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Kirche anders denken

Christsein in den Alltag integrieren, neue Formen von Kirche wagen - dafür steht die Bewegung "Fresh Expressions of Church". Maria Herrmann ist Referentin des Projekts "Kirche²", das solche Impulse aufgreift. Im Interview spricht sie über die vielfältigen Formen, Kirche zu sein und zu bleiben.

Mission | Hildesheim - 08.10.2015

Christsein in den Alltag integrieren, neue Formen von Kirche wagen - dafür stehen die "Fresh Expressions of Church". Eine Bewegung, die es in England bereits seit rund 20 Jahren gibt und die in verschiedene Milieus und Kontexte hinein wirkt. Seither gibt es dort Gemeinden mit Skatern und Surfern, Hundebesitzern und Pubgängern, Künstlern und Kindern. Maria Herrmann ist Referentin des ökumenischen Projekts "Kirche²" im Bistum Hildesheim, das Impulse der "Fresh Expressions" aufgreift. Im katholisch.de-Interview spricht sie über die vielfältigen Formen, Kirche zu sein und zu bleiben.

Frage: Frau Herrmann, was genau steckt hinter Kirche²?

Herrmann: Kirche² ist ein ökumenisches Projekt des Bistums Hildesheim und der Landeskirche Hannovers, das 2013 aus einem Kongress über die Zukunft der Kirche hervorgegangen ist. Seither hat sich Kirche² zu einer größeren Bewegung entwickelt, die sich von den "Fresh Expressions" und ähnlichen Bewegungen und Aufbrüchen in Deutschland und weltweit inspirieren lässt.

Frage: Ist es Zufall, dass gerade das Bistum Hildesheim sich in einem solchen Projekt engagiert?

Herrmann: Das Bistum Hildesheim liegt in der tiefsten Diaspora. Etwa 600.000 Katholiken leben hier auf einer Fläche von fast ganz Niedersachsen. Das ist nicht viel. Kirche, vor allem die katholische, ist hier mittlerweile so fremd, dass man sie wieder ins Spiel bringen kann, ohne Abwehrreaktionen hervor zu bringen. Schon seit 15 Jahren sucht das Bistum daher unter dem Stichwort "lokale Kirchenentwicklung" nach neuen Formen, Kirche zu sein und Kirche zu bleiben.

Frage: Was heißt das konkret?

Herrmann: Wir schauen uns die Gegebenheiten vor Ort an und fragen: Was heißt Kirche in einer Familienbildungsstätte oder in einer Schule? Was bedeutet Kirche sein in Buxtehude, wenn es 80 Kilometer drum herum keinen Pfarrer mehr gibt? Diese Fragen münden sehr klar in einem geistlichen Prozess, der das Charisma der Menschen und der Gemeinden vor Ort wahrnimmt.

Maria Herrmann ist Referentin im Fachbereich Missionarische Seelsorge im Bistum Hildesheim und ist zuständig für das ökumenische Projekt Kirche².
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Frage: Welche Aufgabe übernimmt dabei Kirche²?

Herrmann: Wir bieten Kurse an, die auf den Gründerkursen der Anglikaner basieren. Ein Jahr lang begleiten wir - ähnlich wie in einem VHS-Kurs - Menschen, die etwas Neues gründen oder Bestehendes neu überdenken möchten. Das kann eine klassische Gemeinde sein, eine Jugendkirche oder eine Hochschulgemeinde. Wir geben konkrete Hilfestellung, vermitteln Ansprechpartner, entwickeln Exerzitien. Um eine Gemeindegründung zu begleiten oder zu entwickeln, braucht man nicht nur Professionalität und gutes Projektmanagement, sondern auch geistliche Begleitung. Wir stellen uns da bewusst auf beide Füße.

Frage: Wer nimmt an den Kursen teil?

Herrmann: Es sind Männer und Frauen zwischen 30 und 65 Jahren. Die Gruppen bestehen zu gleichen Teilen aus Katholiken und Protestanten, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. Sie kommen aus unterschiedlichen Kontexten, spüren aber alle, dass sie mehr wollen, als Kirche ihnen bietet. Sie überlegen gemeinsam, was sie verändern können. Oft hört man die Frage: Dürfen die das? Aber in dem Moment, wo man diese Frage nicht mehr stellt und im Vertrauen mit diesen Leuten weitergeht, stellt man fest, dass es gar nicht um die große Revolution geht.

Frage: Sondern?

Herrmann: Es geht darum, die Dinge neu zu überdenken. Ich selbst bin in der Diaspora aufgewachsen, habe Theologie studiert und dann gemerkt, es gibt in dieser Kirche keinen Job für mich, weil ich da nicht reinpasse. Ich hätte mich sehr verbiegen müssen und habe mich daher beruflich umorientiert. Jetzt lerne ich, dass meine Fragen gut waren und dass sie der Kirche gut tun können. Es geht nicht um Themen, wie Frauenordination oder Zölibat, sondern um Fragen wie: Warum muss ich in der Kirche Lieder singen, die ich privat niemals singen würde? Oder: Warum beharrt die Kirche auf 10-Uhr-Gottesdiensten?

Frage: Und Kirche² geht es darum, Gemeinden zu initiieren, die das anders machen?

Herrmann: So einfach ist es nicht. Wir schicken die Menschen nicht mit Beamer, Band und Lichtshow zum Gottesdienst und dann kommen 300 Leute. Eine Teilnehmerin kam mit dem Wunsch zu uns, etwas Neues in ihrem privaten Umfeld zu beginnen. Das hat nicht funktioniert. Stattdessen konzentriert sie sich jetzt auf die Klinik, in der sie mit vielen unterschiedlichen Menschen zusammenarbeitet und versucht mit ihnen herauszufinden, was Christsein in diesem Krankenhaus bedeuten kann. Eine weitere Teilnehmerin tanzt für ihr Leben gerne. Ihre Freunde aus der Tanzschule, haben mit den Leuten aus ihrer Ortsgemeinde aber nichts gemein. Deshalb hat sie begonnen, Fragen über Gott und Gemeinde in ihren Tanzkreis hineinzutragen.

Frage: Das heißt man braucht Geduld?

Herrmann: Ja, es geht erst einmal um die Basics. Die Erfahrung der Engländer zeigt, dass es mindestens sieben Jahre dauert, etwas Neues zu schaffen, zehn Jahre bis man es erkennt. Und wir sind jetzt erst zwei Jahre unterwegs. In den Kursen entwickeln wir eine Achtsamkeit für das, was möglich ist, nehmen eine neue Haltung ein und stellen fest, was das Wesentliche ist und wie man es neu ausrichten kann.

Linktipp: Gott am Ring

"Kirche muss raus aus den Kirchengebäuden", sagt Theologieprofessor Martin Lörsch. Die Kirche müsse stattdessen an Orte gehen, wo das Leben pulsiert. Katholisch.de hat sich angeschaut, wie Seelsorge an ungewöhnlichen Orten konkret aussehen kann.

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Frage: Und was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?

Herrmann: Mein großer Wunsch ist, sensibel dafür zu werden, dass wir jetzt schon eine Kirche der Vielfalt sind und dass wir voneinander lernen können. Warum soll Kirche gleichförmig sein, wenn wir so viele Milieus und Kontexte haben. In England funktioniert das ganz gut. Da werden Menschen einer Gemeinde entsandt, um in einem anderen Stadtteil unter anderen Gegebenheiten etwas anderes aufzubauen.

Frage: Und das geht in Deutschland nicht?

Herrmann: Hier heißt es immer: Ihr nehmt uns die Leute weg. Das ärgert zum Beispiel die Jugendkirchen. Sie sollen Jugendliche anwerben, um sie dann wieder in ihre Ortsgemeinde zu schicken - am besten an Zählsonntagen. Dort sollen sie sich wieder an bestehende Strukturen anpassen. Eine Gemeinde kann und muss nicht für alle da sein. Es ist gut, dass es zehn Kilometer weiter etwas anderes gibt, was andere Leute anspricht. Was ist das für ein Kirchenbild, wenn man davon ausgeht, dass sich Gemeinden gegenseitig jemanden wegnehmen können?!

Frage: Kirche in Deutschland braucht also eine neue Haltung...

Herrmann: Vor allem eine positivere. Es gibt sehr vieles, was gut läuft. Wenn ich zum Beispiel das Engagement für Flüchtlinge sehe, bin ich unglaublich dankbar und froh. Wir machen da etwas richtig gut und die Flüchtlinge führen uns vor Augen, dass wir eine Mission haben: zu heilen, zu helfen und Leben zu teilen. Sie zeigen uns, dass wir Kirche von ihrer Mission, ihre Sendung her denken sollten.

Zur Person

Maria Herrmann ist Referentin im Fachbereich Missionarische Seelsorge im Bistum Hildesheim und verantwortlich für das ökumenische Projekt Kirche². Während und nach dem Studium der Katholischen Theologie in Würzburg und Salamanca/Spanien war sie selbstständig im Bereich Webdesign und Social Media. Derzeit promoviert sie zu dem Thema: "Perspektiven einer Mission-Shaped Church zur Entwicklung einer prophetischen Grammatik im Diskurs kontextueller Ekklesiogenesen".

Von Janina Mogendorf

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