Tod & Trauer

Der Trauer Raum geben

Der "Totenmonat" November hat seine besondere Prägung

Bonn - 03.11.2013

Herbstlaub, Trauer, Dunkelheit - dieser Dreiklang, den der November anstößt, ist kaum zu übertönen. Nur Kinder können das. Unsere Tochter fragt seit ein paar Wochen an jedem Abend: Warum ist es schon dunkel? Sie hat noch die Erinnerungen an den Sommer im Kopf, wenn sie ins Bett musste, obwohl es draußen noch hell war.

Für sie sind alle Zeiten irgendwie vergleichbar. In ein paar Jahren wird sie auch merken: Der Monat November hat seine besondere Prägung. Und nicht nur wegen der Feste Allerheiligen und Allerseelen verbindet man mit diesen Wochen im Jahr das Thema Trauer.

Anders als in den vergangenen Jahren ist mir diesmal diese Zeit wichtig. Ich finde, sie ist wirklich ein bisschen dafür bestimmt, der Trauer einen Raum zu geben: Nicht viele andere Dinge stehen da im Weg: Der Sommer ist vorbei, man hat längst allen Freunden vom Urlaub berichtet, und die familiären Großveranstaltungen um Weihnachten und Neujahr sind noch ein kleines Stück entfernt.

Es ist eine Zeit, die irgendwie "im Windschatten" des trubeligen Jahreslaufes daherkommt - ein letzter Moment des Innehaltens, ganz allein und privat, unbehelligt von den Ansprüchen und Erwartungen der anderen, aber auch eine Zeit, die nach den Aktivitäten des Sommers zum Einkehren bei sich selbst einlädt.

Die Trauer spürbar machen

Mein Alltag ist nicht immer schnell, aber meistens recht voll. Kinder, Arbeit, Haushalt - alles will gut bewältigt werden. Wo bleibt Gelegenheit für die Trauer, die sich plötzlich Bahn bricht? Wie gut, dass es den Weg ins Büro gibt, und dass er recht weit ist! Eine Dreiviertelstunde auf dem Fahrrad: über die Felder, die Brücke am Bach, durch den Wald, über die Baustelle am Kanal, dann die Promenade entlang, durch den Schlossgarten in den roten Backsteinbau am anderen Ende der Stadt.

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Ein herbstlicher Rundgang über den Alten Friedhof in Bonn.  katholisch.de

Ich nehme die Trauer mit auf den Weg. Sie kann sich spürbar machen, während ich in die Pedale trete. Sie wird zur Wut, und ich trete noch fester gegen den Wind. Manchmal ist sie wie ein heller Nebel, der die Erde bedeckt und die Luft taub macht, mich fast lähmt. Und manchmal drückt sie sich so dreist in den Vordergrund wie die Novembersonne, die mir vormachen will, es sei noch Sommer.

Zu trauern - das suche ich mir nicht aus. Es kommt über mich, ich habe keine Wahl. Der tägliche Weg ist wie der dünne Pfad, der mir erlaubt, diese Kraft zu bündeln, damit sie mich nicht mit voller Breitseite erwischt und hinwegrafft. Dieser Herbst im November ist der Raum, ohne den die Trauer verdrängt werden müsste.

Wohin wird die Trauer treiben?

Heute fallen die Ahornblätter von den Bäumen der Allee herab und gestern leuchteten sie noch so bunt vom Baum herunter. Die letzten Kastanien, die kein Kind mehr zum basteln brauchte, faulen am Rand der Straße vor sich hin. Die Schiffe an der Schleuse sind mal oben, mal unten, aber meist müssen sie warten. Wie einer dieser schweren, langsamen Kähne ist meine Trauer herangezogen. Wohin wird sie treiben?

"Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden", so heißt es in der Bergpredigt im Matthäusevangelium. Aber was mag das heißen, Trost? Ist es, dass man zu müde wird für die Wut? Soll da besänftigt werden ohne Blick auf die Gründe der Trauer? Oder kommt die Wahrheit heraus und es gibt eine Chance, dass die Wunden sich schließen? Trost, das ist so veränderlich wie die Natur am Wegrand meiner Fahrradfahrten. Mal dunkel, windig und zerzaust, mit abgeworfenen, toten Blättern. Mal hell und rein wie die neblige Herbstluft mit einem Hauch von Sonne.

Selig sind die, die überhaupt trauern - so kann ich den Vers aus der Bergpredigt verstehen. Was dann kommt, ist offen.

Von Daniel Bogner

Zur Person

Daniel Bogner ist seit Februar 2013 Professor für Moraltheologie und Sozialethik am Grand Seminaire und Institut de Pedagogie Religieuse in Luxemburg.

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Lichter für die Toten: Eigentlich möchte man in der Dunkelheit ja lieber nicht über Friedhöfe streifen. Doch es gibt eine Ausnahme: Wer in den Abendstunden des 1. und 2. November die letzten Ruhestätten seiner Angehörigen besucht, dem bietet sich ein beeindruckendes Bild.

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