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Eine Kirche, drei Päpste

Vor genau 600 Jahren begann das Konstanzer Konzil . Die Kirche war zerrissen: Das Abendländische Schisma sorgte für eine Spaltung, die bis in die Bistümer und Orden hinein ging. Eine Bischofsversammlung musste her, um die drei amtierenden Päpste zur Einigung zu bringen. Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster, erklärt im katholisch.de-Interview, welcher Kraftakt dafür nötig war.

Kirchengeschichte | Münster - 05.11.2014

Vor genau 600 Jahren begann das Konstanzer Konzil . Die Kirche war zerrissen: Das Abendländische Schisma sorgte für eine Spaltung, die bis in die Bistümer und Orden hinein ging. Eine Bischofsversammlung musste her, um die drei amtierenden Päpste zur Einigung zu bringen. Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster, erklärt im katholisch.de-Interview, welcher Kraftakt dafür nötig war.

Frage: Professor Wolf, zu Beginn des 15. Jahrhunderts gibt es drei Päpste: Einen in Rom, einen in Avignon, einen in Pisa. Was bedeutet das für die Gläubigen?

Wolf: Für den Einzelnen wurde es einfach völlig unübersichtlich. Wir haben eine Lehre, die sich darauf konzentriert, dass die katholische Kirche ihren Einheitspunkt im Papst findet. Zwar war die Kirche damals keine Papstkirche im heutigen Sinn, aber trotzdem war klar: Der Einheitspunkt fehlt. Und es herrschte eine totale Verunsicherung. Da stellte sich für viele die Frage: Kommt jetzt die Endzeit? Ist der Antichrist am Werk? Müssen wir damit rechnen, dass die Welt morgen untergeht?

Frage: Und welche Einigungsversuche gab es?

Wolf: Man hat verschiedene Lösungswege diskutiert: Erste Lösung: Die Päpste kämpfen mit ihren Truppen gegeneinander, wer siegt, hat sich durchgesetzt. Zweite Lösung: Diskutieren. Auch Päpste sind ja vernünftige Menschen, sie treffen sich, reden miteinander. Ein Treffen kommt aber nie zustande. Die nächste Lösung ist ein Schiedsgericht. Aber wer soll das sein? Da bleibt nur der Weg des Konzils. Aber ein Konzil ohne politische Macht, ohne Exekutive, funktioniert nicht. Und deshalb ist es ganz entscheidend, dass der römisch-deutsche König Sigismund das Anliegen der Einheit der Christenheit zu seinem Anliegen machte und der konziliaren Idee den militärischen und politischen Arm reichte.

Hubert Wolf im Porträt
Hubert Wolf ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster.  KNA

Frage: Was ist das, die konziliare Idee?

Wolf: Bei mehreren Päpsten ist doch die Frage: Wer in der Kirche kann über den Papst entscheiden? Denn nach der kirchlichen Doktrin, die sich im Mittelalter entwickelt hat, kann der Papst nur von Gott gerichtet werden. Jetzt kommt es zu der Idee: Es muss eine Institution geben in der Kirche, die über dem Papst steht. Und diese Institution ist das Konzil. Nun haben wir aber in der Geschichte der Kirche bisher keine konziliaren Konzilien. Sondern nur monarchische Konzilien, einberufen erst von den römischen Kaisern, später durch den Papst. Die jetzige Idee heißt: Das Konzil steht über dem Papst.

Frage: Welches Modell liegt dem zugrunde?

Wolf: Der Papst ist eine Art Sprecher der Kirche. Wenn sich aber ein Konzil versammelt, muss der Sprecher in Reih und Glied zurücktreten. Das Konzil hat die ordentliche Gewalt in der Kirche, während der Papst nur die aktuelle Gewalt hat. Und die aktuelle Gewalt erlischt immer dann, wenn sich ein Konzil als Repräsentant der Gesamtkirche versammelt. Das ist die Grundidee, damit das Konzil gegebenenfalls eben auch Päpste absetzen kann.

Frage: Beim Konzil von Pisa 1409 scheitert genau diese Idee. Was ist beim Konzil von Konstanz, das 1414 beginnt, anders?

Wolf: In Pisa konnten sich die Kardinäle zwar auf einen neuen Papst einigen, sie konnten diesen aber politisch nicht durchsetzen. Ein Konzil ist eine Art Parlament, es kann Beschlüsse fassen, hat aber keine Exekutive. Diese durchführende Gewalt musste von außen kommen, aus der Politik, im Fall von Konstanz kam sie von König Sigismund.

Frage: Der nahm am Konzil teil und zog im Hintergrund die Fäden. Aber er war nicht derjenige, der die Päpste absetzte. Sondern?

Wolf: Das Konzil verabschiedete das Dekret Haec Sancta. Da heißt es: 'Diese Heilige Synode, rechtmäßig im Heiligen Geist versammelt, hat ihre Gewalt unmittelbar von Christus.' Also nicht vom Papst oder vom Kaiser. Und jetzt kommt der entscheidende Satz: 'Ihr' – also dieser Synode – 'ist jeder innerhalb der Kirche, in allem, was den Glauben, die Reform der Kirche und die Einheit angeht, zu absolutem Gehorsam verpflichtet.' Also hat das Konzil, indem es das Dekret erließ, sich die Kompetenz zugesprochen, gegebenenfalls auch einen Papst, oder besser: drei Päpste abzusetzen.

Frage: Das Konzil von Konstanz überwindet das Schisma, anstelle der drei amtierenden Päpste wird mit Martin V. ein neuer Papst gewählt. Aber ist der Konziliarismus auf Zukunft angelegt?

Wolf: Die Versammelten wollten eine erneute Kirchenspaltung verhindern, die Macht der Kurie einschränken, die Päpste einer ständigen kollegialen Kontrolle unterwerfen. Das ist die Grundidee des in Konstanz verabschiedeten Dekrets Frequens: Alle fünf bis zehn Jahre sollte ein Konzil stattfinden. Der Papst sollte sich also stets bewusst sein, dass es eine ihm übergeordnete Instanz gibt, die regelmäßig tagt. Aber in den 1430er Jahren war es mit dieser Idee schon wieder vorbei: Die Päpste begannen die Konzilien zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser, sie verhinderten die Einberufung von Konzilien und die Durchführung von Reformen.

Frage: Bleibt dann überhaupt irgendetwas von Konstanz?

Wolf: Diesem Konzil, das die oberste Instanz in der Kirche ist, nicht den Päpsten, ist es gelungen, die Einheit der Kirche wieder herzustellen. Insofern ist die Tradition eines konziliaren Konzils ein wichtiges Gut in der Kirche, über das man immer wieder reflektieren muss, wenn die Kirche sich in Krisen befindet. Papst und Konzil können sich ergänzen, das kann man doch aus der Geschichte der Kirche lernen. In der momentanen Diskussion, in der man über eine Reform der Kurie nachdenkt, ist es gut zu wissen, dass es in der Geschichte der Kirche alternative Möglichkeiten und Traditionen zum römischen Zentralismus gibt.

Das Interview führte Burkhard Schäfers

Zur Person

Professor Hubert Wolf ist Direktor des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster. Dem breiteren Publikum ist er durch seine Sachbücher etwa über die Archive des Vatikan und den Index der verbotenen Bücher bekannt.

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