Suche
Selbst trockener Alkoholiker

Pfarrer: Priester schämen sich für ihre Sucht

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Hörstel - Um am offenen Grab stehen zu können, trank Pfarrer Thorsten Weßling schon morgens Schnaps. Heute hilft er anderen Priestern. Ein Interview.

Er liebte Bier, Schnaps und Sherry. Lange wollte er sich seine Sucht nicht eingestehen. Sein früherer Pfarrer verhalf ihm dazu, ehrlich zu sich selbst zu sein. Heute hilft Pfarrer Thorsten Weßling anderen Priestern und Ordensleuten, die suchterkrankt sind. Er sagt, es seien viele, weil bei Priestern der Wein zur täglichen Messe dazugehöre.

Frage: Herr Pfarrer Weßling, wie alt waren Sie, als Sie bemerkten, dass Sie alkoholsüchtig sind?   

Weßling: Ich bin mit 17 oder 18 Jahren in die Sucht reingerutscht. Bei Familienfeiern und Festen habe ich regelmäßig und reichlich getrunken. Das gehörte für mich zur Geselligkeit dazu. Gesundheitlich hatte ich keine Beschwerden. Nach der Schule bin ich zum Theologie-Studium nach Münster. Ich liebte Bier, Schnaps und Sherry. 1991 wurde ich in Münster zum Priester geweiht und kam als Kaplan nach Ibbenbüren. Da war ich 29 Jahre alt.  

Frage: Ist damals niemandem aufgefallen, dass Sie viel zu viel getrunken haben?  

Weßling: Doch, bestimmt mehr Menschen haben das gesehen, als ich mir selbst eingestehen wollte. Mein Hausarzt hatte mich gelegentlich darauf aufmerksam gemacht, wenn er meine Blutwerte kontrollierte: "Herr Kaplan, kann es sein, dass sie zu tief ins Glas schauen?". Ich habe alles abgestritten. Ich brauchte aber damals schon einen gewissen Pegel Alkohol, um zu funktionieren. Um bei einer Beerdigung am offenen Grab stehen zu können, trank ich oft schon zum Frühstück einen halben Liter Schnaps. Das war nicht normal. Zugegeben hätte ich es nie. Aber irgendwann habe ich es gesundheitlich gemerkt. Ich fühlte mich körperlich kaputt und seelisch war ich am Ende. Mein Hausarzt hatte mich gewarnt. Mir war klar, dass ich aufhören musste. Nach außen hin sagte ich, dass ich nicht mehr trinke, machte aber heimlich weiter. Ich war ständig damit beschäftigt zu überlegen, wie ich an Alkohol komme und wie ich die leeren Flaschen wieder entsorge. Oft bin ich kilometerweit gefahren, um sie in einen Container zu werfen. Und dann gab mir mein damaliger Pfarrer den Anstoß, etwas zu unternehmen. 

Frage: Was ist geschehen?

Weßling: Wir haben zusammen im Pfarrhaus gewohnt. Er hatte eines Tages festgestellt, dass die Flaschen in seiner Hausbar immer leerer wurden. Dann hat er die versammelte Hausgemeinschaft mit dem Vorwurf konfrontiert und mich damit zu einer Reaktion gezwungen. Da ich nicht wollte, dass andere wegen meines Alkoholkonsums unter Verdacht gerieten, habe ich mit ihm über meine Sucht gesprochen. Er hat mir angeboten, dass er seinen bereits überfälligen Ruhestand rauszögert, wenn ich eine Therapie mache. Nachdem ich mir viele Jahre nicht eingestehen konnte, dass ich ein Problem mit Alkohol hatte, war ich nun endlich dazu bereit. 

Pfarrer Thorsten Weßling bei einem Gottesdienst in der Klinik Sankt Antonius in Hörstel.

Frage: War das Ihre Rettung, dass Sie offen darüber gesprochen haben?  

Weßling: Ja. Ich war 17 Jahre abhängig, bevor ich in die Therapie ging. Wenige Tage zuvor feierte ich noch meinen Geburtstag, und dann war ich zur Beratung für drei Wochen bei einem ebenfalls betroffenen Priester, der sich um suchtkranke Geistliche kümmerte. Das war eine harte Zeit, da ich unter Aufsicht dieses Mitbruders bereits abstinent wurde und mit den entsprechenden Entzugsproblemen zu kämpfen hatte. Danach habe ich eine sechswöchige Entzugsbehandlung in der Hörsteler Suchtklinik gemacht. In dem Krankenhaus bin ich bis heute als Seelsorger tätig. Als ich dann aus der Klinik entlassen wurde, war mir klar, dass ich ab jetzt abstinent leben muss. Allerdings hatte ich nicht vor, mich zu meiner Suchtkrankheit zu erklären. Am selben Tag hatte ich aber einen Gottesdienst in der Gemeinde. Ich ging zur Kanzel und wollte eigentlich meine vorbereitete Predigt ablesen. Als ich vor der Gemeinde stand, sagte ich: "Leute, ihr wisst, wo ich war, ich war in einer Suchttherapie. Ich bin Alkoholiker und ich versuche jetzt abstinent zu leben. Bitte helft mir dabei." Die Leute haben applaudiert. Dass ich meine Alkoholerkrankung öffentlich gemacht habe, hat mir das Leben sehr erleichtert. Bei Hochzeiten, Taufen oder Veranstaltungen wurde mir unaufgefordert statt dem Bier ein Cola gereicht. Nach und nach habe ich Aufgaben im Bereich der Suchtkrankenseelsorge und Suchtberatung übernommen.

Frage: Wie handhaben Sie es, wenn Sie mit der Gemeinde Gottesdienst feiern?  

Weßling: Suchterkrankte Priester dürfen mit Traubensaft im Gottesdienst feiern, dafür gibt es von der Kirche eine Ausnahmeregelung ähnlich wie bei glutenfreien Hostien. Meinen Traubensaft besorge ich bei einer Brennerei, denn der hat keine chemischen Zusatzstoffe. Den habe ich immer dabei.   

Frage: Wer Priester ist, ist normalerweise verpflichtet, in jeder Messe Messwein zu trinken …

Weßling: Ja, bei uns Priestern ist Wein ein "Betriebsmittel". Als Priester feierst du jeden Tag eine Messe mit Wein. Es sind zwar nur kleine Mengen an Weißwein, die ein Priester bei der Kommunion trinken muss, aber es ist Alkohol und der kann süchtig machen. Die Gefahr, als Priester an einer Alkoholsucht zu erkranken, ist sehr hoch. Ich kenne viele Priester, die suchtkrank sind. Die oft belastenden kirchlichen Strukturveränderungen, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und das Singledasein bei den Priestern macht die Anfälligkeit für missbräuchlichen Alkoholkonsum besonders hoch. Dazu kommt heute oft, dass sich eine Suchterkrankung hinter anderen psychischen Erkrankungen wie Depression oder Burnout versteckt, zu denen man leichter stehen kann. Aber ich möchte nichts verteufeln. Manche können Alkohol in Maßen genießen und kennen ihre Grenzen. Ich will nicht, dass mein Umfeld nichts mehr trinken darf, nur weil ich abstinent lebe.

Thorsten Weßling ist Klinikpfarrer in Hörstel sowie Geistlicher Beirat für den Kreuzbund und leitet die bistumsinternen Suchtberatung für Geistliche im Bistum Münster.

Frage: Ordensleute aus Bayern haben mir erzählt, dass Bier ein Grundnahrungsmittel ist. Wie finden Sie das?

Weßling: Ja, das kenne ich. Bei vielen Orden gehört das Bier zu mancher Mahlzeit dazu. Da ist es schwer für Betroffene, Nein zu sagen, weil das ja zum Gemeinschaftsleben dazugehört. Bei mir in der Suchtberatung sitzen Priester, Pastoralreferenten, aber auch viele Ordensleute, Frauen wie Männer. Ordensleute haben es aber am schwersten, weil sie viel Häme und Kritik wegen ihrer Alkoholsucht ernten. Sie erzählen, dass es schwer ist, wenn sie nach einer Therapie wieder in die Gemeinschaft zurückkommen. Kaum jemand nimmt Rücksicht auf ihre Situation. Ein Ordensbruder erzählte, dass es abends bei ihm im Kloster normal war, dass alle seine Mitbrüder beim Fernsehen ein Bier getrunken haben. Er kam frisch aus der Therapie, aber keiner hat wegen ihm auf sein Bier verzichtet. Aber diese Rücksichtnahme braucht es. Alle müssten dann vorsichtiger mit Alkohol umgehen. Auch Klosterläden sind oft voll mit Produkten mit Alkohol. Ich denke an Priester, die bei der Hausmesse, wenn sie gemeinsam Kelchkommunion feiern, immer einen Schritt zurückgehen, weil sie keinen Alkohol trinken dürfen. Da kenne ich einige, die sich dafür schämen und lieber so tun, als würden sie aus dem Kelch trinken. Sie nippen aber nur daran. Daher ist es nachvollziehbar, wenn jemand seine Abhängigkeit nicht zugeben möchte, diese abstreitet oder verharmlost. Ich versuche die Betroffenen dazu zu motivieren, über ihre Erkrankung zu reden.

Frage: Wenn es einem auffällt, dass jemand zu viel trinkt, sollte man das ansprechen?

Weßling: Ja, nicht beleidigend oder gepaart mit Schuldzuweisungen, sondern als sachliche Feststellung: "Ich sehe, du bist betrunken." Es ist klar, dass der andere eine Abwehrhaltung einnimmt und es leugnen wird. Verdrängen und Lügen sind symptomatische Verhaltensweisen eines Suchtkranken, der um jeden Preis weiter konsumieren möchte. Aber man muss darüber sprechen, denn jedes andere Verhalten trägt dazu bei, dass sich diese Krankheit verfestigt und der Zustand sich verschlechtert. Und der Betroffene muss die Bereitschaft mitbringen, etwas an seiner Situation zu ändern. Ohne das geht es nicht. In den letzten Jahren hat sich in der Suchtberatung in den Diözesen einiges getan. Wir haben ein gut ausgebautes Netz, was die Suchtberatung betrifft. Nicht nur bei den Caritasverbänden, auch bistumsintern für Priester und Ordensleute oder kirchliche Mitarbeiter. Wir haben zum Teil Suchtordnungen, es gibt Selbsthilfegruppen, in denen sich Betroffene austauschen können. Und es gibt Empfehlungen für kirchliche Tagungshäuser, beim Zubereiten der Speisen auf Alkohol zu verzichten, und bei offiziellen Anlässen auch alkoholfreie Getränke anzubieten. Da hat sich vieles gebessert. 

Frage: Wie ist es bei Ihnen – sind Sie noch immer suchtkrank?  

Weßling: Ich bin seit 30 Jahren trocken. Gleichzeitig muss ich klarstellen: Wer suchtkrank ist, der bleibt es. Alkoholsucht ist nicht heilbar. Ich kann das nur in den Griff bekommen, indem ich abstinent lebe. Ich merke immer wieder, wie schwer es ist, bei offiziellen Anlässen ein Wasser statt eines Sektes zu erhalten. In Tagungshäusern wird viel mit Alkohol gekocht, selbst Nachspeisen sind alkoholhaltig. Es wird gerne verniedlicht: Nimm doch, es ist ja nur ein bisschen Alkohol. Ich versuche nicht in so eine Haltung reinzukommen, dass es egal ist. Denn schon eine kleine Menge macht etwas mit mir. Beim nächsten Schritt erhöhe ich dann vielleicht die Dosis und dann steht wieder das Bier auf dem Tisch. Das Risiko ist jedes Mal sehr hoch. Aber ich kenne mich und meine Schwächen und weiß, wo es für mich kritisch werden könnte.

kna-katholisch-swarm-node2 (0.002s)