Ab in den Papierkorb

P. Klaus Mertes SJ über lebensferne Flüchtlingsprojekte

Standpunkt | Bonn - 25.04.2016

Gestern flatterte ein Wettbewerbsangebot auf meinen Schreibtisch, nach dem Motto: "Bestes schulisches Projekt für die Integration von Flüchtlingen." Wenn ich mich darauf einlassen würde, könnte ich mich und eine Menge Kolleginnen und Kollegen die nächsten drei Wochen schwerpunktmäßig  mit dem Ausfüllen von Formblättern und dem Entwerfen von Strategiepapieren und ausgeklügelten Integrationskonzepten nach eng vorgegeben Kriterien beschäftigen. Und überhaupt: Wieso "Wettbewerb?" Und: Heute flattert ein EU-gestütztes finanzielles Unterstützungsangebot für Schulen, die Flüchtlinge aufnehmen herein; nach intensiven Recherchen stellen wir fest, dass wir überhaupt erst dann Anträge stellen dürfen, wenn wir mit drei anderen Schulen aus drei anderen europäischen Ländern kooperieren; eine kick-off-Veranstaltung ist für Mitte Mai in Brüssel anvisiert. Geht leider nicht – ist mitten im Abitur. Also auch hier: Ab in den Papierkorb. So geht das seit Wochen. Leute oben denken sich etwas aus: Mit den Bedürfnissen und Erfahrungen unten hat das kaum etwas zu tun.

Die Realität vor Ort sieht so aus: Flüchtlingsfamilien klopfen an der Tür der Schule an, drei Elternpaare mit insgesamt acht lernbegierigen Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 16, die in Aleppo auf dem Gymnasium waren. Eine schnelle Antwort ist gefragt. Zwei Kolleginnen erklären sich bereit, zwei mal sieben Stunden pro Woche deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Der Rest läuft über die "Sprachdusche" in den jeweiligen deutschen Klassen. Die Kosten für den zusätzlichen Deutschunterricht übernimmt die Schule – irgendwie wird es schon klappen. Notfalls muss man auf Betteltour gehen oder irgendwo an anderer Stelle kürzen.

Ehrlich gesagt: Ich arbeite gerne mitten in der Gemengelage an der Basis. Ich habe den Eindruck, dass ich da noch etwas bewegen kann. Ich komme von dem Gefühl nicht los: Würde ich in den beschriebenen Wettbewerbs-, Zuschuss- und Konferenzdschungel eintreten, hätte ich ganz schnell den Kontakt zur Basis verloren. Bleibt also die Frage: Wo geht dann die ganze Energie und das ganze Geld hin, das oben lagert? Am besten wäre es, einfach mal umzudenken: Schulen besser ausstatten, dafür oben kürzen. Die katholische Soziallehre kennt ein Prinzip, das sich auch auf die Organisation des Bildungssystems übertragen ließe. Es heißt: Subsidiarität.

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von P. Klaus Mertes SJ

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