Fastenzeit

Herrgotts B'scheißerle

Was in der Fastenzeit traditionell auf den Tisch kommt

Bonn - 14.03.2014

Alle Jahre kommen sie zur Fastenzeit wieder - die guten Vorsätze. Viele machen sich Gedanken darüber, worauf sie sieben Wochen lang verzichten könnten. Der Unterschied zu früheren Zeiten: Heute lässt sich kaum jemand mehr vorschreiben, ob er fastet oder in welcher Form er Verzicht übt. Dies war nicht immer so.

Die Fastenzeit des Mittelalters war von Askese bestimmt. Auf der Verbotsliste standen tierische Nahrungsmittel wie Fleisch, Eier, Milch und Käse. Gelockert wurden die Verbote erst Ende des 15. Jahrhunderts. Papst Julius III. hob die strengen Regeln Mitte des 16. Jahrhunderts auf. Verboten war nur noch das Fleisch. Eier und Milchprodukte hingegen waren fortan erlaubt.

Die Menschen damals zeichneten sich durch besondere Spitzfindigkeit aus - frei nach dem Motto: Verbote sind dazu da, sie zu umgehen. So wird von mittelalterlichen Klöstern in Bayern erzählt, dass die Mönche und Nonnen Gänse kurzerhand als Wassertiere bezeichneten. Der Hintergedanke: Als Wassertiere waren sie dem Fisch gleich und konnten daher auch in der Fastenzeit verspeist werden.

Das Fleisch im Teig versteckt

Auch Mönche im schwäbischen Kloster Maulbronn erwiesen sich als einfallsreich. Sie erfanden während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) die Maultasche - bis heute eines der beliebtesten regionalen Gerichte. Ausgerechnet in der Fastenzeit erhielten die Mönche - woher auch immer - ein großes Stück Fleisch.

Fasten hin, fasten her: Der Hunger war zu Kriegszeiten groß, und Not macht bekanntlich erfinderisch. Also schnitten die gewitzten Klosterleute das Fleisch in kleine Stücke und versteckten es mit Spinat und anderen Zutaten in Teigtaschen – in der Hoffnung, der Herrgott würde es nicht entdecken. Seitdem heißen die Maultaschen in Schwaben "Herrgotts B'scheißerle".

Der Papst erlaubte Starkbier

In besonders geschickter Art und Weise wurde das Alkoholverbot umgangen. Auch hier hatten wieder mal Mönche ihre Hand im Spiel. Einige kamen nämlich auf die Idee, Starkbier zu brauen. Sie nannten es Fastenbier und ließen es nach Rom zum Papst bringen. Dieser sollte es verkosten.

Die Mönche hatten dabei einen genialen Hintergedanken. Denn sie wussten, dass das Starkbier den langen Weg nicht heil überstehen und verderben würde. Es schmeckte in der Tat so abscheulich, dass der Papst befand, dieses "Bier" könne in der Fastenzeit getrost getrunken werden. Es sei schon Buße genug, überhaupt davon zu kosten. Das Starkbier erfreute sich bald einer ungeheuren Beliebtheit. Wirte brachten an ihren Schänken grüne Girlanden an - als Zeichen, dass die Fastenbier-Saison eröffnet war.

Schokolade.
Schokolade.  larisabozhikova/Fotolia.com

Schokolade bricht das Fasten nicht

Auch die Schokolade wurde auf die Liste der erlaubten Fastenspeisen gesetzt. Mönche und Nonnen stellten sie in Klöstern her. Lange Zeit war unsicher, ob Schokolade als Getränk oder festes Nahrungsmittel gelten sollte. Als Getränk wäre es in der Fastenzeit erlaubt, als Nahrungsmittel verboten. Im Jahr 1569 schickten die mexikanischen Bischöfe den Mönch Girolamo di San Vincenzo zu Papst Pius V. (1566-1572). Der Pontifex sollte entscheiden, ob das Getränk "Xocoatl" von der Frucht des Cacahatl in der Fastenzeit getrunken werden dürfe. Der Papst entschied daraufhin: "Potus iste non frangit jejunium" (Schokolade bricht das Fasten nicht).

Als es später gelang, Schokolade in fester Form herzustellen, kam es Anfang des 17. Jahrhunderts zu einem Glaubenskrieg zwischen Jesuiten und Dominikanern. Die Jesuiten befürworteten die Schokolade, die Dominikaner wollten sie während der Fastenzeit verbieten. Erst im Jahr 1662 beendete Kardinal Brancaccio - so der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti - die Querelen und entschied zu Gunsten der Schokolade.

"Drickes im Sack"

Es war allerdings nicht einfach, sich im Dschungel der Fastenverbote zurechtzufinden. Deshalb gab es in vielen Gegenden typische Fastenspeisen, etwa Milch- und Brotsuppen, Reibekuchen, Mehlknödel oder Kartoffelsalat. In der Gegend um Kempen-Krefeld kam "Drickes im Sack" - ein großer Hefekloß - auf den Tisch.

Der Volkskundler Berthold Heizmann beschreibt eine ganze Palette von Freitags- und Fastenspeisen: Kabeljau oder Schellfisch mit Kartoffeln und Buttersoße, Reibekuchen mit Gries- und Reisbrei, Pfannkuchen mit Kompott oder Kopfsalat, Salat, Kartoffeln und Spiegelei, Nudeln oder Mehlklöße mit Dörrpflaumen, Reis mit Apfelkompott, Hering mit Pellkartoffeln.

Kuschelemusch aus Köln

Regionale Fastenspeisen werden teilweise auch heute noch gern zubereitet - wenn auch unter anderen Vorzeichen. Galten sie früher als karges Mahl, feiern sie heute unter dem Deckmantel der Nostalgie und der Rückbesinnung aufs Bäuerlich-Ländliche fröhliche Urständ. Am Niederrhein gab es in der Fastenzeit öfter Mehlklöße mit Obst und einer weißen Soße. Die übrig gebliebenen Klöße wurden am Abend in Scheiben geschnitten und in der Pfanne gebraten. Im Raum Bonn kamen Nudeln mit Trockenpflaumen auf den Tisch.

"Eine Kölner Spezialität war das 'Kuschelemusch'", schreibt der Volkskundler Alois Döring. "Klipp- oder Stockfischreste vom Vortag wurden mit Kartoffeln vermischt und im Backofen gegart oder überbacken." In den Genuss einer Fischmahlzeit kam Anfang des vergangenen Jahrhunderts jedoch nur die Bevölkerung an Flüssen. Wer fernab fischreicher Gewässer lebte, musste wohl oder übel verzichten - oder auf den Fischverkäufer warten, der nur hin und wieder mal vorbei kam.

Von Margret Nußbaum

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