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Bruder Jürgen spricht über die Lage der Christen in der Türkei

"Das ist schon Normalität"

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Ein türkischer Polizist patrouilliert vor der Hagia Sophia in Istanbul.
Bonn - Terroranschläge, Verfassungsreform: Wie beeinflussen diese Ereignisse die Situation der Christen in der Türkei? Franziskanerbruder Jürgen Neitzert schildert die Eindrücke seines letzten Istanbul-Besuchs.

Frage: Bruder Jürgen, Sie waren zuletzt im vergangenen Herbst in der Türkei. Wie haben Sie die Atmosphäre dort empfunden?

Bruder Jürgen Neitzert: Ich bin nur in Istanbul gewesen und da herrschte eine ganz andere Atmosphäre als etwa im Südosten im Gebiet der Kurden. In der Stadt war es ruhig, man hat keine Auswirkungen des Putsches gemerkt. Es war viel Polizei unterwegs, aber das ist sie immer. Vor der katholischen Basilika St. Antonius im Stadtteil Beyoğlu stehen auch Polizisten. Das ist als Schutz gedacht, ist jedoch auch eine Art Überwachung und schon Normalität. Was man bei meinem Besuch noch nicht gemerkt hat, sind die ausbleibenden Touristen nach dem Terroranschlag an Silvester. Darunter leiden die Türken im Moment am meisten, es ist ein Schlag für die Wirtschaft.

Frage: Sie haben damals Vertreter und Einrichtungen verschiedener Konfessionen besucht. Was haben Ihnen die Menschen dort erzählt?

Bruder Jürgen: Wir haben neben muslimischen vor allem armenische, jüdische und orthodoxe Einrichtungen besucht. Die Christen sind schon immer Menschen zweiter Klasse in der Türkei. Das heißt, dass man zum Beispiel nicht in der Politik Karriere machen kann. Auch in der muslimisch geprägten Gesellschaft hat man es schwerer, man ist eher Außenseiter. Zudem werden vom Staat nur Moscheen finanziell unterhalten, keine Kirchen oder Gotteshäuser anderer Religionen. Aber generell hat sich für die Christen unter der AKP-Regierung die Situation ein bisschen zum Besseren gewandelt: Als die AKP 2002 die absolute Mehrheit erhielt, wollte sie ihre Macht festigen, indem sie die Bedingungen, die von Europa an die Türkei gestellt wurden, umzusetzen versuchte. Darunter fiel zum Beispiel auch die Ausweitung der Religionsfreiheit. Das führte zu kleinen Vorteilen für Christen, teilweise wurde etwa konfisziertes Eigentum an die Kirchen zurückgegeben. Heute leiden die Christen aber auch unter der generellen Situation der Türkei: Sie sind nicht viele, aber manche von ihnen sind stark im Handel und in der Wirtschaft tätig und spüren, wie die Bedingungen sich verschlechtern. Viele verlassen daher die Türkei.

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Der Vorsitzende des Stephanuskreises der Unions-Bundestagsfraktion, der Kölner Abgeordnete Heribert Hirte, spricht im Interview mit katholisch.de über den Weihnachtsstreit in der Türkei und die Folgen. (Artikel von Dezember 2016)

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Frage: Gerhard Duncker, ehemaliger Pfarrer der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Istanbul, berichtete kürzlich von Einschränkungen im Gemeindeleben für Christen in der Türkei. So überlege man bei Gemeindefesten, ob überhaupt Bier ausgeschenkt werden kann. Es gelte, nicht aufzufallen. Haben Sie solche Einschränkungen auch beobachtet?

Bruder Jürgen: Das habe ich bisher noch nicht gemerkt, weil man in den Gemeinden ja keine öffentlichen Feste veranstaltet, sondern in geschlossenen Räumen feiert und da gibt es keine Einschränkungen. Das wäre natürlich anders, wenn man öffentliche Veranstaltungen machen würde. Aber so bleiben wir unter uns. Die Kirchen werden aber gut besucht, auch von Muslimen, die sogar Kerzen anzünden. Die Bevölkerung von Istanbul habe ich als sehr offen und neugierig erlebt.

Frage: Nach dem Putschversuch im vergangenen Jahr gab es Verschwörungstheorien, die Christen in die Nähe der Aufständischen rückten: Eine regierungsnahe Zeitung behauptete etwa, der islamische Prediger Gülen sei im Geheimen katholischer Kardinal. Auch dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. wurde vorgeworfen, am Putschversuch beteiligt gewesen zu sein. Wie erleben Christen in der Türkei diese Behauptungen?

Bruder Jürgen: Diese Dinge standen natürlich in allen Zeitungen. Aber den Behauptungen, der Ökumenische Patriarch habe die Türkei wegen des Putsches verlassen, haben die Orthodoxen öffentlich widersprochen, da er wegen innerorthodoxer Fragen unterwegs war. Das wurde dann auch in der Presse richtiggestellt. Zwischen Christen und der Gülen-Bewegung gab es tatsächlich Kontakte, einfach deshalb, weil sich die Gülen-Anhänger für den interreligiösen Dialog eingesetzt haben. Fetullah Gülen hatte 1998 ja sogar eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. Aber dass er ein geheimer katholischer Kardinal ist, ist natürlich Unsinn. Dennoch könnte es sein, dass es wegen den Kontakten zur Gülen-Bewegung für die Christen zu Problemen kommt. Bisher ist jedoch noch nichts dergleichen passiert. Mit Blick auf die Regierung kann man allerdings nicht sagen, dass man als Christ nicht mehr willkommen sei. Zum Beispiel hatte die Regierung nach dem Putschversuch zu einer Demonstration für Erdoğan aufgerufen und auch den katholischen Bischof von Istanbul gefragt, ob er und die katholischen Gemeinden teilnehmen. Aber sonst ist die katholische Kirche für die Regierung keine politische Größe. Sie ist zu klein und zu unbedeutend in der Türkei. Man schmückt sich eher damit, dass man mit ihr Kontakt hält, aber man unternimmt nichts gegen sie.

Der Franziskanerbruder Jürgen Neitzert
Der Franziskanerbruder Jürgen Neitzert engagiert sich im christlich-islamischen Bereich und hat über zwei Jahre in Istanbul gelebt.

Frage: Die Verfassungsreform, durch die Präsident Recep Tayyip Erdoğan viel mehr Macht erhalten soll, wurde gerade vom türkischen Parlament gebilligt. Was bedeutet das für die Christen im Land?

Bruder Jürgen: In der türkischen Politik haben autoritäre Personen schon immer eine Rolle gespielt. Präsident Erdoğan übt schon jetzt de facto ja auch die Macht des Ministerpräsidenten aus, und die Türkei ist im momentanen Ausnahmezustand eher eine Demokratur. Aber die Christen in Istanbul betrifft das höchstens indirekt über die Wirtschaft: Die hängt sehr vom Tourismus ab, und manche Christen arbeiten in diesem Bereich. Gerade möchte aber kaum noch jemand in der Türkei Urlaub machen. Darunter leiden dann alle in der Türkei. Unser Gemeindeleben wird, denke ich, keine Einschränkungen erfahren. Es ist schon immer eines im Hinterhof gewesen und das wird sich auch absehbar nicht ändern. Ansonsten kann es sein, dass es zur weiteren Islamisierung im öffentlichen Leben kommt. Das wäre natürlich nicht wünschenswert.

Frage: In einem Bekennerschreiben zum Terroranschlag in der Silvesternacht auf den Nachtclub "Reina" in Istanbul hieß es, der Anschlag habe den "Nazarenern", also den Christen, gegolten. Wie beeinflussen solche Terroranschläge die Situation für die Christen in der Türkei?

Bruder Jürgen: Das war ja nach meinem Besuch in Istanbul, daher kenne ich die Reaktionen nur aus den Medien. Der IS ist natürlich eine Bedrohung, nicht nur für die Christen. In dem Nachtklub an Silvester waren aber vor allem kurdische Aleviten. Der IS attackiert die Türkei nicht in erster Linie wegen der Christen, sondern vor allem, weil die türkischen Truppen in Syrien mittlerweile gegen den IS vorgehen.

Zur Person

Der Franziskaner Bruder Jürgen Neitzert hat Islamwissenschaften studiert und arbeitet seit über 30 Jahren im Bereich des christlich-islamischen Dialogs in Deutschland vor allem mit muslimischen Jugendlichen und Flüchtlingen zusammen. Für ein Dialogprojekt seiner Gemeinschaft in der Türkei hat er insgesamt über zwei Jahre in Istanbul gelebt.

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