Generalvikar: Ruhrbistum entmythologisieren

Vor 60 Jahren wurde das Bistum Essen als "Arbeiterdiözese" gegründet. Diese Vorstellung müsse entmythologisiert werden, findet der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer – ebenso wie der Gründerbischof.

Bistum Essen | Essen - 11.12.2017

Für eine "Entmythologisierung der Geschichte des Ruhrbistums" hat sich der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer ausgesprochen. Die vor 60 Jahren für die Bergleute und Industriearbeiter gegründete Diözese könne zwar stolz sein auf ihre besondere Identität und ihr "Wir-Gefühl", sagte er am Montag vor Journalisten in Essen. Aber aus dem Ruhrbistum sei nicht das ursprünglich geplante Arbeiterbistum geworden.

Hengsbach verbreitete "Atmosphäre der Angst"

"Natürlich hat es was davon gehabt, aber nicht nur", sagte Pfeffer und plädierte für eine differenzierte Bewertung. Die Diözese sei durch die sehr bodenständigen Menschen im überwiegend städtischen Milieu des Ruhrgebiets geprägt worden. Dennoch sei es eine Illusion zu glauben, dass die Arbeiterschaft in die Kirchen gelaufen sei. Als ein Mythos habe sich auch die Auffassung von Gründerbischof Franz Hengsbach erwiesen, die Leute kämen schon zur Kirche, wenn man in ihrem Wohnviertel nur eine Kirche baue.

Pfeffer rief auch zu einer "Entmythologisierung" Hengsbachs auf. Er habe dem Ruhrbistum ein Gesicht gegeben. Aber als junger Theologiestudent habe er selbst die "Atmosphäre der Angst" verspürt, die vom älter werdenden Bischof ausgegangen sei. Sie seien damals angehalten worden, gegenüber dem Bischof nicht den Eindruck eines zu modernen Menschen zu vermitteln. Solch großen Persönlichkeiten wie Hengsbach könne man historisch nur gerecht werden, wenn man auch über ihre Ambivalenzen rede.

Linktipp: Generalvikar Pfeffer: Kirche überlebt nur ökumenisch

"Christsein ist keine einfache Angelegenheit", heißt das neue Buch von Klaus Pfeffer, dem Generalvikar des Bistums Essen. Der, um den es im Buch geht, bezeugte das sogar mit seinem Leben. (Artikel vom Mai 2017)

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Der Generalvikar äußerte sich bei der Vorstellung des Buches "Mythos Ruhrgebiet - Identitätsfindung, Innovation und Erstarrung im Bistum Essen 1958-1970". In der Dissertation nimmt der Kirchengeschichtler Franziskus Siepmann die ersten Jahrzehnte der seit 1. Januar 1958 existierenden Diözese in den Blick.

Laut Siepmann wurde Hengsbach als "großer visionärer Bischof" wahrgenommen. Er habe etwa mit Grubenfahrten das Bild der Diözese geprägt sowie Arbeitgeber- und -nehmer an einen Tisch gebracht. Mit seinem Nein zur künstlichen Empfängnisverhütung habe er dann aber an Autorität verloren. So habe sich die Reformgruppe "Essener Kreis" gegründet.

Bistum Essen steht vor finanziellen Herausforderungen

Der Bochumer Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg dankte dem Bistum Essen für die Öffnung seines Archivs. Es gebe für keine andere deutsche Diözese eine vergleichbare Arbeit, die "so direkt und reflektiert" ihre Nachkriegsgeschichte darstelle.

Das Bistum Essen steht im Jubiläumsjahr vor großen Sparanstrengungen. Die inzwischen 42 Großpfarreien sollen bis 2030 rund die Hälfte ihrer Ausgaben einsparen. Damit verbunden ist die Frage, welche Kirchen und Gemeindegebäude erhalten oder aufgegeben werden. Ebenso gab es in jüngster Zeit Vorschläge, das Bistum aufzulösen und das Territorium an die finanziell bessergestellten Mutterbistümer Köln, Münster und Paderborn zurückzugeben. Pfeffer hatte sich vehement gegen einen solchen Schritt ausgesprochen. (rom/KNA)

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"Erinnerungen an Kardinal Hengsbach": Ein Gespräch über den ersten Bischof des Bistums Essen.
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