichung des jüngsten Bildes von Max Ernst mehr als schief. Die Darstellung der Gottesmutter, die das Jesuskind übers Knie legt, löste selbst im laizistischen Frankreich einen handfesten Skandal aus. Wutentbrannte Reaktionen aus unterschiedlichsten Teilen der Gesellschaft machten den Aufschrei perfekt. Als das Gemälde im selben Jahr in Köln erneut gezeigt werden sollte, erwirkte der dortige Erzbischof, Kardinal Karl Josef Schulte, noch am Eröffnungstag die Schließung der Ausstellung. Das Bild des Anstoßes wurde entfernt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ob eine angeblich durch den Kardinal ausgesprochene Exkommunikation als historisch gelten kann, ist bis heute umstritten. Sicher sein jedoch kann man sich, dass das Bild von Max Ernst einen empfindlichen Nerv der katholischen Lebenswelt getroffen hat.
Dabei fühlt man die Provokation auch heute noch deutlich. Die Szene wirkt selbst mehr als 90 Jahre nach ihrer Erstinszenierung unwirklich – die heilige Mutter Gottes versohlt dem Jesuskind tatsächlich den Hintern. Ihr Gesicht ist verdunkelt, während sie zu einem züchtigenden Schlag ausholt. Das Antlitz des Kindes bleibt verborgen, eine Hand scheint sich angesichts der Schläge zu verkrampfen, die Haut ist bereits wund. Der Heiligenschein des Kindes ist zu Boden gefallen. Das Gesicht der Mutter wirkt im Schatten ihres eigenen Körpers kantig. Keine Sanftmütigkeit, sondern die Strenge purer Pflichterfüllung ist in ihre Gesichtszüge geschrieben.
Das Bild als Herausforderung
Das Bild des Dadaisten Max Ernst entsetzt – es fordert die romantischen Perspektiven, die die himmlische Familie als das Idyll jeglicher Zwischenmenschlichkeit zeigen, heraus. Der Maler benutzt bewusst dieselben Farbtexturen, welche in vielerlei Kitschdarstellungen der heiligen Familie vorkommen. Doch wendet er die Farben gegen die Vorbilder. Max Ernst hat die idealisierten Darstellungen von Maria mit dem Kind zu zerschlagen versucht. Sein Bild wirkt als eine visuelle Inversion jener theologischen Unerschütterlichkeit, die sich in den romantischen Darstellungen idyllischer Heiligkeit abbildet.
Damit wird Ernsts Werk aber zu einer realen Gefahr. Die Konterkarierung jener Bilder, die ein harmonisches Weihnachten zu ermöglichen scheinen, erschüttert bis ins Mark. Der Zufluchtsort vieler Menschen wird auf das Äußerste exponiert. Das Innere menschlichen Seelenlebens wirkt angreifbar und entblößt wie das Gesäß des jungen Messias. Die Reaktionen der kirchlichen Würdenträger, aber auch weiter Teile der Bevölkerung sprechen Bände. Der Künstler trifft mit seinen Pinselstrichen eine verborgene Wunde. Sein Kunstwerk legt etwas frei, das sich nicht in den religiösen Sicherheiten weihnachtlicher Idealvorstellungen abbilden, aber auch nicht dauerhaft zudecken lässt.
Max Ernsts Bild wirkt wie eine Pfeilspitze gegen die überkommen Weltbilder, die an den gewaltförmigen Erfahrungen am Beginn des 20. Jahrhunderts zerbrochen zu sein schienen. Die Bedingungen haben sich durch die kriegerischen Erfahrungen jener schicksalhaften Jahre 1914-1918 geändert. Max Ernst rechnet mit den Glaubensbildern christlicher Harmonie radikal ab. Er stellt sie öffentlich infrage, indem er etwas völlig Unerhörtes darstellt. Ernst platziert zwischenmenschliche Gewalt dort, wo sie den Glaubensgegenstand selbst trifft. Der Messias leidet. Nicht erst am Kreuz, sondern am Schoß seiner Mutter, der ihm eigentlich Schutz und Geborgenheit bieten sollte.
Traumata der Gegenwart
Schicksalhafte Erfahrungen fordern Weltbilder heraus. Der Glaube ist davon nicht ausgenommen, er ist nicht immun gegen geschichtliche Tiefpunkte. Ob menschliche Tragödien, politische Erschütterungen oder plötzlich auftretende Szenarien, für die in der harmonisch geordneten Wirklichkeit kein Platz ist. Sie funktionieren wie betäubende Nadelstiche in den wohligen Hüllen weichgebetteter Selbstgenügsamkeit. Plötzlich wirken die Bilder von Humanität und Aufgeklärtheit gar nicht mehr so unantastbar. Unsere gegenwärtigen Lebenswelten sind ebenso voller Beispiele solch verstörender Heterotopien, die im Schlummer selbstgefälliger Auto-Beweihräucherung nur allzu gern übersehen werden. Auch diese Schockmomente unserer Tage sitzen tief. Sie fördern Schmerzen zutage, mit denen man in diesem Ausmaß nicht gerechnet hat. Weder religiöse noch säkulare Weltbilder bleiben vor diesen Abgründen verschont.
Was das Bekanntwerden von Sexismus und Machtmissbrauch der kalifornischen Märchenlandschaft namens Hollywood, deren Glanz und Glamour als systemische Ausschreitung dauerhafte Narben zugefügt hatte, kann als paradigmatisch gelten. Die Ereignisse, die seit dem Weinstein-Skandal durch die "#metoo"-Enthüllungen an die Öffentlichkeit traten, wurden als schockierende Momente eines Systems sichtbar, das in seiner äußerlichen Homogenität keinen Platz für solche Abgründe vorgesehen hatte. Fein polierte Ideale zerbarsten in den Fängen der lange Zeit verborgenen Ungeheuerlichkeiten.
Im politischen Bereich finden sich weltweite Schockmomente, die den Bilanzierungen einer selbsternannten Humanität zynische Selbstverzerrung bescheinigen. Nichts scheint von ihrem selbstgefälligen Spiegelbild mitmenschlicher Solidarität mehr übrig zu bleiben, wenn man erreichte Leistungen und offensichtliches Versagen miteinander aufrechnen würde. Flüchtlingstragödien, die den politischen Logiken die Fratze ihrer eigenen Unmenschlichkeit vor Augen halten, sind dabei nur die Spitze des ausbeuterischen Eisberges, der die Menschen in den Entwicklungsländern auf offene See treibt. Sie nehmen das Zerplatzen ihrer Zukunftshoffnungen lebensmüde in Kauf, setzen ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder waghalsig aufs Spiel. Die verstummenden Stimmen derer, die in den Fluten versunken sind und dabei vom wirtschaftlich geleiteten Denken europäischer Parteien als reines Logistikproblem gehandhabt werden, verstören. Sie wirken als gespenstische Erschütterungen jener Ordnungen fort, lassen deren Verantwortungsträger aber nicht zur Ruhe kommen.
Die anklagenden Stimmen kirchlicher Missbrauchsopfer, die den ekklesialen Kreisen bis in die höchsten Verwaltungspositionen ein menschliches Versagen attestieren, werden als stigmatisierender Reflex sichtbar. Sie wuchern wie Brandmale auf dem idealisierten Samt einer scheinbaren societas perfecta, in deren abgrundtiefem Scheitern aber doch wieder ihre zutiefst menschlichen Züge wund offenliegen. Als systemimmanente Blind Spots markieren solche Erfahrungen einen Makel, der an der Oberfläche glänzender und glitzernder Scheinhaftigkeit eigentlich keine Existenzberechtigung haben sollte. Doch bleiben sie nicht unter dem Deckmantel des Schweigens verborgen. Sie bahnen sich den Weg in das Bewusstsein der Menschen. Die Harmonie der oberflächlichen Hülle wird durch die Kratzspuren der darin verwickelten Opfer dauerhaft in ihrer Idylle zerstört. Die Orte dieser moralischen Detonationen schreien zum Himmel, die Opfer wollen gehört werden.
Ein Weihnachtsfest, das sich diesen Erschütterungen aussetzen muss, wird gerade für diejenigen, die sich selbst mit dem erhöhten Christus zur Schau stellen wollen, höchst problematisch. Die Feier soll in einem Rahmen stattfinden, der gar nicht so romantisch ist, wie die Botschaft, die man darin erfahren soll. Die Zelebranten einer scheinbaren Weihnachtsidylle werden im Kontext menschlichen Scheiterns noch stärker in der zutiefst menschlichen Hinfälligkeit sichtbar, die schon der US-amerikanischen Theologe Reinhold Niebuhr betonte: Nur der Mensch, der sich selbst in seiner Hilflosigkeit erkennt, könne sich der Botschaft Christi öffnen. Diejenigen, die ihr Scheitern Gott offen bekennen, können die bedingungslose Liebe Gottes erfahren.
Diese Haltung entschuldigt nichts von dem, was geschieht oder schon passiert ist. Das Bekenntnis kann keine Strafverfolgung ersetzen, die Offenheit keine Wunde wieder heilen. Dennoch werden die Opfer ernst genommen. Sie treten als Personen in den Blick, die unter die Räder der kirchlichen Machtmissbräuche gekommen sind. Hier kann man nicht einfach wegblicken oder sich in den letzten Winkeln längst zerbröckelter Idealvorstellungen verstecken. Der christliche Realismus Niebuhrs schmerzt, aber er kann auch mit den täuschenden Motiven kirchlicher und menschlicher Selbstherrlichkeit aufräumen. Man kann – gerade angesichts gegenwärtiger Entwicklungen – die Augen vor den Abgründen menschlicher Schicksale nicht verschließen, ihnen gleichzeitig aber auch nicht ausweichen.
Ein Fest des Friedens ist möglich
Ein friedliches Fest mag dabei gar nicht mehr so selbstverständlich erscheinen wie der 25. Dezember am Kalender suggerieren möchte. Möglicherweise wird es erst dort möglich, wo man sich der bedrückenden Realität der schicksalhaften Abgründe aussetzt und sich diesen stellt. Erst die Konfrontation mit dem Unerhörten macht ein Weihnachtsfest im christlichen Sinn erlebbar. Eine Gotteserfahrung im menschlichen Kind wird erst dort spürbar, wo man sich der Gefahr seines drohenden Todes durch Verfolgung, Mord und Totschlag aussetzt, diese aber nicht als einfachhin gegeben anerkennt. Dabei verdichten sich auch die anklagenden Enthüllungen und Katastrophen der letzten Monate zu einer handfesten Provokation, die an die Menschen die Frage stellt, wie man denn angesichts dieser Erschütterungen ein harmonisches Weihnachtsfest begehen möchte.
Diese Infragestellung jeglicher Selbstverständlichkeit kann wiederum der Boden sein, an dem eine Erfahrung des Unvorstellbaren möglich wird. In der Konfrontation mit dem Scheitern des Eigenen kann damit die Hinwendung zu einem rettenden Anderen sichtbar werden. Dies kann den Blick für denjenigen freilegen, der in den Maßstäben dieser irdischen Welt auf kindliche, irrationale und undenkbare, aber deshalb möglicherweise umso not-wendigere Art und Weise erschienen ist: Weihnachten als die Ankunft des Unerwarteten, desjenigen, den man nicht in den Tiefen der Geschichte erwartet hätte, der aber dennoch die unmittelbarste Nähe zu den hinfälligen Menschen gesucht hat.