Die Benediktsregel: Mehr als "Ora et labora"

Benediktiner? Kennt man: "Ora et labora". Doch die Benediktsregel ist mehr. Sie beschreibt das Leben der Mönche bis ins Detail – und kann auch für Menschen außerhalb des Klosters hilfreich sein.

Orden | Bonn - 21.03.2018

Wer heute an Regeln denkt, verbindet sie mit verbindlichen Gesetzen. Und wer heute die Benediktsregel vor diesem Hintergrund liest, wird dort nicht mehr als ein starres Werk an Weisungen und Unterlassungen vorfinden. Allerdings muss sie ganz anders gesehen werden. Das Werk des Benedikt von Nursia gibt dem Benediktinerorden vielmehr etwas, was man im Marketingsprech wohl "Corporate Identity" nennen würde. So legen sogar die einzelnen Benediktinerklöster die Benediktsregel in ihrem Alltag unterschiedlich aus.

Quellen der Benediktsregel

Benedikt nutzt für die um 540 entstandene Regula Benedicti (RB) unterschiedliche Quellen. Die wichtigste ist für ihn immer die Heilige Schrift. Es ist davon auszugehen, dass zum damaligen Zeitpunkt jeder Mönch die Bibel auswendig kannte und für jeden Abschnitt sofort die passende Stelle im Hinterkopf hatte. Als eine weitere Grundlage ist außerdem die sogenannte Regula Magistri zu nennen. Teilweise bedient sich Benedikt sogar wörtlich aus ihr, wobei er an anderen Stellen durchaus gegensätzliche Gedanken hat. Der grundlegende Unterschied ist wohl die Stellung des einzelnen Mönches. Die Magisterregel sieht ihn dabei als unmündigen Schüler, der lernen muss, die Benediktsregel hingegen als Menschen, bei dem Entscheidungsfähigkeit überhaupt erst Voraussetzung ist, ins Kloster einzutreten.

Als weitere wichtige Benediktsquellen sind außerdem Augustinus und der Abt Johannes Kassian zu nennen. Von letzterem hat er den Gedanken der "Discretio", der maßvollen Unterscheidung, übernommen. Im 64. Kapitel, das sich mit dem Abt beschäftigt, nennt er diese maßvolle Unterscheidung die "Mutter aller Tugenden" (RB 64,17). Außerdem empfiehlt Benedikt im Abschlusskapitel "die Regel unseren heiligen Vaters Basilius" (RB 73,5), der durch die namentliche Nennung einen besonderen Stellenwert erhält.

Der Heilige Benedikt von Nursia, Gründer des Benediktinerorden.
Der Heilige Benedikt von Nursia, Gründer des Benediktinerorden.
 Gerd Müller/Creative Commons

Die Mönchsregel der Benediktiner ist in 73 Kapitel unterteilt, wobei man annimmt, dass die Kapitel 67 bis 73 erst später durch Benedikt hinzugefügt wurden, da er vermutlich noch nachträglich auf Besonderheiten eingehen musste. Die einzelnen Kapitel lassen sich thematisch zusammenfassen: Kapitel 1 bis 7 haben dabei noch starken Bezug zur Magisterregel, Kapitel 8 bis 20 sind die Liturgiekapitel, 21 und 22 behandeln das Leben der Mönche, 23 bis 30 sind die sogenannten "Strafkapitel", die für Frieden im Kloster sorgen sollen, Kapitel 31 bis 41 befassen sich mit Gütern, Diensten und Versorgung der Mönchsgemeinschaft, in Kapitel 42 bis 52 geht es um die Zeiteinteilung, Kapitel 53 bis 61 stellt das Kloster mit der Umwelt in Beziehung, 62 bis 66 legen Rangordnung sowie Ämter fest und Kapitel 67 bis 73 gehen noch einmal auf die spirituelle Ebene und das gemeinsame Leben ein.

Vor den thematischen Kapiteln der Benediktsregel steht der Prolog, der sich an der Taufkatechese und der Magisterregel inhaltlich bedient und diese zusammenfasst. Im 15. Vers wird deutlich, an was sich das Leben eines Mönches ausrichten soll: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?" Der direkte Bezug zur Bibel findet sich dabei in Joh 11,25: "Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben." Damit verweist der Vers auf die unbedingte Gottesliebe des Mönchs. Auffällig ist, dass diese Christusliebe noch an mehreren Stellen der Regel vorkommt: "Der Liebe zu Christus ist nichts vorziehen" (RB 4,21) und das "letzte Wort" Benedikts im vorletzten Kapitel: "Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen" (RB 72,11). Weiter zeigt der Prolog aber auch die Schwächen und Herausforderungen für den Mönch. Es ist nicht immer einfach, der persönliche Weg "kann am Anfang nicht anders sein als eng" (Prol. 48). Im Abschluss des Prologes verweist Benedikt auf die freie Entscheidung und den Willen jedes Mönches, sich an die Regel und die Gebote Gottes zu halten.

"Ora et labora" – et lege?

Beten und arbeiten, das ist das, was die Benediktiner ausmacht. Doch wer diese Worte in der Benediktsregel sucht, wird nicht fündig werden. "Ora et labora" fasst die Regel dennoch in drei Worten kurz zusammen – auch wenn diese Formel erst viel später entstanden ist. Ein zentrales Element der Benediktsregel ist die Gottsuche des Mönchs. Diese wird im 58. Kapitel, in dem es um die Aufnahme von Brüdern geht, herausgestellt: "Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht" (RB 58,7). Sie ist auch für den Mönch als Prozess zu sehen, der nicht das "Fertigwerden" zum Ziel hat. Auch der Prolog verweist auf dieses Vorwärtsgehen im eigenen Glauben und der Ausrichtung nach dem Wort Gottes. Die Individualität des persönlichen Weges ist Benedikt bewusst. Er verlangt von den Mönchen, sich als Gemeinschaft mit Gott auf diesen Weg zu machen.

Die Benediktinerabtei Plankstetten in der Mitte Bayerns ist als Öko-Kloster bekannt.
 Benediktinerabtei Plankstetten

Für dieses gemeinschaftliche Zusammenleben schreibt Benedikt aus seiner Erfahrung heraus und immer in dem Wissen, dass zwischen Ideal und Wirklichkeit durchaus Unterschiede bestehen können. Eine Säule der Mönchsgemeinschaft ist das gemeinsame Stundengebet (ora). In den Liturgiekapiteln gibt Benedikt genaue Anweisungen, wie dieses abzulaufen hat, wann welche Psalmen gesungen werden und mit welcher inneren Haltung die Brüder zum Gebet kommen sollen. So weiß er auch, dass es nicht darauf ankommt, viele fromme Worte zu sprechen, sondern fordert beim Gebet "die Lauterkeit des Herzens" (RB 20,3). Die Wichtigkeit des Gebets betont Benedikt auch in einem der sogenannten Strafkapitel: "Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden" (RB 43, 3). Der Mönch hat jede noch so wichtige Arbeit zu unterbrechen, wenn es Zeit für den Gottesdienst ist.

Orte des Handwerks

Doch auch auf die Arbeit (et labora) und wirtschaftliche Eigenständigkeit legt Benedikt großen Wert. Mönche zeigen durch die eigene Arbeit nicht nur ihre Armut (wer reich ist, braucht nicht zu arbeiten), sondern bestreiten mit dieser ihren Lebensunterhalt. "Müßiggang ist der Seele Feind" (RB 48,1), heißt es. Deshalb sind die Mönche gefordert, neben ihrer geistlichen Lektüre (et lege) die "notwendigen Arbeiten" (RB 48,3) im Kloster auszuüben. Benediktinerklöster waren in der Vergangenheit immer Orte des Handwerks und zeichnen sich auch heute noch dadurch aus. Und das kann durchaus unterschiedlich und individuell sein. Die Abtei Plankstetten ist etwa als "Ökokloster" bekannt.

Das Handwerk der Mönche muss sich aber durch eines auszeichnen: "Ut in onmnibus glorificetur deus – damit in allem Gott verherrlicht werde" (RB 57,9). Alles, was er tut, so wie er handelt, so wie er lebt, richtet er an Gott aus. Dort wird aber ebenso klar, dass die Benediktsregel auch für Nichtmönche eine Richtschnur für das Leben sein kann. Sogar Benedikt weiß um diesen Zustand, da seit Beginn des Ordens auch Laienmitglieder seiner Regel gefolgt sind. Dass die Benediktsregel keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und durchaus Unterschiede in der Auslegung bestehen dürfen, macht er im letzten Kapitel klar. Er benennt "diese einfache Regel als Anfang". Für einen Weg der Gottsuche – innerhalb und außerhalb des Klosters.

Von Julia Martin

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