"Es braucht eine gegenseitige Anerkennung der Ämter"

Wie verstehen Katholiken die Kirche? Wie verstehen Protestanten die Kirche? Und wie kommen die beiden zusammen? Katholisch.de hat mit dem Erfurter Dogmatiker Josef Freitag über das Thema gesprochen.

Ökumene | Erfurt - 03.02.2016

"Die Kirche Jesu Christi. Konsultation zwischen der GEKE und der römisch-katholischen Kirche zu Fragen der Ekklesiologie" – hinter diesem schwierigen Titel verbergen sich die seit 2012 stattfindenden Gespräche zwischen Katholiken und Protestanten über das unterschiedliche Kirchenverständnis. Der Erfurter Dogmatiker Josef Freitag nimmt seit 2013 an diesem Austausch teil. Im Interview mit katholisch.de spricht er über das Weiheamt, die Rechterfertigungslehre und darüber, was es bedeutet, Kirche zu sein.

Frage: Herr Freitag, was hat es mit diesen Gesprächen auf sich?

Freitag: Das sind ökumenische Konsultationen zwischen dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen auf der einen und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) auf der anderen Seite. Die GEKE schließt fast alle lutherischen, reformierten, unierten, "vorreformatorischen" und methodistischen Kirchen Europas ein. Inhaltlich geht es um das unterschiedliche Kirchenverständnis. Also einerseits um die Fragen, ob ein Dialog über ekklesiologische Fragen verheißungsvoll und empfehlenswert ist, weil er wirkliche Ergebnisse bringen könnte, und andererseits darum, was eine Glaubensgemeinschaft überhaupt mitbringen muss, um "Kirche" zu sein.

Frage: Und was ist das?

Freitag: Für die katholische Kirche würde ich da gerne mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil antworten: Die Kirche "ist in Jesus Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit untereinander". Im Gründungsdokument der GEKE, der Leuenberger Konkordie, ist Kirche dagegen die Gemeinschaft derer, die durch das gemeinsame Verständnis des Evangeliums im Sinne der Rechtfertigungslehre verbunden werden. Diese Verbundenheit zeigt und vollzieht sich durch die reine Verkündigung des Wortes Gottes und die evangeliumsgemäße Verwaltung der Sakramente Taufe und Abendmahl. Das sind andere Ansatzpunkte als bei der katholischen Kirche.

Frage: Die Reformation fand vor knapp 500 Jahren statt. Darf sich die evangelische Kirche denn überhaupt "Kirche" nennen, wenn Sie sich nicht auf die Einsetzung durch Jesus Christus berufen kann?

Freitag: Wenn man etwas darüber nachdenkt – und das tun die evangelischen Theologen –, dann werden sie nie sagen, dass ihre Kirche erst in der Reformation entstanden ist. Sie muss, als Kirche Jesu Christi, natürlich auch auf ihn zurückgehen. Wenn die Theologen sagen, unsere Kirche ist aus der Reformation hervorgegangen, dann meinen sie deren Gestalt, nicht aber ihr Wesen. Die Kirche kommt nach der Confessio Augustana, dem grundlegenden Bekenntnis der Lutheraner von 1530, dank Wort und Sakrament zustande. Auch die evangelische Kirche hat die Taufe im Namen Jesu und das Abendmahl, dem eine ordinierte Person vorsteht.

Josef Freitag ist Professor für Dogmatik an der Universität Erfurt und Wissenschaftlicher Beirat des Johann-Adam-Möhler-Institutes für Ökumenik in Paderborn.  Uni Erfurt

Frage: Dass es nur die eine Taufe gibt, betont ja auch Papst Franziskus. Aber ist nicht die Ordination und damit das grundlegend verschiedene Amtsverständnis das Hauptproblem der Ökumene?

Freitag: Da würde ich Ihnen Recht geben. Die katholische Kirche sagt, dass das Weiheamt, zu dem die Diakonen-, die Priester und die Bischofsweihe gehören, auf die Apostel zurückgeht, die wiederum von Jesus persönlich berufen und eingesetzt sind. Sie sind die Zeugen seines Lebens, seines Sterbens und seiner Auferstehung. Aus der Grundgruppe der Apostel inmitten der 120, die an Pfingsten versammelt sind, und aus all denen, die sich auf den Geist Jesu Christi einlassen, entsteht dann Zug um Zug die Kirche. Alle empfangen den Heiligen Geist, aber die Apostel haben innerhalb der Gruppe eine spezifische Rolle. Das apostolische Amt entsteht zusammen mit der Kirche, sozusagen in Gegenseitigkeit. Von daher braucht es für das Sein der Kirche und ihr Fortdauern das Amt der Apostel, das in der Nachfolge im Bischofskollegium personal tradiert wird. Wir sprechen dann von Apostolischer Sukzession, einer kontinuierlichen Weitergabe der Sendung.

Frage: Kann die Kirche dann einfach Pfarrer und Bischöfe der evangelischen Kirche anerkennen?

Freitag: Wenn wir die Ökumene vorantreiben wollen, braucht es in jedem Fall eine gegenseitige Anerkennung der Ämter. Bisher ist das aufgrund der fehlenden oder zumindest mangelhaften Apostolischen Sukzession auf Seiten der evangelischen Kirche schwierig. Doch man nähert sich an. Die evangelische Kirche argumentiert so, dass sie mit dem Evangelium die Botschaft der Apostel verkündet und somit apostolisch ist. Für die katholische Kirche ist das eine grundlegende Voraussetzung, reicht jedoch nicht aus. Denn zu einer Kontinuität im Inhalt braucht es auch eine in der Form. Heißt: eine kontinuierliche Weitergabe der Sendung und der Gemeinschaft selbst. Es geht dabei nicht um den einzelnen Apostel, seinen Nachfolger und dessen Nachfolger, sondern um die Einheit aller Apostel, die von Beginn an als Gemeinschaft die eine Kirche auf Christus selbst als dem einen Grund gegründet haben. Im Laufe der Kirchengeschichte hat es schon vor der Reformation  Brüche in der Einheit der Kirche gegeben. Die Aufgabe unserer Konsultationen ist es, herauszufinden, wie tief die kirchlichen Brüche der Reformation sind und ob man sie überbrücken oder wieder in Gemeinschaft überführen kann.

Frage: Das Amtsverständnis ist natürlich nicht das einzige Hindernis. Wie sieht es zum Beispiel mit der Autorität des Papstes aus?

Freitag: Auch da haben sich die Diskussionen verlagert. Auf katholischer Seite ist deutlich geworden, dass der Papst nicht einfach Stellvertreter Christi auf Erden ist, sondern als  Bischof von Rom Nachfolger Petri und damit Teil des Bischofskollegiums. Die evangelischen Kirchen stellen dagegen fest, dass es immer schwerer wird, überhaupt irgendeine Form von Einheit zu wahren, je weiter sie sich auf dem Globus verbreiten. Wenn man also die Einheit der Kirche anstrebt, weil sie zum Wesen der Kirche gehört, bleibt die Frage, wie man sie bewahrt und ob es dazu ein Amt braucht. Die orthodoxen Kirchen erkennen zum Beispiel eine gesamtkirchliche, kanonisch verbindliche Autorität des Papstes nicht an, sondern bevorzugen für universale Fragen ökumenische Konzile, auf denen gemeinsam Entscheidungen getroffen werden. Das Problem dabei ist jedoch, dass das letzte von diesen allgemein anerkannten Konzilen vor etwa 1.200 Jahren stattfand. Auf evangelischer Seite wächst das Nachdenken und die Einsicht in den Sinn eines Amtes im Dienste der Einheit. Ob es am Ende das katholische Papsttum sein muss, ist eine andere Frage. Es hat aber die besten Voraussetzungen, da es eben diesen Dienst der Einheit nach eigenem Verständnis aufgetragen bekommen und schon begonnen hat.

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Frage: Jahrhunderte haben evangelische und katholische Kirche auch über ein anderes Thema gestritten: die Rechtfertigungslehre. Was hat es damit auf sich?

Freitag: Gott sei Dank und für viele überraschend hat sich in dieser für die Reformation zentralen Frage 1999 eine Übereinstimmung in Grundwahrheiten erreichen lassen, formuliert und akzeptiert zwischen Lutherischem Weltbund und dem Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen. Die Methodisten haben sich dieser Erklärung angeschlossen. Es besteht Hoffnung, dass es auch die Reformierten tun werden und auf ihre Weise die Anglikaner. Die Gemeinsame Erklärung ist ein Meilenstein, ein Fundament, mit dem man weiter kommen kann und muss.

Vereinfacht gesagt bedeutet Rechtfertigung, dass jemand durch den Glauben an Jesus Christus Gottes Gnade empfängt  und mit Jesus Christus gemeinsam wie dieser vor Gott steht. Man spricht dann von einem "rechten" Gottesverhältnis oder eben von Rechtfertigung. Die Rechtfertigungslehre ist vor allem nachreformatorisch spitz auf den Einzelnen verstanden und ausgelegt worden, der sich auf Gottes Handeln eingelassen hat. Die katholische Kirche hat dagegen festgehalten, dass Gott nicht einfach einzelne Individuen, sondern durch die Hingabe seines Sohnes grundsätzlich alle Menschen erlöst hat. Jesus ist also nicht nur für diesen oder jenen gestorben und auferstanden, sondern für alle zusammen und darin durchaus für jeden einzelnen. Um hier zu einer vollständigen Übereinkunft zu kommen, muss der Gedanke der Rechtfertigung des Einzelnen immer an den Gedanken der Gemeinschaft der Gerechtfertigten untereinander, und damit an die Kirche, die Gemeinschaft der Geheiligten geknüpft werden wie umgekehrt die Kirche an das Rechtfertigungsgeschehen.

Frage: Die katholische Kirche hat den Anspruch auf Universalität. Will ich mich als Anhänger einer anderen Konfession überhaupt auf einen Dialog mit einem solchen Gesprächspartner einlassen?

Freitag: Das ist ja das Schöne an der Sache. Nicht nur die katholische Kirche hat einen universalen Anspruch, sondern die anderen auch. Wer diesen Anspruch nicht hat und sagt, es reicht wenn ich in Frankreich oder meinetwegen Thüringen als Kirche existiere, der ist keine Kirche. Denn das Evangelium ist durch die von Jesus gesandte Kirche per Definition an alle Völker gerichtet. Darüber hinaus sagt die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr, dass die kirchlichen Gemeinschaften, die nicht zur verfassten katholischen Kirche gehören, per se keine Kirchen sind. Da sind die Orthodoxen, die Kopten und Syrer oder die Armenier, bei denen das Bischofsamt und die Eucharistie im vollen Sinne gewahrt sind und die als Kirchen anerkannt werden, ohne volle Gemeinschaft mit dem Papst zu haben.

Von Björn Odendahl

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