"Getroffene Hunde bellen"

Dass die Beziehung zwischen den Deutschen und ihrem Papst keine leichte ist, zeigte auch die Präsentation von Peter Seewalds "Letzten Gesprächen" mit Benedikt XVI. Erzbischof Gänswein legte den Finger in die Wunde.

Papst | München - 13.09.2016

Eines stellt der Autor Peter Seewald bei der Präsentation seines Interviews in München gleich zu Beginn klar: Nein, das Interview sei kein Brechen des Versprechens von Papst Benedikt XVI. gewesen, nach seinem Rücktritt verborgen vor den Augen der Welt zu leben. Es sei auch keine Korrektur der Vita Benedikts, vielmehr habe Peter Seewald selbst den 89-Jährigen überredet, die Gespräche noch zu dessen Lebzeiten zu veröffentlichen. "Er mischt sich nicht ein. Von daher kann man nicht sagen, er will jetzt nochmal gewissermaßen das letzte Wort haben", sagt Peter Seewald bei der Veranstaltung im Literaturhaus München.

Gerüchte widerlegt

Das letzte Wort vielleicht nicht, aber als einen Versuch des Geraderückens der Meinung über das Pontifikat von Benedikt kann man die Veröffentlichung schon bezeichnen. Einen berechtigten Anlass dazu gibt es zum Teil tatsächlich: Über die Umstände des Rücktritts wabern bis heute diverse Gerüchte durch die Öffentlichkeit. Der Papst sei zu diesem Schritt gezwungen worden, konnte man lesen, auch von einer Verschwörung im Vatikan war die Rede. Alles Quatsch, sagt Peter Seewald. Die Gerüchte habe man mit dem Buch jetzt widerlegen können. Im Buch betont der Papst, dass er sein Amt aus freien Stücken und ohne äußeren Druck aufgegeben hat. Sein Arzt hätte ihm transatlantische Flüge verboten, so Papst Benedikt im Interview, und das obwohl der Weltjugendtag in Rio auf ihn wartete.

Buchvorstellung Interviewbuch Seewald-Benedikt XVI. in München
Papst Benedikt XVI. im neuen Interviewbuch: "In Deutschland haben wir diesen etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten."
 privat/Johannes Reichart

Für die Kritiker bleibt das neue Buch trotzdem ein rotes Tuch. Der Münchner Jesuit Andreas Batlogg ist der Ansicht, Benedikt sei besser beraten gewesen, mit dem Tag seines Rücktritts definitiv Schluss zu machen. "Natürlich darf er seine Meinungen haben, aber die gehören aus meiner Sicht nicht in die Öffentlichkeit", so Batlogg. Damit bezieht er sich auf die Kritik des Pontifex Emeritus an den Strukturen der deutschen Kirche. Schon bei seiner Freiburger Rede im Rahmen seines Deutschlandbesuchs 2011 forderte das damalige Kirchenoberhaupt eine "Entweltlichung" der deutschen Kirche. Dieser Wunsch taucht auch jetzt im neuen Interviewbuch auf. Wörtlich sagt der Papst: "In Deutschland haben wir diesen etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten."

Schon letzte Woche wies der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Thomas Sternberg bei der Veröffentlichung des Buches die kritischen Zeilen empört zurück. Bei der Buchpräsentation in München springt Privatsekretär Georg Gänswein, der extra aus Rom für den Termin anreiste, dem Papst bei. Zur Kritik der deutschen Kirchenvertreter falle ihm nur eines ein: "getroffene Hunde bellen". Gänswein: "Es ist Ausdruck einer Sorge. Es geht nicht darum, dass er bissige Kritik üben will, sondern mit seiner Sorge eben aufrufen möchte, dass da wirklich etwas im Argen liegt und da muss etwas geändert werden."

Weniger Bürokratie, weniger Struktur, mehr Armut

Weniger Bürokratie, weniger Struktur, mehr Armut – das würde auch Papst Franziskus der deutschen Kirche mit auf den Weg geben, ist sich auch Peter Seewald sicher. Überhaupt müssten die Deutschen ihr Zerrbild vom emeritierten Papst korrigieren, so der bayerische Publizist und langjährige Papstkenner. Und in der Tat, im neuen Buch finden sich Seitenblicke auf Josef Ratzinger, die man nicht vermutet hätte. Peter Seewald, der nach "Salz der Erde", "Licht der Welt" und "Gott und die Welt" nun das vierte Interview mit Josef Ratzinger veröffentlicht, entlockt dem Papst zahlreiche emotionale Momente: Ein Papst, der anfängt zu weinen, als er beschreibt, wie er den Apostolischen Palast verlässt und ein Papst, der von seinem ersten und einzigen Jahr als Kaplan in München schwärmt – das Buch zeichnet das Bild eines Menschen, das nicht zum gefühlslosen Theologen passt, mit dem ihn manche heute immer noch beschreiben.

Benedikt XVI.: Wir waren Papst

Joseph Ratzinger war als Papst Benedikt XVI. acht Jahre lang das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Katholisch.de blickt in einem Dossier auf das Pontifikat des "deutschen Papstes" zurück.

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Dass er selber keine große Menschenkenntnis habe, gibt Benedikt im Buch offen zu, genauso wie seinen Hang zur Gutgläubigkeit im Umgang mit Mitmenschen. Heute, so erzählt Georg Gänswein, kann der Papst sich nur noch mit dem Rollator fort bewegen. Spaziergänge, Gespräche mit Besuchern und die tägliche heilige Messe – Benedikt spüre, dass die Kräfte nachließen, sagt Gänswein. Der Geist des emeritierten Papstes sei aber immer noch absolut klar. Benedikt gibt allen Bewohnern des Klosters Mater Ecclesiae sogar noch Impulse. Früher habe er für Hunderttausende, gar Millionen Ansprachen geschrieben, sagt Gänswein, "jetzt hingegen schreibt er Sonntag für Sonntag Predigten für vier oder fünf Leute, in seinem Klösterchem. - Es ist ihm ein gleiches."

"Diener Gottes und der Menschen", so hat Papst Franziskus seinen Vorgänger bezeichnet. Diesen Eindruck verstärken die "Letzten Gespräche" von Peter Seewald, der an Benedikts Biografie schreibt. So menschlich wie der emeritierte Papst darin aber herüberkommen mag, sein Pontifikat dürfte von manchen Deutschen auch weiterhin mit gemischten Gefühlen angesehen werden.

Linktipp: "Gott ohne Volk?"

Bekannt wurde Peter Seewald mit Büchern, in denen ihm Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., Rede und Antwort stand. Jetzt sprach Seewald mit dem Passauer Bischof Stefan Oster über Kirche und Glaube.

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Von Johannes Reichart

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