Die Madonna von Stalingrad

Der Name Stalingrad steht für eine der mörderischsten Schlachten im Zweiten Weltkrieg. An Weihnachten 1942 war die Lage für die Deutschen aussichtslos. Doch eine Kohlezeichnung wurde zum Bild der Hoffnung.

Krieg | Bonn - 20.12.2017

Weihnachten 1942. Die Rote Armee hatte Stalingrad schon einen Monat eingekesselt. -30 Grad, -40 Grad; es fehlte den Soldaten der 6. Armee der Wehrmacht an Vorräten, die Versorgungsflüge kamen kaum durch. An Heiligabend gab es eine kleine Feier. Der Kommandant hielt eine Ansprache, man sang "Stille Nacht" und "Es ist ein Ros entsprungen". Und der Truppenarzt Kurt Reuber, zugleich ein evangelischer Pastor, enthüllte eine Kohlezeichnung.

Reuber war seit November in Stalingrad, zwei Tage, bevor der Kessel geschlossen wurde, kam er vom Heimaturlaub zurück. Seit 1939 war er in der Wehrmacht, seine Gemeinde in Hessen blieb ohne Pfarrer. Zur Strafe als Feldarzt an die Ostfront geschickt, weil er antifaschistische Predigten hielt.

Im Kessel operierte Reuber bis zur Erschöpfung; zwölf Stunden am Tag stand er am Operationstisch. Trotzdem: Seine Hoffnung hatte er nicht verloren.

Immer verzweifelter

Davon erzählt die Zeichnung, die er mit Kohle auf der Rückseite einer russischen Landkarte in den Tagen vor Heiligabend gezeichnet hatte: Eine Muttergottes, schützend den Mantel um ihr Kind geschlagen. Am Rand die Worte "Weihnachten im Kessel 1942", "Festung Stalingrad", "Licht Leben Liebe". Er selbst deutete die Zeichnung in einem Brief an seine Frau: "Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinandergeneigt, von einem großen Tuch umschlossen, Geborgenheit und Umschließung von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen – und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!"

Für Besinnung gab es am Heiligabend nicht viel Zeit. Bomben schlagen ein. Ein Soldat, der eben noch "O du fröhliche" mitgesungen hatte, war tot. Immer verzweifelter wurde die Lage der eingekesselten Soldaten. Anfang 1943 gibt Reuber die Madonna einem schwer verwundeten Offizier mit. Es sollte einer der letzten Flüge sein, die Stalingrad vor der Einnahme durch die Rote Armee verlassen konnten. Reuber schickt Briefe an seine Familie und weitere Zeichnungen in die Heimat, kurz darauf fällt Stalingrad. 90.000 deutsche Soldaten, unter ihnen Reuber, werden gefangengenommen.

Rosenkranz der Katholischen Militärseelsorge mit Stalingradmadonna
Auch in der Bundeswehr hat die Stalingradmadonna eine Tradition: Auf der Medaille des Rosenkranzes der Katholischen Militärseelsorge ist sie abgebildet, ebenso taucht ihr Bild im Wappen des Sanitätsregiments 2 der Bundeswehr in Rennerod/Koblenz auf.
 katholisch.de/Riza Kilinc

Die Stalingradmadonna, wie sie mittlerweile heißt, war noch ein Bild der Hoffnung in aussichtsloser Lage. Zu Weihnachten 1943 hatte Reuber noch eine weitere Madonna gezeichnet, wieder gelingt es ihm, sie mit einem Brief seiner Frau zukommen zu lassen. Die Gefangenenmadonna sieht anders aus; wieder eine Muttergottes, die ihren Mantel um das Kind breitet; wieder steht dort "Licht Liebe Leben". Doch ihre Gesichtszüge sind härter, tiefe Furchen breiten sich über die Stirn Marias. "Mitten auf unserem adventlichen Todesweg leuchtet schon das Freudenlicht der Weihnacht als Geburtsfest einer neuen Zeit, in der – wie hart es auch sein möge – wir uns des neugeschenkten Lebens würdig erweisen wollen", schreibt er in dem Brief an seine Frau.

Bald darauf stirbt Reuber in Kriegsgefangenschaft. Konnte sich der Arzt zunächst noch um seine Mithäftlinge kümmern, wurde er schließlich selbst krank: Flecktyphus, am 21. April 1944 stirbt er daran. Erst 1946 erfährt die Familie von seinem Tod.

Die Geschichte geht weiter

Die Geschichte der Stalingradmadonna ist damit nicht zu Ende. Zunächst war sie im Besitz der Familie, 1983 entscheiden die Kinder Reubers, das Bild öffentlich auszustellen. Der Platz im Wohnzimmer der Familie schien irgendwann nicht mehr angemessen, je bekannter die Stalingradmadonna wurde, erzählte Reubers Sohn Erdwin 1983 anlässlich der Überführung des Bildes in die Berliner Gedächtniskirche. Dort ist die Stalingradmadonna heute noch zu finden – aber nicht nur dort. In der Kathedrale von Coventry, die im Bombenhagel der Wehrmacht zerstört wurde und heute wie die Gedächtniskirche als Symbol für die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg gilt, ist eine Replik der Stalingradmadonna ausgestellt; ein Geschenk aus Berlin, nachdem die Gedächtniskirche ein Nagelkreuz aus Coventry, ein Symbol für die Versöhnungs- und Friedensbewegung nach dem Weltkrieg, erhalten hatte.

Und auch am Entstehungsort ist die Stalingradmadonna: Seit 1995 hängt sie – wiederum ein Geschenk aus der Gedächtniskirche – in der Kathedrale von Wolgograd, wie Stalingrad seit 1961 heißt.

Von Felix Neumann

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