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Der Exodus der Frauen

Albert Wolters sitzt mit seiner Frau Alstje in der Küche und zeigt Briefe von Anwälten. Das letzte Jahr hat die beiden viele Nerven gekostet. "Und Geld", wirft Alstje de Graf ein. Die Wolters hatten den Seitenflügel ihres ehemaligen Rittergutes im kleinen Dörfchen Steinbach an zwei Brandenburger verkauft. 350.000 Euro waren als Kaufpreis vereinbart. Die Käufer des Rittergutes Steinbach zahlten einfach nicht. "Jetzt sind wir wieder hier", sagt Albert Wolters.

Gesellschaft | Steinbach - 06.02.2015

Albert Wolters sitzt mit seiner Frau Alstje in der Küche und zeigt Briefe von Anwälten. Das letzte Jahr hat die beiden viele Nerven gekostet. "Und Geld", wirft Alstje de Graf ein. Die Wolters hatten den Seitenflügel ihres ehemaligen Rittergutes im kleinen Dörfchen Steinbach an zwei Brandenburger verkauft. 350.000 Euro waren als Kaufpreis vereinbart. Die Käufer des Rittergutes Steinbach zahlten einfach nicht. "Jetzt sind wir wieder hier", sagt Albert Wolters.

Der Holländer und seine Frau sind nach Steinbach zurückgekehrt und haben sich von der Idee des Ruhestandes inzwischen verabschiedet. Gegen die Käufer, die nicht zahlen wollten, läuft jetzt ein Verfahren wegen Betruges. "Nur Ärger. Aber was hätten wir denn anderes tun sollen", fragt Wolters. Also ist er wieder hier und deckt sein Dach neu. Damit ist der Holländer hier ziemlich alleine.

Denn einige Gebäude in Steinbach hätten die neuen Dachziegel viel nötiger. Über ein Dutzend Gebäude steht leer. Ein Teil ist sichtlich ruinös. Auch die alten Schnitterhäuser am Orteingang, in denen früher die Erntehelfer wohnten, stehen seit Jahrzehnten leer und verfallen zusehends. Der demografische Wandel hat Steinbach in der Oberlausitz fest im Griff. Rund 90 Menschen leben hier noch. Eine Bushaltestelle gibt es, einen Schießstand, eine Gärtnerei und der Wolfsradwanderweg kreuzt hier den Frosch-Radweg. Kinder gibt es hier nur wenige. Arbeit im Dorf gibt es gar nicht. Zwei Kilometer entfernt bietet eine Firma für Munitionsentsorgung einigen Lohn und Brot.

Der Holländer Albert Wolters und seine Frau Alstje glauben an das kleine Steinbach und bauen weiter an ihrem Rittergut.
 Kremser

Auch die Caritas beschäftigt sich mit dem Thema

Das Schrumpfen von Dörfern wie Steinbach ist Thema der Caritaskampagne 2015. Unter dem Motto "Den demografischen Wandel gestalten" sucht sie bis 2017 in einer Demografie-Initiative nach innovativen Ansätzen für die Gesellschaft und die eigene Arbeit. Dabei sollen die Mitarbeiter der örtlichen und diözesanen Caritasverbände verstärkt überlegen, wie sie sich in Kooperationsverbünden mit Kommunen, Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und Vereinen einbringen können, um Angebote für Alte und Kinder aufrecht zu erhalten oder neue Lösungen zu entwickeln.

Gleich neben den Schnitterhäusern in Steinbach wohnt Hartmut Krahl. Der 64-Jährige arbeitet seit einigen Jahren in Bayern als Berufskraftfahrer. Seither pendelt er zwischen Franken und der Oberlausitz. Sein ganzes Leben hat er schon in Steinbach verbracht. "Nein, ich will hier nicht weg", sagt Krahl, während er sich mit der Tabakstopfmaschine eine Zigarette macht. Seine Frau hat im benachbarten Rothenburg eine Arbeitsstelle beim Obst- und Gemüsegroßmarkt. Und auch das Haus ist schließlich bezahlt, die Küche gerade neu eingerichtet. Nur die Töchter, die leben leider weit weg in Süddeutschland.

Die Töchter von Hartmut Krahl sind keine Ausnahme. Der demografische Wandel ist in der Oberlausitz nicht einfach nur der Fakt, dass die Menschen immer älter werden und es weniger Kinder gibt, der demografische Wandel ist in den Dörfern der Lausitz ein Exodus der Frauen.

Abwanderung von Frauen zu wenig untersucht

Matthias Theodor Vogt, der Direktor des Instituts für kulturelle Infrastruktur, sieht die Stabilität von kleineren und mittelgroßen Städten bedroht. "Die Abwanderung gut ausgebildeter junger Mitbürger, insbesondere von Frauen, in die Agglomerationen", sei eine zu wenig untersuchte Seitenlinie des demografischen Wandels. Das ist sein Fazit nach einem Austausch von regionalen Akteuren in der Oberlausitz. Mit Agglomerationen sind die Großstädte und Metropolregionen gemeint: Berlin, Hamburg, das Rheinland, München, Nürnberg, Schwaben.

Die Abwanderung führe in den anderen Landesteilen "zu einem empfindlichen Verlust von Funktionseliten", so Vogt. Dieser Verlust habe gravierende Auswirkungen auf unternehmerische Kompetenz und den sozialen Zusammenhalt und damit wiederum auf die Fähigkeit von Städten und Regionen, erstens selbsttragende soziale und wirtschaftliche Strukturen zu entwickeln und zweitens demokratiefähig zu bleiben. Durch den Jugend- und Akademikerüberschuss der Metropolen gerät die Provinz ins Hintertreffen. Ein Land könne sich jedoch nur dann sozial, wirtschaftlich und politisch stabil entwickeln, wenn auch von der Fläche Innovationsimpulse ausgehen, so Vogt.

Innovationen sind in Steinbach Mangelware. Dabei täten sie dringend Not. Hartmut Krahl ist bei der Feuerwehr engagiert. Das Feuerwehrhaus liegt gleich gegenüber von seinem Küchenfenster. In der Garage stehen zwei Anhänger mit Pumpen und Schläuchen, davor ein rund 40 Jahre alter russischer Geländewagen. "Der ist ideal für uns. Damit kommen wir überall durch", sagt Krahl. Die Ortswehr ist klein. Tagsüber bekommen sie schon lange nicht mehr genügend Freiwillige zusammen, um das Fahrzeug zu besetzen. Aber Abends und am Wochenende sei die Steinbacher Feuerwehr mit sieben bis acht Kameraden einsatzbereit, sagt Krahl. Für einen Ort mit 90 Einwohnern ist das keine schlechte Quote.

Bürgermeisterin: Abwrackprämie für kleine Dörfer "kompletter Schwachsinn"

Für die Bürgermeisterin von Rothenburg, Heike Böhm, ist Steinbach ein ganz normales Dorf. "Steinbach ist ein lebendiger Ortsteil von Rothenburg", sagt die Bürgermeisterin. Die "Abwrackprämie für kleine Dörfer", die der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer gefordert hat, hält sie für "kompletten Schwachsinn". Dennoch verhehlt sie nicht, dass es Probleme gibt. "Ja, der Leerstand ist ein Problem", sagt Böhm. Und die Entfernungen. Nach Steinbach fährt der Bus. Doch für Kinder und Jugendliche ist das Leben in der dünn besiedelten Provinz nicht einfach.

Der demografische Wandel verhindert Innovationen, weiß Hartmut Krahl. Das beweist auch ein Blick auf den Geländewagen der Feuerwehr Steinbach - auch wenn er gute Dienste verrichtet.
 Kremser

Rund 20 Kilometer südwestlich von Steinbach liegt das Dorf mit dem irreführenden Namen "See". Das 1.400-Seelen-Dorf liegt inmitten eines Biosphärenreservats, rundherum wunderschöne Natur. An einem Hang liegt ein schmuckes Einfamilienhaus. Das Wummern eines Schlagzeugs im Hard-Rock-Rhythmus wird auf der Garageneinfahrt immer deutlicher. Und plötzlich kommt Leben in die Dorfidylle: Ein Fahrradfahrer kommt rasant um die Ecke geschossen, gleich dahinter folgt ein Minivan und aus der Haustür tritt lächelnd ein junger Schlagzeuger. Familie Hänsch kommt am Abend endlich zusammen: Mutter Kathrin, Vater Enrico und die Söhne Lukas und Tobias.

Zehn und dreizehn Jahre alt sind die beiden Brüder und beide musikalisch. Lukas, der Ältere, spielt Schlagzeug, Tobias, der Jüngere, spielt Keyboard. Und die beiden sind katholisch. Das ist selten in einer Gegend, wo sonst kaum jemand an Gott glaubt. "In meiner Klasse bin ich der einzige, der katholisch ist", sagt Tobias. Sein Bruder Lukas hat noch einen Klassenkameraden, der ebenfalls Katholik ist und dann sind auch noch ein paar Kinder evangelisch. Die meisten der jeweils über 20 Mitschüler von Tobias und Lukas sind jedoch Nichtchristen.

Religionsunterricht im Gemeinderaum der Pfarrkirche

Wenn Tobias zum Religionsunterricht muss, fährt ihn entweder Mutter Kathrin oder Vater Enrico. Denn genau zu diesem Zeitpunkt fährt kein Bus. "Dank unserer unterschiedlichen Arbeitszeiten haben wir das bisher immer hinbekommen", erläutert Enrico Hänsch. Einmal in der Woche kommen die Schüler jeder Klassenstufe aus Niesky und Umgebung im Gemeinderaum an der Pfarrkirche zusammen und haben dort am Nachmittag ihren Religionsunterricht. In ihren jeweiligen Schulen würde sich der Unterricht für nur einen oder zwei Schüler pro Klassenstufe nicht lohnen. Also nehmen Schüler und Eltern weite Wege auf sich.

Für die Katholiken in der Oberlausitz bedeutet der demografische Wandel eine Verschärfung der ohnehin belastenden Diasporasituation. Rund zwei Dutzend sogenannte "Außenstationen" sind in den vergangenen Jahren in den Pfarreien der Diözese Görlitz dichtgemacht worden. Kleinere Filialkirchen, die oft erst nach dem Krieg unter großen Mühen errichtet worden waren, sind profaniert und verkauft worden. Kein Wunder, dass auch die katholische Jugend abwandert, gibt es doch Gegenden im dünn besiedelten Süden Brandenburgs, in denen es rechnerisch nur 0,1 Katholiken pro Quadratkilometer gibt.

Dresden, Leipzig, Erfurt und Jena wachsen

Im dichter besiedelten aber räumlich sehr viel kleineren sächsischen Teil der Diözese Görlitz, leben zwei Drittel der Katholiken des Bistums. Im dünn besiedelten Norden mit Niederlausitz und Spreewald sind es nur 10.000 Katholiken. Und nur für wenige Städte im Osten Deutschlands sieht es gut aus. Dresden, Leipzig, Erfurt und Jena wachsen. In Leipzig und Dresden wachsen sogar die katholischen Gemeinden. Dort sind die gut ausgebildeten jungen Frauen, die "driving actors" wie Professor Vogt sie nennt.

In Hoyerswerda sind nicht nur junge Frauen Mangelware. In Hoyerswerda werden Menschen langsam zur Mangelware. 52 Prozent ihrer Bevölkerung hat die Stadt seit 1981 verloren. Nach einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung sollen 2025 nur noch 27.700 Menschen in der Stadt leben, die zu ihren Hochzeiten 71.000 Einwohner hatte.

Eine Studie des Statistischen Bundesamtes verheißt für den Osten Deutschlands und insbesondere das Gebiet des Bistums Görlitz nichts Gutes. Bis zum Jahr 2060 wird für ganz Sachsen ein Rückgang der Bevölkerung von 4,1 Millionen um 30 Prozent auf 2,9 Millionen Einwohner vorhergesagt. Noch schlimmer soll es in Brandenburg werden: Ein Rückgang der Bevölkerung von jetzt 2,5 Millionen um 36 Prozent auf nur noch 1,6 Millionen wird vorhergesagt. Zurück bleiben die Alten, die nicht wissen, wer sie einmal pflegt.

Von Markus Kremser

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