Eine unverrückt verrückte Leiter

Die Grabeskirche in Jerusalem ist ein Symbol für die Spaltung der Christenheit. Das macht eine einfache Leiter deutlich, die an der Fassade steht. Denn niemand weiß, wie sie dort hin kam oder wem sie überhaupt gehört. Aber niemand darf sie verrücken.

Geschichte | Bonn - 22.03.2016

An wohl keinem anderen Ort der Welt tritt die Spaltung der Christenheit so deutlich zutage wie in der Jerusalemer Grabeskirche. Sechs christliche Konfessionen teilen sich das Gotteshaus am Ort der Auferstehung. Beinahe schon legendär kommt es dabei regelmäßig zu handfesten Streitereien. Doch das vielleicht eindrucksvollste Symbol christlicher Verschiedenheit sind nicht etwa prügelnde Mönche, sondern eine einfache Holzleiter.

"Das ist eine ganz besondere Geschichte", weiß Pater Werner Mertens, Heilig-Land-Kommissar der deutschen Franziskanerprovinz. Seit über 40 Jahren bereist der Ordensmann regelmäßig das Heilige Land und die Hauptstadt Jerusalem. Dabei hat er auch die Grabeskirche gut kennen gelernt. Doch die Geschichte der Leiter über dem Hauptportal ist selbst für Mertens noch sehr rätselhaft: "Keiner weiß so richtig, wie sie dort hingekommen ist."

Das Gotteshaus in seiner heutigen Gestalt geht zurück auf die Zeit der Kreuzfahrer. Im 12. Jahrhundert erweiterten sie den ursprünglich in der Antike von der heiligen Helena errichteten Kirchenbau. Seither ziert ein Doppelportal die Hauptfassade der Grabeskirche, wobei die von außen gesehen rechte Tür schon seit Jahrhunderten zugemauert ist. Auf einem breiten Sims direkt oberhalb eben dieses Torbogens steht die "unbewegliche Leiter" an die Fassade gelehnt.

Linktipp: (Keine) Ruhe im Grab

Jeden Abend lassen sich einige Gläubige in der Jerusalemer Grabeskirche einschließen. Dann beginnt die lange Nacht zwischen Andacht und alltäglichen Rivalitäten.

Zum Artikel

Unklar ist, seit wann sie dort steht, vielleicht jedoch bereits seit über 200 Jahren. Anlass für diese Annahme bietet ein wichtiger Moment in der Geschichte der Grabeskirche. Im Verlauf der Jahrhunderte war diese stets Schauplatz konfessioneller Auseinandersetzungen, besonders zwischen orthodoxen und katholischen Ordensleuten. Meist ging es darum, wer wann und wo in der Kirche seine Gottesdienste feiern durfte. "Dann hat der Sultan in Istanbul gesagt: Schluss, es bleibt jetzt alles so, wie es ist!", erklärt Mertens. Im Jahr 1757 - Jerusalem lag damals im Osmanischen Reich - erließ Sultan Osman III. einen sogenannten Ferman, ein Dekret, das die Streitereien um das Heiligtum endgültig beenden sollte. Demnach bekam jede Konfession eigene Bereiche und Gebetszeiten zugewiesen. Der "Status Quo" der Kirche durfte fortan nur noch im Einvernehmen aller Glaubensgemeinschaften geändert werden.

"Seitdem soll die Leiter dort stehen", erzählt Mertens. Denn auch jedwede Veränderung am Gebäude selbst bedurfte des Einverständnisses aller. Der Überlieferung nach habe die Leiter zum Zeitpunkt des Erlasses an der Fassade gelehnt, später habe man sich aber nie mehr darauf einigen können, ob und von wem sie weg zu räumen sei. Ob die Leiter nicht vielleicht doch erst Jahrzehnte später abgestellt wurde, lässt sich nicht rekonstruieren. Spätestens seit der Erneuerung des Status-Quo-Dekrets im Jahr 1853 gilt sie jedenfalls als unverrückt und unverrückbar. "Das hat mit Theologie nicht viel zu tun", resümiert Mertens.

Händler, Mönche - und eine Leiter

Die ältesten im Internet auffindbaren Fotografien der Grabeskirche datieren etwa auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts; auf allen ist die Leiter zu erkennen. So etwa auf einer Aufnahme des berühmten Fotografen Félix Bonfils. Der Franzose kam in den 1860er Jahren in den Nahen Osten und eröffnete im Libanon das erste professionelle Fotostudio der Region. Wohl im Jahr 1870 lichtete er die Grabeskirche ab. Darauf zu sehen: Händler, orthodoxe Geistliche - und eine Holzleiter. Noch bevor erste Fotos von der Kirche entstanden, tauchte die Leiter bereits auf Zeichnungen und Gemälden auf. Der schottische Kunstmaler David Roberts bereiste Ende der 1830er Jahre den Nahen Osten und hielt seine Eindrücke in zahlreichen detailgetreuen Zeichnungen fest. Die Titelseite des ersten Bandes der gedruckten Werke von 1842 ziert eine Lithographie der Grabeskirche - mitsamt einer Leiter am rechten Fenster der Fassade.

So viele historische Belege es für die Leiter auch geben mag, ein genaues Aufstelldatum dürfte sich kaum ermitteln lassen. Und ebenso schwer lässt sich bestimmen, weshalb sie überhaupt dort steht. Verschiedentlich finden sich Hinweise, sie gehöre den Vertretern der Armenisch-Apostolischen Kirche. Auch hier bildet der "Status Quo" das wichtigste Indiz: Die Fenster, zu welchen die Sprossen hinaufführen, sind laut den Quellen Teil des armenischen Bereichs der Kirche, weshalb auch nur die Armenier sinnvollerweise als Eigentümer in Betracht kommen.

Eine historische Aufnahme der Grabeskirche in Jerusalem, entstanden um das Jahr 1890.
Um das Jahr 1890 dürfte diese Aufnahme der Grabeskirche von Félix Bonfils entstanden sein. Im Detailausschnitt deutlich zu erkennen ist die Leiter an der Fassade. Auf dem Sims über dem Hauptportal stehen außerdem Blumenkübel mit Pflanzen.
 picture-alliance / akg-images

Über die Besitzverhältnisse des balkonartigen Vorsprungs, auf dem sie steht, herrscht in den Quellen jedoch keine Einigkeit. Eine Theorie besagt, dass die Byzantiner Herren des Gesimses sind. Demnach hätten sich die Armenier einst nach einer Beschwerde von griechisch-orthodoxer Seite über die unerlaubte Nutzung des Mauervorsprungs schlicht aus Trotz geweigert, die Leiter wegzuräumen. Eine andere Erzählung besagt, der Vorsprung gehöre den Armeniern, welche ihn in der Vergangenheit sogar teilweise genutzt haben sollen, um in Blumenkübeln Gemüse zu ziehen. Somit hätte die Leiter einen rein praktischen Nutzen erfüllt und war nach der Status-Quo-Regelung einfach stehen geblieben.

Seit wann auch immer und wieso überhaupt die Leiter an der Wand der Grabeskirche stehen mag, ihre Geschichte ist in der Tat eine ganz besondere. Doch für Pater Mertens ist sie nicht bloß eine skurrile Anekdote, sondern letztlich ein absurder Tiefpunkt der an schmerzlichen Momenten reichen Geschichte des heiligsten Ortes der Christenheit: "Die Grabeskirche ist ein Abbild der Geschichte der Christen: Miteinander, oft nebeneinander und manchmal sogar gegeneinander."

Von Kilian Martin

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017