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Die Kirchen und die Kanzlerin

Zum Umgang mit der Flüchtlingskrise zitierte Kanzlerin Merkel kürzlich Kardinal Reinhard Marx. Der erklärte im Gegenzug seinen Respekt vor der politischen Leistung Merkels. So stärken die Kirchen der Regierung den Rücken bei der Flüchtlingspolitik.

Flüchtlinge | Berlin - 10.10.2015

Manchmal sind es kleine dahingestreute Sätze, die aufhorchen lassen. Am vergangenen Wochenende gab Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dem Deutschlandfunk ein Interview zu der wachsenden Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik. "Ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat: 'Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt'", so Merkel unter Anspielung auf ein Zitat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. "Dann hat es keinen Sinn zu hadern, sondern dann muss ich anpacken."

Kurz darauf erschien in der "Süddeutschen Zeitung" (Montag) ein Doppel-Interview mit Marx und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. Darin spielten die beiden Kirchenmänner den Ball zurück. Es habe ihn "beeindruckt", wie die Kanzlerin versuche, "Humanität und politische Steuerung" zu verbinden, so Bedford-Strohm. Und Marx nahm das inzwischen berühmte "Wir schaffen das"-Zitat der Kanzlerin auf und verwies auf ein Treffen von Vertretern der Zivilgesellschaft im Berliner Kanzleramt. Dabei hätten alle Teilnehmer betont: "Es wird nicht leicht, aber: Wir können das schaffen."

Kanzlerin und Kirche rücken zusammen

Während Zweifel und Skepsis innerhalb der Bevölkerung zunehmen - laut ZDF-Politbarometer haben über die Hälfte der Bundesbürger inzwischen Sorge, dass Deutschland sich bei der Aufnahme der Flüchtlinge übernimmt - rücken Kanzlerin und Kirchen zusammen. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sprach im domradio von Unterstützung durch die Kirchen "ohne Wenn und Aber". Weiter sagte er: "Wir Christen können und werden hier unsere Verantwortung und christliche Pflicht ebenfalls wahrnehmen."

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, setzt sich prominent für die Flüchtlingshilfe ein.
Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, setzt sich prominent für die Flüchtlingshilfe ein. Im Mai ließ er im Erzbistum Köln die Glocken läuten, um zehntausender toter Flüchtlinge zu gedenken.
 KNA

Von Anfang an gehörten katholische und protestantische Gemeinden zu den wichtigsten Stützen bei der Aufnahme und Versorgung der Neuankömmlinge. Knapp 100 Millionen Euro hat die katholische Kirche in diesem Jahr zusätzlich für die Flüchtlingsarbeit im Inland und die Hilfe im Ausland bereitgestellt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nennt ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag, den Landeskirchen und Diakonische Hilfswerke zusätzlich aufwenden - neben dem üblichen caritativen Engagement.

Die Bundeskanzlerin selbst, Tochter eines evangelischen Pfarrers, geht normalerweise eher zurückhaltend um mit ihrem christlichen Hintergrund und dem Verweis auf das "C" in ihrer Partei. Da macht der Rückgriff auf die Äußerung von Kardinal Marx umso hellhöriger. Der Austausch zwischen Kanzlerin und Kirchen, so scheint es, hat jedenfalls nicht abgenommen, seit Marx unlängst bedauerte, dass die Kirchen beim jüngsten Flüchtlingsgipfel nicht mit am Tisch saßen.

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Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.

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Auch Misereor stärkte der Kanzlerin den Rücken. Deutschland müsse begreifen, "dass es nun in der Wirklichkeit der Folgen von Flucht, Vertreibung und Not angekommen ist", erklärte der Geschäftsführer des katholischen Entwicklungshilfswerks, Martin Bröckelmann-Simon. Der Staat und unzählige Ehrenamtliche leisteten Großartiges in der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen. "Das zeigt, dass wir es schaffen können, die derzeitige Situation gut zu bewältigen."

Die Migranten vor der eigenen Haustür

Ähnlich äußerte sich der Präsident des katholischen Hilfswerks missio Aachen, Klaus Krämer, zum Auftakt der Kampagne zum Monat der Weltmission an diesem Sonntag: Die weltweite Migration sei nun auch "vor unserer eigenen Haustür" angekommen. Diese Herausforderung müsse "aus einer christlichen Grundhaltung in Solidarität mit den Schwächsten" angenommen werden.

Auf eine kritische Begleitung der politischen Debatte wollen Marx und Bedford-Strohm bei aller Unterstützung nicht verzichten, wie sie beide betonen. Ein Streitpunkt dabei sind die geplanten Verschärfungen beim Asylrecht. "Da sehen wir einiges kritisch." Entscheidend bleibe aus Sicht der Kirchen, "dass das Grundrecht auf Asyl nicht angetastet wird, dass alle Menschen ein faires Verfahren und eine faire Behandlung bekommen. Und dass europäische Grenzen nicht zu Todesgrenzen werden." Die Kanzlerin wird all das zur Kenntnis genommen haben.

Von Joachim Heinz (KNA)

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