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Kritik an zu starker Fokussierung auf den Priester in Gottesdiensten

Theologin beklagt Rückkehr zu "klerikalistischem Liturgie-Verständnis"

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Ein Priester steht in einer Sakristei vor einem kreuz und betet.
München/Wien - Wann beginnt ein katholischer Gottesdienst? Schon dann, wenn das Volk versammelt ist? Oder erst, wenn der Priester erscheint? Die Theologin Barbara Staudigl beklagt eine zu starke Fokussierung auf die Rolle des Klerikers in der Liturgie.

Die Theologin Barbara Staudigl hat eine zu starke Fokussierung auf die Rolle des Priesters in katholischen Gottesdiensten beklagt. "In den letzten vierzig Jahren sind wir zu einem klerikalistischen Liturgie-Verständnis zurückgekehrt, bei dem der Gottesdienst dann beginnt, wenn der Priester erscheint und nicht dann, wenn das Volk versammelt ist", schreibt Staudigl in einem am Mittwoch auf dem Internetportal feinschwarz.net veröffentlichten Beitrag. Dabei habe es im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) durchaus Ansätze einer volksnahen Liturgie gegeben.

Staudigl: Stillschweigende Abkehr vom Liturgie-Verständnis des II. Vatikanums 

Als Jugendliche habe sie Kirche als Communio erlebt, Gottesdienste seien damals gemeinsam vorbereitet und gemeinsam gefeiert worden. "Es gab auch einen Priester, aber er war nicht mehr und nicht weniger als ein Teil der Gemeinschaft – und seine Rolle war eine – neben Musikerinnen und Musikern oder Personen, die die Fürbitten vorbereitet hatten", schreibt Staudigl weiter. Die Gottesdienste seien damals nicht erst durch das Erscheinen des Priesters möglich geworden, sondern durch das Zusammenhelfen vieler im Vorfeld, die ihre Kompetenzen eingebracht hätten. Diese Erfahrung, dass zu einer gemeinsamen Feier die gemeinsame Vorbereitung im Vorfeld gehöre, präge bis heute ihr Bild von Kirche, so die Stiftungsdirektorin der Katholischen Stiftungshochschule München.

Unauffällig habe sich seit den 1980er Jahren jedoch eine Abkehr vom Liturgie-Verständnis des II. Vatikanums vollzogen. "Stillschweigend kehrte man vom Volk als handelnder Gemeinschaft wieder zurück zum Priester, dessen Erscheinen aus der Sakristei den Beginn des Gottesdienstes markiert", kritisiert Staudigl. Besonders drastisch habe sich dies während des Lockdowns in der Corona-Pandemie gezeigt: "Das Volk war weg, die Amtsträger feierten ohne Volk Gottesdienst." Nach ihrem Verständnis, so die Theologin und ehemalige Leiterin der Schulabteilung des Bistums Eichstätt, brauche Gott jedoch keine einsamen Gottesdienste einzelner Priester, "sondern die Menschen brauchen die Erfahrung, in der Verehrung Gottes versammelt und untereinander verbunden zu sein".

Vorbereitende Rollen für den Gottesdienst "wurden an den Rand gedrängt"

Die starke Fokussierung auf den Zelebranten könne mit den Pontifikaten von Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (2005-2013) in Verbindung gebracht werden, mutmaßt Staudigl. Die beiden Päpste hätten Bischöfe und Kardinäle installiert, die zu ihrer theologischen Linie gepasst hätten und diese wiederum hätten Männer als Priester angezogen, die auch in diese Linie gepasst hätten. "Und natürlich ist die zunehmende Klerikalisierung bei gleichzeitigem massiven Rückgang von Priestern nicht nur eine ideologische, sondern auch eine hoch pragmatische Antwort darauf, warum liturgische Communio-Erfahrungen keine Selbstverständlichkeit mehr sind: Wenn es ohne Priester keine Gemeindeleitung gibt, wenn allein sie Gottesdiensten vorstehen können, wenn die wenigen Priester in immer größeren Pfarrverbänden mal eben zum Zelebrieren gefahren kommen: Wie soll der Priester ein Teil der Gemeinschaft sein?", fragt die Theologin.

Zwar könne die Gemeinschaft vor Ort auch in der heutigen Zeit Gottesdienste vorbereiten und dann warten, bis auch derjenige, der die Rolle des Priesters innehabe, da sei. "Doch die vorbereitenden Rollen für den Gottesdienst wurden an den Rand gedrängt, nicht mehr gepflegt, aufgegeben", so Staudigl. Deshalb fehle der Kirche zunehmend das pastorale Laienpersonal, "das keine Lust mehr hat, subaltern unter Priestern zu arbeiten". (stz)

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