Gottes Werk und Teufels Beitrag

Das Lehrschreiben "Amoris laetitia" entfachte eine Debatte über die Kommunionzulassung von wiederverheirateten Geschiedenen. Eine Artikelserie im "Osservatore Romano" soll die Diskussion offenbar wieder einfangen.

Papstschreiben | Vatikanstadt - 13.09.2016

Ein Streich des Teufels: Es sind die Ränke des alten Zwietrachtstifters, die aus Sicht des Papstes für "ideologische und theologische Spaltungen" in der Kirche verantwortlich sind. So sagte es Franziskus am Montag bei seiner Morgenmesse. Und am Dienstag brachte die Vatikanzeitung "Osservatore Romano" einen Beitrag, der den energisch geführten Deutungskampf um das Lehrschreiben "Amoris laetitia" zu Ehe- und Familienfragen beenden soll. Auch da steckt der Teufel im Detail.

Streit um Fußnote 351

Seit dem Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung durch die Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 löste kaum ein Papstdokument eine solche innerkirchliche Kontroverse aus wie das im April veröffentlichte Schreiben im Nachgang zu den Familiensynoden. Anlass ist Fußnote 351: Wiederverheiratete Geschiedene könnten unter Umständen auch die "Hilfe der Sakramente" erhalten, heißt es dort. Das, so meinen manche, beißt sich mit der Lehre, nach der die Betreffenden in einem fortgesetzten Stand der schweren Sünde leben, also weder die Vergebung im Bußsakrament noch die Eucharistie empfangen können.

Das nachsynodale Schreiben "Amoris laetitia" von Papst Franziskus. Seit dem Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung durch die Enzyklika "Humanae vitae" von 1968 löste kaum ein Papstdokument eine solche innerkirchliche Kontroverse aus wie im Nachgang zu den Familiensynoden veröffentlichte Schreiben.
 KNA

Kardinal Carlo Caffarra meinte beispielsweise, die kirchliche Lehre von Jahrhunderten lasse sich nicht im Handstreich mit einer einzigen Fußnote über Bord werfen. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hingegen krempelte die Sichtweise um und erklärte, die Tradition müsse auch im Lichte von "Amoris laetitia" gelesen werden. Franziskus selbst blieb jesuitisch-sibyllinisch: Auf die Frage, ob "Amoris laetitia" konkrete Neuerungen für die Kommunionzulassung wiederverheirateter Geschiedener bringe, sagte er: "Ich könnte sagen 'Ja' und Punkt. Aber das wäre eine zu kleine Antwort." Immerhin empfahl er die Lektüre der Schönborn-Auslegung.

Im halbamtlichen "Osservatore Romano" erschienen nun einige Artikel, die offenbar die Diskussion in die gewünschte Richtung lenken sollen: In einem Gastbeitrag am 19. Juli warf der Christdemokrat und frühere Europaminister Rocco Buttiglione Papstkritikern vor, sie wollten nur ihre eigenen Denkmuster bestätigt sehen, statt für das Neue des Evangeliums offen zu sein. Drei Tage später äußerte sich der mexikanische Theologe Rodrigo Guerra Lopez unter dem Titel "Kreative Treue" in ähnlichem Sinne.

Kein eigenmächtiges Produkt von Franziskus

Vier Wochen später nahm sich der spanische Fundamentaltheologe Salvador Pie-Ninot die Frage der Verbindlichkeit von "Amoris laetitia" vor. Im Beitrag "Eine anzunehmende und umzusetzende Lehre" vom 23. August bemühte er sich um den Nachweis, dass die fraglichen Aussagen zum "ordentlichen Lehramt der Kirche" gehören. Den vorerst letzten Nagel schlug der "Osservatore" nun mit dem namentlich nicht gekennzeichneten Text unter dem Titel "Unterscheidung und pastorale Zuwendung" ein. Er gibt im Wesentlichen den Inhalt einer Orientierungshilfe wieder, die argentinische Bischöfe aus der Seelsorgeregion Buenos Aires am 5. September für ihre Kleriker publizierten. Im ersten Drittel allerdings zitiert das Blatt aus einem Antwortbrief des Papstes an seine Landsleute.

Themenseite: Familiensynode

Im Herbst 2014 und 2015 haben sich zwei Bischofssynoden im Vatikan mit Ehe und Familie beschäftigt. Im April 2016 erschien dazu das päpstliche Dokument "Amoris laetitia". Die Themenseite bündelt die Berichterstattung zu den Synoden.

Zur Themenseite

Franziskus, schreibt der "Osservatore", finde in der Handreichung den Sinn seines umstrittenen Kapitels von "Amoris laetitia" vollauf erfasst, wo es um das "Begleiten, Unterscheiden und Integrieren" in schwierigen Lebenssituationen gehe. "Es gibt keine anderen Interpretationen", heißt es kurz und bündig, O-Ton Franziskus. Damit verbunden ein geschicktes Argument: "Amoris laetitia", so das Kirchenoberhaupt, sei die "Frucht der Arbeit und des Gebets der ganzen Kirche, mit der Vermittlung zweier Synoden und des Papstes". Will sagen: kein eigenmächtiges Produkt von Franziskus.

Inhaltlich sucht der Beitrag den Mittelweg zwischen Rigorismus und Laissez-faire: kein "unbeschränkter Zugang zu den Sakramenten" für Katholiken in jedweden Lebensumständen; Rücksicht auf Empfindlichkeiten in Pfarrgemeinden; Festhalten an der Lehre der Unauflöslichkeit der Ehe; Ermutigung von wiederverheirateten Geschiedenen zu sexueller Enthaltsamkeit oder einer Teilnahme am kirchlichen Leben ohne Sakramente - und, in Einzelfällen, nach einem "Weg der Unterscheidung" mit einem Geistlichen, die Möglichkeit, die Hilfe der Sakramente der Versöhnung und der Eucharistie zu suchen.

Von Burkhard Jürgens (KNA)

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