Der Weg zum Heil führt nicht an Christus vorbei

Im Grunde steht in "Placuit Deo" nichts Neues. Das Schreiben der Glaubenskongregation fasst bestehende Sätze der Lehre über die Erlösung zusammen. Doch aus guten Gründen gehört es schon jetzt zu den zentralen theologischen Dokumenten der Amtszeit von Papst Franziskus.

Theologie | Bonn - 02.03.2018

Der Weg zum Heil führt nicht an Christus und seiner Kirche vorbei. Auf diese Essenz lässt sich das Schreiben "Placuit Deo" ("Es hat Gott gefallen"), das die Glaubenskongregation am Donnerstag veröffentlicht hat, zusammenfassen. Auf knapp sieben Seiten führt der Text die Lehre der Kirche und Papst Franziskus' zur Erlösung des Menschen aus. Der an die Bischöfe der Welt gerichtete Brief fügt dem theologischen Werk des Papstes einen wesentlichen Baustein hinzu. Dabei enthält "Placuit Deo" keine wirklich neuen Erkenntnisse. Vielmehr unterbaut es frühere Aussagen von Papst Franziskus mit einem tiefer wurzelnden theologischen Fundament.

"Die Frohbotschaft vom Heil hat einen Namen und ein Gesicht: Jesus Christus, der Sohn Gottes, der Retter", lautet einer der Kernsätze des Schreibens (PD 8). Eine Selbstverständlichkeit für Christen seit dem Messiasbekenntnis der ersten Apostel, mag man denken. Doch Papst Franziskus sieht den fundamentalen christlichen Glaubenssatz heute scheinbar bedroht. "Placuit Deo" wendet sich gezielt gegen zwei Geisteshaltungen der Gegenwart: den "Neu-Pelagianismus" und den "Neu-Gnostizismus". Das Schreiben spricht dabei von "Tendenzen", die lediglich Ähnlichkeiten zu den namensgebenden, antiken Häresien aufweisen. Die Glaubenskongregation verzichtet daher auch darauf, die beiden "Neo-Ismen" ihrerseits als Irrlehren zu verwerfen. Bemerkenswert ist zudem, dass der Präfekt der Kongregation, Erzbischof Luis Ladaria, zur Vorstellung am Donnerstag keine spezifischen Vertreter benennen konnte.

Wenn Jesus Christus nur noch ein "Vorbild" ist

So wird der "Neo-Pelagianismus" im Schreiben relativ allgemein beschrieben als eine Haltung, bei der "das radikal autonome Individuum vorgibt, sich selbst zu erlösen, ohne anzuerkennen, dass es im Tiefsten seines Seins von Gott und von den anderen abhängig ist" (PD 3). Allgemein neige dieser "auf das autonome Subjekt konzentrierte Indivdualismus" laut der Glaubenskongregation dazu, "den Menschen als ein Wesen zu betrachten, dessen Verwirklichung allein von seinen eigenen Kräften abhängt". Jesus Christus tauge damit bestenfalls als "Vorbild, das durch Worte und Taten zu guten Werken anspornt".

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In dieser Gegenwartsdiagnose zeigt sich eine deutliche Parallele zur antiken Irrlehre des Pelagianismus, benannt nach dem Mönch Pelagius (+418). Deren Vertreter bestritten das theologische Konzept der Erbsünde, wonach jeder Mensch immer Sünder ist. Der Pelagianismus sagt, der Sündenfall Adams sei zwar ein schlechtes Beispiel, habe jedoch keinen direkten Einfluss auf nachfolgende Menschen. Der Mensch könne von sich aus zum Heil gelangen. Der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354-430) beendete den Pelagianischen Streit aus kirchlicher Sicht mit seiner Lehre über die Erbsünde, von welcher der Mensch nur durch Christus erlöst werden könne.

In den zurückliegenden Jahren hatte Papst Franziskus immer wieder eine Wiederkehr des Selbsterlösungsglaubens kritisiert. Bereits im Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" von 2013 kam er ausführlich auf diese von ihm "Neu-Pelagianismus" genannte Geisteshaltung zu sprechen (vgl. EG 93-97). Entsprechende Passagen werden durch "Placuit Deo" aufgegriffen und weiter ausgeführt. Ausgeklammert wird jedoch die von Franziskus im Zusammenhang mit dem "Neu-Pelagianismus" vorgebrachte Kritik am Rigorismus. So hatte er noch in "Evangelii gaudium" einen Hang zur "spirituellen Weltlichkeit" unter den Seelsorgern kritisiert. Der Papst geißelte dabei ein "narzisstisches und autoritäres Elitebewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, die Energien im Kontrollieren verbraucht".

Gegen die "Leibverachtung" der Neo-Gnostiker

Im päpstlichen Werk bislang weniger ausgeprägt war hingegen die Kritik am "Neu-Gnostizismus". Die Glaubenskongregation spricht von der Vorstellung eines "rein innerlichen Heils". Diese könne eine starke persönliche Beziehung zu Gott ermöglichen, nicht aber "mit den anderen [Menschen] und mit der geschaffenen Welt" (PD 2). Im "Neu-Gnostizismus" werde "der Anspruch erhoben, die Person vom Leib und von der materiellen Welt zu befreien" (PD 3), was in "Leibverachtung" (PD 4) münde, schreibt die Glaubenskongregation. Hier findet sich die Verbindung zur historischen Gnosis (altgriech. "Erkenntnis"). Die ebenfalls aus der Antike stammende Irrlehre vertrat die Ansicht, der Mensch könne allein im Geist zum Heil gelangen. Dazu müsse der Mensch sich in letzter Konsequenz von seinem sündhaften Leib befreien.

Jesus segnet und umarmt sechs Kinder.
Gott sei gerade deshalb in Jesus Mensch geworden, um mit den Menschen in eine direkte Verbindung zu treten, heißt es im neuen Schreiben der Glaubenskongregation.
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Die Weltabgewandtheit des "Neu-Gnostizismus" wirkt dabei wie eine Antithese zur von Papst Franziskus so häufig zitierten Barmherzigkeit – welche in "Placuit Deo" übrigens nur einmal erwähnt wird. So stellt die Glaubenskongregation fest, "dass das Heil, das Jesus in seiner eigenen Person gewirkt hat, nicht nur das Innere des Menschen betrifft". Vielmehr sei Gott gerade deshalb in Jesus Mensch geworden, um mit den Menschen in eine direkte Verbindung zu treten. Das Heilswirken Gottes beziehe sich damit ganz konkret auf den ganzen Menschen und zugleich auf alle Menschen (vgl. PD 10). Damit wird letztlich auch das vom Papst geforderte barmherzige Handeln gegenüber den Mitmenschen zu einer Frage des Heils (vgl. PD 14).

Auf die Diagnose der Irrlehren folgt in "Placuit Deo" eine Reihe dogmatischer Feststellungen zur Lehre von Christus und der Kirche. Das ist vielleicht die wirkliche Neuigkeit des Schreibens. Denn auf solche Sätze hatte Papst Franziskus bisher häufig verzichtet. Nun hat sie die Glaubenskongregation in seinem Auftrag veröffentlicht.

Es ist dabei wohl als Ausdruck der lehramtlichen Kontinuität zu verstehen, wenn "Placuit Deo" mit einem Zitat Papst Benedikts XVI. die Geschichtlichkeit Jesu Christi betont. Das Schreiben nennt darüber hinaus zentrale Sätze der Christologie, also der Lehre von Christus, und der Soteriologie, der Lehre von der Erlösung durch Christus. Diese werden schließlich als Antworten auf "die individualistische Verkürzung des Neu-Pelagianismus sowie auf das Versprechen einer bloß innerlichen Befreiung von Seiten des Neu-Gnostizismus" angeführt: Nicht der Mensch erlöst sich selbst, sondern Christus ist der Retter der Menschheit. Zugleich ist Leibfeindlichkeit geradezu unchristlich, da Christus selbst ein echter, leiblicher Mensch in Gemeinschaft mit "den Brüdern und Schwestern" war (vgl. PD 11).

Die Teilnehmer eines Gottesdienstes auf dem Katholikentag in Mannheim 2012 halten sich beim Vaterunser an den Händen.
Die Glaubenskongregation lässt keinen Zweifel daran: Die Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen ist das Grundsakrament schlechthin.
 KNA

Als heilsrelevant wird schließlich auch die Kirche dargestellt: "Der Ort, wo uns das von Christus gebrachte Heil geschenkt wird, ist die Kirche", macht "Placuit Deo" deutlich. Wer dies ablehne, vertrete eine "verkürzte Auffassung" der christlichen Erlösung. Die Glaubenskongregation lässt keinen Zweifel daran, dass die Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen das Grundsakrament schlechthin ist (PD 12). Damit einher gehe die Rolle der sakramentalen Heilsordnung, welche von der Taufe bis zu ihrem Höhepunkt, der Eucharistie, unabdingbar sei. Die Sakramente als sichtbare Zeichen der Gemeinschaft würden radikalem Individualismus und reiner Innerlichkeit ebenfalls widersprechen (vgl. PD 13, 14).

Extra ecclesiam nulla salus?

Das Schreiben endet schließlich mit einem Aufruf zu Mission und Evangelisierung, zu welchen die Christen sich durch ihre eigene Hoffnung gedrängt fühlen sollten (PD 15). Es ist die logische Konsequenz einer bemerkenswerten dogmatischen Ausführung. Denn als Antwort auf Geisteshaltungen der Moderne lässt die Glaubenskongregation mit "Placuit Deo" eine alte Antwort anklingen: extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche gibt es kein Heil. Hierin zeigt sich auch die theologische Tradition, in dem das Schreiben steht: Es sei als eine Art Fortsetzung von "Dominus Iesus" aus dem Jahr 2000 zu verstehen, sagte Ladaria. Die damalige Erklärung stellte die Einzigartigkeit der katholischen Kirche heraus.

So deutlich hatte Papst Franziskus dieses Selbstverständnis der Kirche bislang nicht betont. In der Beziehung mit ökumenischen Partnern versuchte er sich stets auf Augenhöhe zu positionieren, gegenüber fernstehenden Katholiken betonte er stets die barmherzige Kirche der Sünder. Während er seinen Spitzenbeamten in der Kurie allerlei Fehlverhalten und "Krankheiten" vorhält, betreibt er eine Verwaltungsreform zur Neuordnung der innerkirchlichen Machtverhältnisse. Wer Franziskus bislang ein weniger festes Kirchenbild unterstellen wollte, konnte jedenfalls Anhaltspunkte finden. Demgegenüber ist "Placuit Deo" nun ein klares Bekenntnis zum Petrinischen Prinzip der Kirche. Passenderweise trägt der Brief als Ausfertigungsdatum auch den 22. Februar, an dem die Kirche das Fest Kathedra Petri feiert, das an Petrus als den ersten Papst erinnert.

Von Kilian Martin

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