Bibel

"Hebräische Poesie"

Theologe und Buchautor Johannes Schnocks über die Psalmen der Bibel

Münster - 07.09.2014

Anklagen und Lob, Bitte und Dank, das Vertrauen auf Gott - in keinem anderen biblischen Buch bringen die Menschen ihre Gefühle und Gedanken so authentisch vor Gott wie in den 150 alttestamentlichen Psalmen. Im Interview erläutert der Münsteraner Alttestamentler Johannes Schnocks , der gerade ein Buch über die Psalmen veröffentlicht hat, warum diese Verse Menschen auch heute noch berühren.

Frage: Herr Professor Schnocks, warum scheinen gerade die Psalmen Menschen in unserer Zeit anzusprechen?

Schnocks: In den Psalmen werden viele menschliche Themen aufgegriffen. Existenzielle Grunderfahrungen - Sorgen, Probleme, Zweifel, Krankheit, Leid, Tod, aber auch Begeisterung, Dankbarkeit und Vertrauen - werden betend zur Sprache gebracht. Menschen wenden sich mit ihren Anliegen direkt an ihren Schöpfer und fragen: Warum passiert mir das? Warum ist die Welt so, wie sie ist? Diese Fragen sind bleibend aktuell; es gibt nichts, was daran veralten kann. Über diese Grunderfahrungen haben die Menschen vor über 2.000 Jahren in ihrer damaligen Kultur nachgedacht. Das macht uns die Psalmen oft ein wenig fremd, schafft aber auch die Möglichkeit, mit verändertem Blick auf unsere eigenen Probleme zu schauen. Insofern werden die Psalmen wirklich auch als Lebenshilfe empfunden.

Frage: Liegt es auch daran, dass heutige Psalmen-Beter sich verbunden wissen mit den Menschen vor rund 3.000 Jahren, die ähnliche Sorgen, Nöte und Zweifel hatten?

Schnocks: Das kommt sicher hinzu. Ich kann mich ganz bewusst einklinken in eine jahrtausendealte Gemeinschaft im Psalmengebet. Es wird aber sicher auch immer Menschen geben, die sagen: Dieser Psalm ist so aktuell und spricht mich so an, als wenn er gestern geschrieben worden wäre. Da gibt es ganz unterschiedliche Herangehensweisen.

Johannes Schnocks ist Alttestamentler an der Universität Münster.
Johannes Schnocks ist Alttestamentler an der Universität Münster.  Universität Münster/Julia Holtkötter

Frage: Sie schreiben, dass die Psalmen in den vergangenen Jahren eher ein "Schattendasein" geführt hätten - wie kam es zu dem neuen Interesse?

Schnocks: In den letzten Jahren beobachte ich, dass es immer stärkere Initiativen gibt, Formen des Stundengebets wiederzubeleben. Gerade bei den Psalmen höre ich oft Rückmeldungen, dass es sich lohnt, mit ihnen in den Gemeinden etwas zu gestalten, weil sie die Menschen einfach ansprechen. Man kann trefflich spekulieren, warum das vorher nicht so war. Ein Grund könnte sein, dass die Psalmen in der nachkonziliaren Liturgie in vielen Gemeinden vernachlässigt worden sind - nicht aufgrund liturgischer Vorgaben, sondern aus pastoraler Rücksichtnahme. Man hatte den Eindruck, dass die Liturgie zu textlastig war und hat lieber ein Lied mehr gesungen. Das führte mancherorts dazu, dass die Psalmen in der Sonntagsmesse völlig verschwanden.

Frage: Sie beobachten in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen "erheblichen Innovationsschub" in punkto Psalmenexegese - was hat sich da getan?

Schnocks: Früher galt die Formen- und Gattungskritik als der Königsweg der Psalmenexegese. Dabei versuchte man, einen Zugang zu einem Psalm nach seiner Verwendung und seinem Sitz im Leben der Menschen zu bekommen - also danach, in welcher gottesdienstlichen Situation er ursprünglich einmal gebetet worden sein könnte. Um das herauszufinden, hat man die Psalmen in verschiedene Gattungen gruppiert. Dieser Ansatz ist an sich auch nicht falsch. Es hat sich aber gezeigt, dass sich viele Psalmen nicht eindeutig auf diese Weise einordnen lassen. Die neuen Ansätze sehen die Psalmen in einem freieren Sinn als hebräische Poesie. Sie werden als Texte gesehen, die bewusst darauf angelegt sind, dass sie immer wieder gesprochen, gebetet und meditiert werden können. Deshalb müssen sie auch bestimmte Offenheiten haben, die ich als Exeget beschreiben kann, aber nicht auflösen oder vereindeutigen muss. So kann ein Psalm für jeden, der ihn betet, eine etwas andere Bedeutung entfalten. Außerdem hat man festgestellt, dass das Psalmenbuch offensichtlich nicht als ungeordnete Sammlung zu verstehen ist. Vielmehr sind die Psalmen ein durchkomponiertes Meditationsbuch; dabei rückt vielleicht ein Psalm den vorausgegangenen Psalm noch einmal in ein anderes Licht, so dass die Psalmen regelrecht in ein Gespräch miteinander treten können. Die neuere Exegese versucht, diese Gespräche nachzuzeichnen und zu entdecken, wo das Miteinander der Texte im Psalmenbuch uns - über die einzelnen Psalmen hinaus - neue Sinnebenen erschließt.

Frage: Nach aller intensiven Beschäftigung mit den Psalmen - was ist Ihr persönlicher Lieblingspsalm?

Schnocks: Das wechselt. Das hat auch damit zu tun, mit welchem Psalm ich mich gerade intensiv auseinandersetze. Eigentlich ist in dem Moment jeder Psalm, der sich mir nach und nach erschließt, mein Lieblingspsalm. In meiner Doktorarbeit habe ich mich vor allem mit Psalm 90 beschäftigt - ein Text, der die Vergänglichkeit des Lebens auf einem sehr hohen philosophischen Niveau reflektiert. Das ist sicherlich ein Lieblingspsalm geblieben. Ich mag auch den berühmten Psalm 8, der auf die Schöpfung und den Menschen blickt und über sie staunt. Auch Psalm 1 ist ein unglaublich faszinierend komponierter Text und wichtig, weil er in das ganze Psalmenbuch hineinführt. Lange habe ich mich auch mit Psalm 88 beschäftigt; er ist als dunkelster und abgründigster Text des Psalmenbuches vielleicht nicht der klassische Lieblingspsalm, aber theologisch und menschlich sehr authentisch.

Das Interview führte Angelika Prauß (KNA)

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