Moraltheologe: Papst entscheidet selbst über seine Privatsphäre
Die Gesundheit von Papst Leo beschäftigt Menschen auf der ganzen Welt. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin, blickt im Interview auf die Spannung zwischen Informationsbedürfnis und Privatsphäre und erklärt, warum die Erkrankung des Papsts das Verständnis für Schwäche und Verletzlichkeit fördern kann.
Frage: Die Gesundheit von Papst Leo beschäftigt viele Menschen. Sind Sie darüber überrascht, wie groß das gesellschaftliche Interesse ist?
Lob-Hüdepohl: Nein, mich überrascht das große Interesse an der Krebserkrankung des Papstes nicht. Immerhin ist er als Oberhaupt der katholischen Kirche mit gut 1,4 Milliarden Mitgliedern eine Person des öffentlichen Lebens wie kaum ein anderer. Er hat sich gerade durch seine gleichermaßen besonnenen wie eindeutigen Positionierungen in zentralen Fragen des gesellschaftlichen Lebens in kürzester Zeit ein Ansehen erworben, das weit über die katholische Kirche hinausgeht. Denken wir nur an seine Äußerungen zu den kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Oder an seine klugen Überlegungen zur Künstlichen Intelligenz, die insbesondere die imperialen Machtanmaßungen einer kleinen Tech-Elite in die gebotenen Schranken weisen. Da ist es sehr verständlich, dass große Teile der Öffentlichkeit ein starkes Interesse an der Gesundheit einer solchen moralischen Autorität zeigen.
Frage: Wie viel ist daran ehrliche Sorge, wie viel ist Sensationslust?
Lob-Hüdepohl: Das kann ich nicht beurteilen. Die mir zugänglichen Quellen vermitteln mir eine ehrliche Sorge. Auch aus den erwähnten Gründen. Ich kann freilich nicht ausschließen, dass da und dort Sensationslust die Oberhand gewinnt. Wenn beispielsweise schon jetzt spekuliert wird, welcher der Kardinäle denn der nächste Papst werden könnte, wenn Papst Leo seine Erkrankung nicht überlebte oder zumindest zurücktreten müsste. Auch Verschwörungstheorien werden bald die Runde machen, welche Mächte denn die lebensbedrohliche Krebserkrankung verursacht haben könnten. Auch sie gehören zu den Geißeln unserer Zeit.
Frage: Darf die Frage nach der Amtsfähigkeit eines erkrankten Papstes öffentlich diskutiert werden, und welche ethischen Grenzen gelten dabei?
Lob-Hüdepohl: Natürlich darf sie das. Von der Amtsführung einer öffentlichen Person hängt das Wohl vieler Menschen ab, von der Amtsführung eines Papstes Entscheidendes einer Weltkirche – zumal bei einer derart konzentrierten, quasi absolutistischen Zuspitzung von Entscheidungsgewalt. Diese Diskussion darf sich aber nicht auf die Amtsfähigkeit beschränken. In erster Linie muss es um die Genesung unseres Bruders Robert Francis Prevost gehen, nicht um die funktionale Wiederherstellung des päpstlichen Amtsträgers Leo.
Frage: Wo endet das berechtigte öffentliche Interesse am Gesundheitszustand des Papstes, und wo beginnt sein Recht auf Privatsphäre?
Lob-Hüdepohl: Das lässt sich nur vage bestimmen. Entscheidend ist: Das Recht auf Privatheit beinhaltet vor allem das Recht, selbst darüber zu entscheiden, wer Zugang zu den Details meiner persönlichen Lebensführung bekommt. Und hier hat Leo durch seine Mitteilung bei einem höchst prominenten Anlass – immerhin das sonntägliche Angelus-Gebet – die Öffentlichkeit über seine Erkrankung und über seine zeitnahe Operation informiert. Für viele war solche Offenheit überraschend. Aber es ist meines Erachtens eine klare Ansage des Papstes selbst. Ob die Öffentlichkeit etwa durch ein offizielles Bulletin seiner Ärzte genaueres erfährt, entscheidet letztlich wiederum nur der Papst selbst. Wie jeder andere Patient auch kann nur er die behandelnden Ärzte von ihrer Schweigepflicht entbinden.
Frage: Bilder aus dem Krankenbett wurden nicht geteilt – aber inzwischen durch KI-Bilder des Papsts im Krankenbett ersetzt, die viele Menschen für echt halten. Ist die Abschottung in der Gegenwart der richtige Weg?
Lob-Hüdepohl: Solche KI-generierten Bilder sind Fälschungen und – mit Verlaub – widerlich. Ich wüsste nicht, warum man solchen Widerlichkeiten durch autorisierte Bilder in höchst persönlichen Lebenslagen begegnen sollte. Wenn der Papst entscheidet, ein Bild aus seinem Krankenzimmer zu veröffentlichen, ist das seine Entscheidung. Dass er das offensichtlich nicht tut, ehrt ihn. Denn er setzt damit auch ein Zeichen für eine weitere Grenze: die zwischen Privatheit und Intimität. Krankenzimmer sind wie Schlafzimmer Orte höchster Intimität. Da hat eine anonyme Öffentlichkeit meines Erachtens grundsätzlich nichts zu suchen – auch nicht über voyeuristische Bilder.
Frage: Welche moralische Verpflichtung hat der Vatikan, die Öffentlichkeit über den Gesundheitszustand des Papstes zu informieren?
Lob-Hüdepohl: Es kommt immer auf den Grad und die Details der Informationen an. Dass der Papst erkrankt ist, ist offensichtlich. Es zu vertuschen oder zu verharmlosen, wäre eben Vertuschung und Verharmlosung und damit moralisch unredlich. Es gibt freilich legitime Gründe, bestimmte Informationen zurückzuhalten, selbst wenn sie vom Papst freigegeben wären. Denn mit manchen kann unseriöse Politik betrieben werden. Da ist es politisch klug, solches zu verhindern.
Frage: In den Medien analysieren Ärzte das Gesundheitsverhalten des Papsts und Krebsfälle in seiner Familie, ohne Einblick in Krankenakten. Ist das mit ärztlicher Standesethik vereinbar?
Lob-Hüdepohl: Eine auf einen konkreten Patienten bezogene Anamnese oder Diagnose ohne Einblick in die Krankenakten oder persönliche Inaugenscheinnahme ist immer ein schwerer Verstoß gegen die etablierten Regeln ärztlicher Kunst und damit ein Verstoß gegen die ärztliche Berufsethik.
Frage: Die Bevölkerung hat ein Bedürfnis, die Krankheit einzuordnen. Wie geht das seriös?
Lob-Hüdepohl: Die mir bekannten öffentlichen Äußerungen von Ärzten ordnen die offensichtlich gesicherten Informationen über die Erkrankung des Papstes bestimmten Fallkonstellationen zu. Und für solche Fallkonstellationen lassen sich natürlich seriöse Aussagen über typische Krankheitsverläufe, Genesungschancen oder Therapiemöglichkeiten treffen. Wohlgemerkt, es handelt sich um Aussagen über Typen oder Muster, von denen etwa individuelle Verläufe natürlich erheblich abweichen können.
Wenn selbst ein Papst mit einer schweren Erkrankung in einer Weise umgeht, dass er sie weder verharmlost noch dramatisiert, dann führt uns das allen vor Augen, dass Verletzlichkeit ein gewöhnlicher Bestandteil all unseren Lebens ist.
Andreas Lob-Hüdepohl
Frage: Wie kann man Spekulationen und Dramatisierung in der aktuellen Situation entgegenwirken?
Lob-Hüdepohl: Das weiß ich nicht. In Zeiten dauererregter Öffentlichkeit hilft vielleicht nur demonstrative Gelassenheit im Umgang mit dieser schweren Erkrankung – eine Gelassenheit, die wir bei Papst Leo etwa auch von seinem Umgang mit den öffentlichen Pöbeleien her kennen, die ihm in letzter Zeit aus seinem ersten Heimatland entgegenschlugen.
Frage: Was sagt uns der Umgang mit der Papsterkrankungen über den Umgang der Gesellschaft mit Krankheit, Tod und Vergänglichkeit?
Lob-Hüdepohl: Ich halte es für sehr ermutigend, wenn Krankheit, Tod und Vergänglichkeit aus der Tabuzone heraustreten, in der sie in einer auf Leistung und Stärke fixierten Gesellschaft oftmals stecken. Das ist zwar nicht neu. Aber wenn selbst ein Papst mit einer schweren Erkrankung in einer Weise umgeht, dass er sie weder verharmlost noch dramatisiert, dann führt uns das allen vor Augen, dass Verletzlichkeit ein gewöhnlicher Bestandteil all unseren Lebens ist. Aber auch, dass diese Verletzlichkeit grundsätzlich mit unserer Widerstandskraft rechnen kann.
Frage: Fällt es Menschen besonders schwer, die Verletzlichkeit von Menschen zu akzeptieren, von denen sie Orientierung, Stärke und Führung erwarten?
Lob-Hüdepohl: Den einen mag das schwerfallen, andere dagegen empfinden das als wohltuend und heilsam. Denn es befreit von der unheilvollen Fiktion, dass es ein gänzlich unbeschwertes und perfektes Leben geben könnte. Es befreit einen Jeden von uns dazu, sich anzunehmen, so wie wir sind. Übrigens: ein urchristliches Motiv.
Frage: Kann die Erkrankung einer bekannten Person zum Verständnis für Schwäche und Verletzlichkeit beitragen?
Lob-Hüdepohl: Ja, unbedingt. Selbst der Papst ist verletzlich und darin ganz Mensch. So wie wir. Und darin ganz "Bild Gottes". Ebenfalls wie wir. Und in allen Verletzlichkeiten und Unzulässigkeiten angenommen und getragen in Gottes letztlich heilsamer Gegenwart. Nochmals: so wie wir. Fürwahr eine frohe Botschaft!