Gibt es die Lügenpresse, Herr Bischof?

AfD, Pegida und Co. erhalten gerade in Ostdeutschland einen relativ großen Zuspruch. Katholisch.de hat mit dem Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr über "Fake News" und die Wählbarkeit der AfD gesprochen.

Bistum Erfurt | Erfurt - 09.06.2017

Frage: Bischof Neymeyr, sie haben in ihrer Ansprache an die Journalisten beim Medienempfang ihrer Diözese Erfurt drastische Worte gewählt. "Fake News" nennen sie "die große Krise unserer Zeit".

Neymeyr: Ja, ich war schon erschüttert. Ich hatte meinen Fastenhirtenbrief zu diesem Thema geschrieben, nachdem das Wort "postfaktisch" zum Unwort des Jahres gewählt worden war. Das war für mich eine gute Gelegenheit, etwas dazu zu sagen, wie wir mit Wahrheit und Wahrhaftigkeit umgehen. Was aber seither passiert ist, ist ja tatsächlich unfassbar. Dass ein amerikanischer Präsident die Medien generell beschimpft und Tweets raushaut, die unwahr sind, das ist unglaublich. Auf der anderen Seite ist es unglaublich, dass ein Bundeswehroffizier eine falsche Nachricht produzieren will in einem Ausmaß, wie man es sich gar nicht vorstellen will. Dass er die Identität eines  imaginären Flüchtlings annimmt, um diesem Flüchtling, den es gar nicht gibt, dann Straftaten anzuhängen, das hat mich wirklich erschüttert.

Frage: Medien haben in dieser Situation eine gewachsene Verantwortung.

Neymeyr: Medien haben eine sehr große Verantwortung. Ich weiß, dass Journalisten auch unter Zeit- und Kostendruck arbeiten müssen. Und wo schnell gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Ich halte es dann aber für wichtig, dass Korrekturen, Richtigstellungen veröffentlicht werden. Das ist für mich sogar ein Indiz für die Qualität eines Mediums, dass ein Medium – möglichst immer an der gleichen Stelle – einen Fehler korrigiert und sagt: "Hier haben wir etwas Falsches gemeldet".

Frage: Können Sie den Vorwurf der "Lügenpresse" gegenüber den sogenannten "etablierten Medien" nachvollziehen?

Neymeyr: Nein, das kann ich nicht. Natürlich gab es Fälle, in denen Medien bewusst manipuliert oder falsche Nachrichten gebracht haben. Aber diese Fälle wurden ja wiederum von anderen Medien aufgedeckt. Darum ist die Medienvielfalt auch eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Presselandschaft. Ich zweifle trotzdem nicht an der Qualität des Journalismus in Deutschland.

AfD-Politiker Björn Höcke (Bild) hatte eine "180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur" gefordert. Der Erfurter Bischof sieht das allerdings ganz anders.
 picture alliance / dpa

Frage: Manche Leser und Zuschauer zweifeln aber offensichtlich an der Themenauswahl der Redaktionen.

Neymeyr: Journalisten überlegen natürlich auch, welche Themen veröffentlicht werden und was nicht gebracht wird. Das sind grundsätzliche Entscheidungen, die in einer Redaktion getroffen werden müssen. Ich stehe in Kontakt zu Journalisten, und weiß auch, welche ethischen Fragen im Hintergrund solcher Entscheidungen stehen. Ich würde mir wünschen, dass die Leser, Hörer und Zuschauer über solche Entscheidungen informiert werden. Gerade die Mediennutzer, die einem Medium mitunter schon lange treu sind, könnten so besser nachvollziehen, warum welche Nachrichten ausgewählt werden.

Frage: Die Kritik an den Medien kommt häufig auch von AfD-Vertretern. Bis zur Bundestagswahl sind es nur noch drei Monate. Ist die AfD für Katholiken wählbar?

Neymeyr: Man kann die Frage, ob die AfD für Katholiken wählbar ist, nicht grundsätzlich beantworten. Ich bin froh, dass die katholischen Büros in Ostdeutschland Expertise erbeten haben. Das Institut für Christliche Sozialwissenschaften (ICS) an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster sowie das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft in München haben diese Vergleichsstudie jetzt gerade veröffentlicht. Damit können wir uns jetzt auch wirklich mit Positionen auseinandersetzen. Es ist aber auch so, dass die AfD kein monolithischer Block ist. Hier in Thüringen haben wir es mit einer besonderen Prägung der AfD zu tun, die mit der in Baden-Württemberg vergleichbar ist. Gerade die Ablehnung der Kultur der Erinnerung an den Holocaust ist für mich nicht zu akzeptieren.

Frage: Sie beziehen sich damit auf Björn Höckes Dresdener Rede, in der er vom Berliner Holocaust-Mahnmal als einem Mahnmal der Schande sprach.

Neymeyr: Mir geht es eher darum, dass Höcke gefordert hat, wir bräuchten eine "180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur". Heißt das, dass wir uns nicht mehr an die Schande erinnern sollen? Warum? Um das Deutschtum irgendwie zu glorifizieren? Diese Schande gehört zur Geschichte von uns Deutschen.

Von Markus Kremser

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