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"Kein Rohling für die Fleischindustrie"

Auch wenn sich der neue Hollywood-Film " Noah " nur noch wenig an die biblische Vorlage hält, stellt sich die Frage: Ist der Menschen tatsächlich eine Gefahr für den Planeten und stellt der biblische Urvater ein Vorreiter des Vegetarismus? Rainer Hagencord ist katholischer Priester, Biologe und Philosoph. Der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster spricht mit katholisch.de über biblische "Ratschläge" zum Umgang mit der Schöpfung und tatsächliche Bedrohungen.

Umwelt | Münster/Bonn - 08.04.2014

Auch wenn sich der neue Hollywood-Film " Noah " nur noch wenig an die biblische Vorlage hält, stellt sich die Frage: Ist der Menschen tatsächlich eine Gefahr für den Planeten und stellt der biblische Urvater ein Vorreiter des Vegetarismus? Rainer Hagencord ist katholischer Priester, Biologe und Philosoph. Der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster spricht mit katholisch.de über biblische "Ratschläge" zum Umgang mit der Schöpfung und tatsächliche Bedrohungen.

Frage: Herr Hagencord, der aktuelle Hollywood-Film "Noah" stellt die Menschheit als Gefahr für Gottes Schöpfung da. Wie beurteilen Sie das?

Hagencord: Die Geschichte um Noah hat durchaus Parallelen zu unserer gegenwärtigen Situation, denn die Erde ist tatsächlich in Gefahr. Schuld daran ist der unverantwortliche Lebensstil in den Industrienationen Europas sowie in den Vereinigten Staaten. Auch wenn man die aktuellen Entwicklungen damals nicht absehen konnte, war vielleicht bereits vor 3.000 Jahren klar, dass ein Geschöpf hier die Verantwortung zu tragen hat. Und das ist der Mensch.

Frage: Lehrt uns die "Noah"-Geschichte noch mehr?

Hagencord: Es heißt dort zum Beispiel, dass von jeder Tierart ein Paar mit an Bord der Arche sein soll und nicht nur die Tiere, die man nützlich oder hübsch findet. Dahinter steckt eine Botschaft: Damit der Planet überleben kann, braucht es alle Arten von Lebewesen. Das haben wir spätestens gelernt, seitdem durch das Einführen oder Ausrotten von Tierarten das ökologische Gleichgewicht in vielen Regionen aus der Balance geraten ist.

Frage: Gibt die Bibel noch mehr "Ratschläge" zum Thema Umweltschutz ?

Hagencord: Schon die erste Beschreibung des Menschen im Schöpfungsbericht der Genesis ist eine Einweisung in die Verantwortung für den Planeten. Der aktuelle Klimabericht zeigt aber, dass es um unseren Planeten nicht gut steht. Wenn der Mensch Ebenbild Gottes ist, so wie es die Heilige Schrift sagt, dann ist das auch eine Mahnung. Denn Gott ist Liebhaber jedes Lebens. Gerade der im vermeintlich christlichen Europa verwendete Begriff der "Würde" darf sich daher nicht allein auf den Menschen beziehen, sondern muss dringend erweitert werden.

Frage: Zugespitzt stehen sich im Film "Noah" die "guten Vegetarier" und die "bösen Fleischesser" gegenüber. Muss ich als Christ eigentlich Vegetarier sein?

Hagencord: Im Neuen Testament wird erst einmal deutlich, dass Jesus selbst kein Vegetarier war. Wir wissen aber beispielsweise aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, dass Fleischessen etwas Besonderes ist. Es berührt immer die Gottesbeziehung. Die Erzählung um "Noah" ist aber tatsächlich die erste biblische Geschichte, in der darüber nachgedacht wird, ob der Mensch die Tiere, die immerhin Mitgeschöpfe und auch Bündnispartner Gottes sind, essen darf. Es findet sich dazu folgende Textstelle: "Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen" (Gen 9,4). Das kann man als paradoxe Intervention deuten, da es Fleisch ohne Blut gar nicht gibt.

Rainer Hagencord ist Leiter des Institutes für Theologische Zoologie in Münster.  Tatjana Jentsch

Frage: Was bedeuten diese biblischen Geschichten für uns Menschen heute konkret?

Hagencord: Zumindest, dass wir über die Frage des Fleischessen nachdenken müssen. Wer die " Fleisch-Frage " stellt, stellt auch die "System-Frage". Denn 98 Prozent des Fleisches, das hier verkauft und gegessen wird, stammt aus industrieller Tierhaltung. Die ist nicht nur mit Blick auf die Tiere, sondern auch mit Blick auf das Klima oder das Grundwasser verantwortungslos. Und in der Dritten Welt müssen die Menschen Soja anbauen, mit dem hier die Tiere gefüttert werden. Es sprechen also mehr Argumente gegen den Fleischkonsum als dafür.

Frage: Sind Sie Vegetarier?

Hagencord: Ja.

Frage: Was kann ich denn tun, wenn ich nicht gänzlich auf Fleisch verzichten möchte?

Hagencord: Zuerst muss darüber nachgedacht werden, was ein Tier und sein Wesen überhaupt auszeichnet. Das ist übrigens auch Aufgabe der theologischen Zoologie. Es scheint oft so, dass es in unserer Gesellschaft nur noch zwei Arten von Tieren gibt: die eine, die wir mit Tierfutter verwöhnen und die andere, die wir zu solchem verarbeiten. Doch ist das Tier weder der bessere Mensch, noch ein "Rohling" für die Fleisch-, Eier- und Milchindustrie. Wenn ich nun Fleisch essen möchte, sollte ich mich in Zukunft nicht nur damit beschäftigen, wo mein Auto, sondern auch wo mein Putenschnitzel herkommt. Ich kann beim Biobauern einkaufen oder mich – wie früher üblich – auf den einen guten Sonntagsbraten beschränken.

Frage: Besteht nicht andererseits auch die Gefahr, das Tier zu sehr zu erhöhen? Immerhin bezeichnet die Bibel doch den Menschen als die Krone der Schöpfung.

Hagencord: Bei dem Begriff "Gefahr" zögere ich. Wenn ich mit dem Begriff der Würde argumentiere, dann kommt allen Lebewesen eine Würde zu. In dieser Weise begegne ich den Tieren respektvoll auf Augenhöhe. Der heilige Franziskus bezeichnet sie als "Geschwister". Und das ist keine sentimentale Deutung. Auch biologisch gesehen sind wir mit allen Lebewesen verwandt. Ich glaube, dass die biblischen Texte an vielen Stellen den Menschen vom Thron stoßen. Die Schöpfungserzählung läuft nicht auf den Menschen, sondern auf den Sabbat und damit auf Gott zu. Wir teilen uns mit den Tieren den sechsten Schöpfungstag. Wir unterscheiden uns vor allem durch die Verantwortung, die wir haben.

Frage: Wir befinden uns in der Fastenzeit. Da versuchen viele Menschen bewusster zu leben und unter anderem auf Fleisch zu verzichten. Reicht das?

Hagencord: Die Fastenzeit ist ja eine Zeit des Übens. Dazu kann ich mir die Fragen stellen: Bin ich respektvoll genug? Was sind mir andere Geschöpfe wert? Was kaufe ich ein? Was brauche ich? Essen ist kein Nebenthema und schon lange keine Privatsache mehr. Um nochmal auf die Bibel zurückzukommen: Gott ist Liebhaber des Lebens. Ich muss mir die Frage stellen, ob ich das Christsein als Gesamteinstellung zum Leben betrachte. Diesen Gedanken kann man auch über die Fastenzeit hinaus mitnehmen.

Das Interview führte Björn Odendahl

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