Feuer - Weckmann - Heischebräuche

Rund um den Gedenktag des heiligen Martin von Tours am 11. November hat sich über Jahrhunderte ein vielfältiges Brauchtum entwickelt. Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti stellt die bekanntesten Martinsbräuche und ihre Herkunft vor.

Brauchtum | Köln - 09.11.2015

Vor allem in Gegenden Deutschlands, die einmal von den Franken besiedelt waren - und wo es zahllose Martinskirchen gibt -, hat sich das Martinsbrauchtum bis heute erhalten. Es wird am Vorabend des Festtages begangen, also bei Martin am 10. November. Ausgelöst wurde es durch das dann in der Kirche stattfindende Lucernarium, das feierliche Entzünden der Kerzen.

So wie die Kerzen das Kirchengebäude erhellten, so sollten, hieß es in den Predigten, die Menschen die Dunkelheit draußen erhellen. Symbolisiert wurde diese Absicht, durch die christliche Liebe das Dunkel zu vertreiben, durch das Entzünden von Martinsfeuern.

Das Holz für diese Feuer sammelten die Kinder, die dabei Obst, Nüsse und Süßigkeiten zugesteckt bekamen. Aus einzelnen Regionen wissen wir, das die Schar der sammelnden Kinder von einem "Martin" angeführt wurde: Ein kleinerer Junge saß auf den Schultern eines größeren und die beiden wurden von Fackelträgern begleitet, die restlichen Kinder folgten. Später um das Feuer herum versammelt, verspeiste man mit Genuss das Geschenkte und sang Lieder.

Rückkehr des Brauchtums im 19. Jahrhundert

Wo das Martinsfeuer im Laufe der Jahrhunderte wegen Brandgefahr nicht verboten worden war, wurde es im 18./19. Jahrhundert von der Obrigkeit unterdrückt. Erst im späteren 19. Jahrhundert entstand das Martinsbrauchtum neu. So wie das Chaos mit dem Namen Fastnacht durch einen Fastnachtszug in eine Ordnung gebracht wurde, geschah es auch zu Martini.

Unsere Vorbilder: Sankt Martin

Nach der Legende waren es die Gänse, die den heiligen Martin verrieten: Er war dazu ausersehen worden, Bischof von Tours zu werden. Allerdings wäre die Sache um ein Haar ganz anders gekommen - entscheidend war im Leben dieses Heiligen ein Mantel.

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Es zieht ein Martinszug, dazu ein Sankt Martin als Soldat zu Pferd. Eine Musikkapelle spielt Martinslieder, die die Kinder und ihre Begleiter mitsingen. Statt Fackeln mit offenem Feuer führen die Kinder seitdem - meist selbst gebastelte - Lampions mit, ursprünglich einmal zu Gesichtern "umgebaute" Futterrüben, dann aus Karton und Buntpapier oft kunstvoll gestaltete Leuchten, die vielfach Motive von Martin aufnehmen. In vielen Orten gibt es jedes Jahr eine Ausstellung der Martinslampen, wobei die schönsten prämiert werden.

Im Rahmen des Martinszuges erfolgt die Mantelteilung, wenn der Heilige auf den frierenden Bettler trifft. Der Martinszug endet an einer Stelle, wo ein Schulleiter oder ein Geistlicher in einer kurzen Ansprache den Sinn des Brauchs erläutert. Dann erhalten die Kinder eine "Martinstüte", gefüllt mit Plätzchen, Obst, Nüssen und Süßigkeiten und natürlich einem Weckmann. Das ist das zum Festtag gehörende "Gebildebrot", ein nur an diesem Tag zu erhaltenes Geschenk, eben besonders gebildet oder geformt. Ein "Weck" ist Weißbrot und damit Festtagsgebäck und der "Mann" im Wort "Weckmann" ist der heilige Mann, der gefeiert wird.

Die Martinstüte sollte einmal das Heischerecht der Kinder an diesem Tag ablösen. Aber die Kinder haben sich dieses Recht nie abluchsen lassen, sondern bestehen bis heute darauf, an den Türen zu klingeln und zu singen: "Hier wohnt ein reicher Mann, der uns vieles geben kann ..." Und wenn sich jemand verweigert, dann folgen Rügesprüche und Rügelieder wie "Geizhals" und "Das Haus, das steht auf einem Bein, der Geizhals, der sitzt mittendrein".

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Dieses Martinsbrauchtum bezieht vor allem Kindergarten- und Grundschulkinder ein. In der oberen Hälfte des westlichen Deutschlands zeigt sich zurzeit ein Trend, dass kommunale Kindergärten und Schulen sich dem Martinsbrauchtum verweigern, weil sie nichtkatholische Kinder nicht in ein katholisches Brauchtum zwingen wollen. Die Mehrheit muslimischer Eltern hat aber nichts gegen das Martinsbrauchtum, weil auch für sie das Beispiel Martins vorbildlich ist. An einigen kommunalen Kindergärten oder Schulen feiert man ein Lichterfest, bei dem auch Licht in die Dunkelheit gebracht wird, dieses Licht aber nicht die christliche Nächstenliebe symbolisiert.

"Ne jut jebratene Jans is ne jute Jabe Jottes!"

In den Familien wird häufig auch noch Martin gefeiert. Dazu gehört die gebratene Gans - Konrad Adenauer hat den Ausspruch geprägt: "Ne jut jebratene Jans is ne jute Jabe Jottes!" - und der neue Wein, früher "Martinsminne" genannt. Daraus wurde der bekannte "Beaujolais primeur", der jedes Jahr auf den Markt kommt. Die Martinsgans ist aus der früheren Pachtgans hervorgegangen, die es gab, als man seine Pacht an Martini nicht mit Geld, sondern mit Naturalien bezahlte.

Zu einem echten Schmaustag wurde Martini, als dieser Tag der letzte "normale" Tag vor dem Adventfasten war, das dann am Martinstag begann und einmal 40 Tage dauerte. Aus den 40 Tagen sind im 17. Jahrhundert allmählich vier Adventwochen geworden, in denen nichts mehr an Fasten erinnert. Wie zu Fastnacht vor dem österlichen Fasten mussten einmal auch vor dem Adventfasten alle ess- und trinkbaren Vorräte, die in der Fastenzeit nicht genossen werden durften, verbraucht werden. Und das geht, das wussten die Menschen schon immer, am besten in Gemeinschaft, mit Erzählen, Singen und Tanzen. Das moderne Martinsfest bietet eine Erinnerung an alte Zeiten.

Der Autor

Manfred Becker-Huberti (*1945) ist Theologe und Kunsthistoriker. Er hat zahlreiche volkskundliche Beiträge zu christlichem Brauchtum veröffentlicht.

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Von Manfred Becker-Huberti

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