"Keine Oberpostbeamtin"

Die Papstreise nach Bosnien-Herzegowina hat ein altes Thema wieder auf die Agenda gebracht: die Marienerscheinungen von Medjugorje. Von der Kirche sind sie bisher nicht anerkannt. Und wenn es nach Franziskus geht, wird sich das künftig auch nicht ändern.

Vatikan | Rom - 09.06.2015

Hier spricht durch Papst Franziskus der Jesuit Jorge Mario Bergoglio: Erneut hat sich der 78-Jährige am Dienstag skeptisch gegenüber Privatoffenbarungen geäußert. Maria sei keine Botin, die an bestimmte Seher zu bestimmten Tageszeiten Botschaften übermittele, sagte er bei seiner Frühmesse in Santa Marta. "Das ist nicht christliche Identität". Das letzte Wort Gottes heiße Jesus - "und nichts darüber hinaus". Beobachter werten diese Worte als Reaktion auf die Diskussion über angebliche Marienerscheinungen im herzegowinischen Medjugorje seit 1981; sie waren am Rand des Papstbesuchs am Wochenende zur Sprache gekommen.

Noch deutlicher war Franziskus bereits im November 2013 geworden, als er sagte: "Maria ist doch eine Mutter, die uns alle liebt, und keine Oberpostbeamtin, die uns täglich Botschaften schickt!" Marienerscheinungen werden seit dem 18. Jahrhundert zu den "Privatoffenbarungen" gezählt. Als solche werfen sie theologische Probleme auf - da Gottes Offenbarung nach kirchlicher Lehre mit dem Tod des letzten Apostels an ihr Ende gekommen ist.

Das kirchliche Lehramt trennt daher scharf zwischen Offenbarung und Privatoffenbarungen. Letztere können die ursprüngliche Offenbarung nur in Erinnerung rufen, erklären oder aktualisieren. Laut Weltkatechismus steht es jedem Katholiken frei, an solche Privatoffenbarungen zu glauben oder nicht - auch wenn die Kirche sie als gesichert ansieht. Das gilt etwa auch für das südfranzösische Lourdes, den Marienort schlechthin. Dort soll der Schafhirtin Bernadette Soubirous 1858 insgesamt 18 mal Maria als die "Unbefleckte Empfängnis" erschienen sein.

Lourdes als Schema aller nachfolgenden Erscheinungen

Kritiker wie der britische Historiker David Blackbourn sehen in Lourdes eine Art Schema aller nachfolgenden Erscheinungen: eine einfältige Seherin aus dem Volk, geprägt durch Armut, Krankheit, Vernachlässigung und rohe Behandlung durch Eltern und Umwelt; Mitteilung einer frommen Botschaft, Heilwasser und Bau eines Heiligtums (Quelle und Kapelle); Ablehnung durch den Pfarrer und die Zivilbehörden, Berichte von Wunderheilungen und schließlich die Errichtung eines offiziellen kirchlichen Kults.

Pilger an dem Ort der Marienerscheinung in Medjugorje.
Obwohl der Marienwallfahrtsort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina kirchlich nicht anerkannt ist, zieht er jährlich Tausende Gläubige an.
 KNA

Marienerscheinungen konkurrieren in der Volksfrömmigkeit mit den sogenannten Gnadenbildern, bei denen sich um ein Bild oder eine Statue der Muttergottes eine Wallfahrtsstätte entwickelt. Erste Berichte über Marienerscheinungen lassen sich bis ins frühe Christentum zurückverfolgen. Bereits im Jahr 41 soll Maria dem heiligen Jakobus auf einer Säule erschienen sein, während er in Spanien missioniert habe. Das Mittelalter hindurch blieb der typische Marien-Visionär männlich, erwachsen, zumeist Kleriker.

Erst relativ spät setzte sich das moderne Erscheinungsbild durch: Mädchen aus dem einfachen Volk sind die "Auserwählten", Hirten zumeist, der Ort einsam gelegen in Wald und Flur. Beispiele sind das Alpendorf La Salette 1846, das Pyrenäendorf Lourdes 1858 oder das saarländische Marpingen 1876. Experten sehen die Erscheinungen in zeitlichem Zusammenhang mit wirtschaftlichen und politischen Krisen: Hungersnöten, Cholera, Missernten. Eine Häufung gebe es in den 1860er und 1870er Jahren, im Ersten Weltkrieg oder dem Krisenjahr 1933.

Nur die wenigsten Erscheinungen kirchlich anerkannt

Ihre Zahl geht europaweit in die Hunderte, mit Spitzen in den katholischen Ländern Italien und Frankreich. Aber auch aus Lateinamerika, Afrika und Asien gibt es einschlägige Berichte. Dennoch erlangten nur die wenigsten Erscheinungen eine kirchliche Approbation. In Frankreich waren es La Salette, Lourdes (1862) und Pontmain (1871). Mit ihnen wurde die Proklamation des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis von 1854 vorbereitet beziehungsweise besiegelt. Zugleich gelang es den Bischöfen, die regelrechte Marien-Welle allmählich zu kanalisieren - etwa durch die Gründung von Marienkongregationen.

1930 wurden die Visionen von drei Hirtenkindern 1917 im portugiesischen Fatima kirchlich anerkannt; bald darauf die belgischen Erscheinungen von Beauraing 1932 und Banneux 1933. Sie alle ähneln dem Ablauf von Lourdes. Seitdem ist keiner weiteren Erscheinung die offizielle Genehmigung zuteilgeworden. Ein besonderer Fall ist Medjugorje. Hier dauern die angeblichen Erscheinungen nach Darstellung der Seher seit 1981 bis heute an; ein endgültiges Urteil durch den Vatikan steht noch aus.

Hintergrund: "Die Marienwelle"

Marienerscheinungen werden seit dem 18. Jahrhundert zu den "Privatoffenbarungen" gezählt. Als solche werfen sie große theologische Probleme auf, da Gottes Offenbarung nach klassischer Lehre mit dem Tod des letzten Apostels an ihr Ende gekommen ist.

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Von Alexander Brüggemann (KNA)

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