Emmanuel Macron, französischer Politiker, am 27. Februar 2017 in Paris.
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Mit der Präsidentschaft Frankreichs sind auch kirchliche Würden verbunden

Der allerchristlichste Präsident

Kaum ein Land ist so auf die Trennung von Kirche und Staat bedacht wie Frankreich. Doch als Präsident hat Emmanuel Macron auch das Recht auf einige katholische Titel - und darf etwas, was sonst nur der Papst kann.

Von Felix Neumann |  Paris - 14.05.2017

Frankreich war nach dem römischen Reich der erste christliche Staat der Welt und gilt daher als "älteste Tochter der Kirche", seine Monarchen führten den Titel "allerchristlichster König". Nach der Revolution von 1789 und dem Laizitätsgesetz von 1905 sind die familiären Beziehungen allerdings etwas abgekühlt. Dennoch: Wenn Emmanuel Macron am Sonntag die Präsidentschaft übernimmt, tritt er in die Nachfolge des allerchristlichsten Königs, nicht nur an der Spitze Frankreichs, sondern auch durch einige traditionelle kirchliche Titel und Ehren. Frankreich mag nun zwar Republik sein, doch auf Traditionen hält man dort viel. Viele der Ehren, die schon den Königen zuteil wurden, bleiben so auch in der Republik bestehen.

Inflation der Ehrenkanonikate

So gehört es als französisches Bistum fast schon zum guten Ton, den Präsidenten unter die Ehren-Domherren zu zählen wie an der Kathedrale von Embrun in den französischen Alpen. Dort wird Macron ab Sonntag "proto-chanoine", Protokanoniker. Der Titel geht auf Ludwig XI. zurück, sagte Mitte der Woche der Archivar der Diözese Gap und Embrun, Luc-André Biarnais, einem lokalen Radiosender. Was der Präsident außer einer repräsentativen Medaille davon habe? "Nichts großes, aber er darf natürlich seine Katherale und die Bürger von Embrun besuchen, wie es General de Gaulle 1960 gemacht hat", so der Archivar. Außer Charles de Gaulle hatte in jüngster Zeit nur Nicolas Sarkozy, Macrons Vorvorgänger, den Titel reklamiert.

Auch an der Kathedrale Saint-Maurice d'Angers ist der französische Präsident offiziell Ehren-Domherr.

Weitere Ehren-Kanonikate, teils verbunden mit Privilegien wie besonderer liturgischer Kleidung und herausgehobenen Plätzen in den Kirchen, hat der Präsident in Saint-Jean-de-Maurienne, Saint-Hilaire de Poitiers, Saint-Julien du Mans, Saint-Martin de Tours, Saint-Maurice d'Angers, Saint-Jean de Lyon, Saint-Étienne de Châlons und Saint-Germain-des-Prés in Paris – eine beeindruckende Liste, wenn, ja wenn all die Kathedralen von den französischen Präsidenten bisher mit Nichtbeachtung gestraft worden wären. Keiner hat bisher die Insignien abgeholt oder auch nur jemanden benannt, der ihn im jeweiligen Domkapitel vertreten würde.

Rom ist eine Messe wert

Rom hat da mehr Glück: Dort ist der französische Präsident Ehrenkanonikus an der Lateran-Basilika, und bisher haben die Präsidenten diese Ehre auch gerne in Anspruch genommen. Der Titel geht zurück auf Heinrich IV., der der Lateranbasilika alte Einnahmen wieder verschaffte: Vor der Reformation gingen die Erträge der Abtei von Clairac an die Lateranbasilika, als die Region protestantisch wurde, versiegte diese Quelle. Heinrich setzte 1604 die alte Verpflichtung wieder ein, die Abtei kam so weitere Jahre für den Klerus der Basilika auf. Das darf schon einmal einen Ehrentitel wert sein, und noch heute trägt ein französischer Priester im Kapitel der Basilika den Titel "Präfekt der Abtei Clairac". Auch wenn die Geldströme immer wieder und endgültig 1871 versiegten: Bis heute wird diese Tradition fortgeführt, unterbrochen nur von der Hochphase des französischen Kirchenkampfs ab 1905. 1921 nahmen Frankreich und der Heilige Stuhl wieder diplomatische Beziehungen auf, und seit 1957 René Conty die Tradition wieder aufnahm, hat die Lateranbasilika ihren Ehrendomherren wieder. Jedes Jahr wird außerdem am 13. Dezember eine Messe "pro felici ac prospero statu Galliae", für Glück und Wohlstand Frankreichs, in der Lateranbasilika unter Anwesenheit des französischen Botschafters gefeiert.

Lateranbasilika
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Die Basilika "San Giovanni in Laterano" in Rom ist die eigentliche Bischofskirche des Papstes. Doch auch der französische Präsident besitzt in ihr Privilegien.

Wie die Präsidenten von ihrem Amt Besitz ergreifen, ist unterschiedlich: Teils in der Basilika selbst mit einem Gottesdienst, teils aus der Ferne. Nicolas Sarkozy hat seine Amtseinführung in Rom - sorgfältig wurde darauf geachtet, für den wiederverheirateten Geschiedenen nicht mit einer Messe für einen diplomatischen wie theologischen Eklat zu sorgen - für ein Plädoyer für den Glauben genutzt, wie es das laizistische Frankreich selten von seinem Präsidenten hört: "Ein Mensch, der glaubt, ist ein Mensch, der hofft. Es ist im Interesse der Republik, dass es viele Männer und Frauen gibt, die Hoffnung haben!" Ob die Präsidenten aber in Rom oder aus Paris, mit einer Messe oder einem einfachen Festakt ihr Ehrenkanonikat angenommen haben - ein Privileg, das damit verbunden ist, wurde in der jüngeren Geschichte nicht in Anspruch genommen: Der französische Präsident ist der einzige, der zu Pferde den Bereich der Lateranbasilika betreten darf.

Co-Fürst und Herr der Pariser Birette

Als Ehrendomherr hat der Präsident Priester als Kollegen, doch ein Amt teilt er sich mit einem Bischof. Der kleine Staat Andorra, zwischen Frankreich und Spanien gelegen, hat gleich zwei sogenannte Co-Fürsten: Der eine ist der Bischof von Urgell in Spanien, der andere der französische Präsident.

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Bei einem Konsistorium liegen die Birette für die neuen Kardinäle im Petersdom bereit. Heute werden sie erstmals in Rom aufgesetzt und nicht mehr am Wirkungsort der Empfänger.

Doch nicht nur außerhalb von Paris gibt es religiöse Verknüpfungen mit der Präsidentschaft: Wird ein Nuntius zum Kardinal erhoben, so empfängt er aus den Händen des Präsidenten das Birett; eine Tradition, die allerdings durch eine Änderung im kirchlichen Protokoll verloren ging. Kardinäle erhalten ihr Birett nicht mehr am Wirkungsort, sondern in Rom vom Papst. Die Tradition endete in Paris 1959, als de Gaulle letztmals Nuntius Marella das Birett übergab.

Bischofsmacher und Zombie-Katholik

Die meisten der Titel und Privilegien sind reine Fragen der Ehre und Tradition, kleine Anomalien und Anachronismen in der ansonsten so strengen Trennung zwischen Kirche und Staat in Frankreich. Doch auch handfestere Rechte kommen dem Präsidenten der Republik zu - selbst im laizistischen Frankreich redet die Kirche bei der Besetzung der Bischofsstühle mit. Jedenfalls da, wo das Laizismusgesetz von 1905 nicht gilt, in den von 1871 bis 1918 deutschen Gebieten des Elsass und des Departements Mosel. Hier gilt im Kern immer noch Napoleons Konkordat, und so werden die Bischöfe im Bistum Metz und Erzbistum Straßburg - zumindest auf dem Papier - vom Präsidenten ernannt. Der französische Präsident ist damit das letzte Staatsoberhaupt, das katholische Bischöfe ernennen kann.

Wie Emmanuel Macron als Präsident mit diesen Traditionen umgehen wird, ist noch nicht abzusehen. Bisher war es so, dass konservative Präsidenten eher die Nähe der Kirche suchten, während sozialistische bestenfalls ihre besonderen Titel aus Traditionsverbundenheit und ohne viel Aufhebens annahmen, viele der Ehrenkanonikate ruhen de facto ohnehin seit langem. Macron war zwar Minister einer sozialistischen Regierung, hat die Wahl aber als unabhängiger Kandidat der von ihm gegründeten Bürgerbewegung En Marche gewonnen. Das Programm des ehemaligen Investmentbankers ist liberal-zentristisch. Laizismus war ein wichtiges Schlagwort während der Wahl, jedoch hauptsächlich in Abgrenzung vom Islam, und der dezidiert katholische Kandidat Francois Fillon, Hoffnung vieler Katholiken, stürzte über Korruptionsskandale. Für Macron war Religion im Wahlkampf kaum ein Thema über das übliche Bekenntnis zur Laizität hinaus. Über Macrons persönlichen Glauben ist wenig bekannt. Mit 12 ließ der Sohn aus einer säkularen Familie sich taufen, Beobachter zählen ihn jedoch unter die "Zombie-Katholiken", jene französischen Katholiken, die zwar getauft sind und eine katholische Identität haben, die jedoch nicht am Leben der Kirche teilnehmen.

Es bleibt also abzuwarten, ob der neue Präsident wie sein Vorgänger Hollande eher distanziert bleibt, wie dessen Vorgänger Sarkozy beherzt die Tradition umarmt oder ob er gar mit wehendem Chorhemd hoch zu Ross in die Lateranbasilika einreitet.

Von Felix Neumann