Kirche strebt Führungsrolle bei Kinderschutz an

Aus ihrem eigenen Versagen beim Thema Missbrauch will die katholische Kirche lernen. Das machte der Papst bei einem Kongress in Rom deutlich. Gleichzeitig stellte er aber Forderungen an Internetkonzerne.

Internet | Rom - 06.10.2017

Katholische Kirche und Kinderschutz - wer diese beiden Begriffe hört, denkt vermutlich zuerst an die Fälle von sexuellem Missbrauch durch Kleriker, die in den vergangenen Jahren bekannt wurden. Lange Zeit hatte man das Thema in den eigenen Reihen tabuisiert und vertuscht. Mittlerweile zeigt sich die Kirche jedoch sensibilisiert und bemüht sich, eine internationale Führungsrolle beim Schutz von Kindern einzunehmen. So war die päpstliche Universität Gregoriana, an der schon vor einigen Jahren ein Kinderschutzzentrum eingerichtet wurde, in dieser Woche Gastgeberin eines internationalen Kongresses über die "Würde von Kindern in der digitalen Welt".

Die Tagung brachte Politiker, Diplomaten und Wissenschaftler, Branchenvertreter der Internetindustrie und Kirchenleute aus zahlreichen Ländern der Erde zusammen. Am Freitag ging die Konferenz mit einer Audienz bei Papst Franziskus zu Ende. Franziskus sagte in seiner Ansprache, die Kirche habe in den vergangenen Jahren ihr eigenes Versagen in diesem Bereich erkannt. "Gerade (...) als Resultat dieser schmerzhaften Erfahrungen und der Fähigkeiten, die in dem Prozess der Umkehr und Reinigung erworben wurden, fühlt sich die Kirche heute besonders verpflichtet, sich energisch und vorausschauend für den Schutz von Kindern und ihrer Würde einzusetzen", so der Papst.

Veränderte Erwartung an die Sexualität

Das Internet biete viele Chancen und Vorteile, aber auch zahlreiche Gefahren und Risiken für Kinder und Jugendliche, so der Tenor des Kongresses. So seien 93 Prozent der Jungen unter 18 Jahren in den USA über das Internet bereits mit Pornografie in Berührung gekommen, wie der amerikanische Neurologe Donald Hilton berichtete. Pornografische Inhalte seien heute meist die erste sexuelle Erfahrung. Das verändere die Erwartungen an Sexualität.

Vor allem Mädchen und junge Frauen fänden es schwer, mit diesen Erwartungen zu konkurrieren. Die US-Psychologin Mary Anne Layden erklärte, die Internetpornografie sei inzwischen zu einer "Lernumgebung" für Jugendliche geworden. Diese erwecke nicht zuletzt den Eindruck, Gewalt sei ein selbstverständlicher Teil von Sexualität - nach dem Motto: "Violence is sexy".

Papst Franziskus während der Generalaudienz auf dem Petersplatz im Vatikan am 22. März 2017.
Die Kirche fühle sich heute besonders verpflichtet, "sich energisch und vorausschauend für den Schutz von Kindern und ihrer Würde einzusetzen", sagte Papst Franziskus.
 Paul Haring/CNS Photo/KNA

Ein weiteres Phänomen, das bei der Tagung immer wieder zur Sprache kam, war das unter Jugendlichen weit verbreitete "Sexting". Jugendliche schicken sich per Smartphone gegenseitig sexualisierte Bilder, die immer wieder auch in die Hände Dritter geraten. Etwa als sogenannter "revenge porn": Nach dem Bruch einer Beziehung veröffentlicht einer von beiden Partnern sexuell explizite Bilder oder Videos des anderen, um sich an ihm zu rächen. Offensichtlich seien solche Bilder für viele Nutzer reizvoller als normale Pornografie mit dem gleichen Inhalt, so der Hamburger Sexualforscher Arne Dekker. Bilder, von denen man annehme, dass sie unfreiwillig verbreitetet wurden, würden von den Konsumenten anders wahrgenommen.

Für etwas Optimismus sorgte der amerikanische Soziologe David Finkelhor. In der Pädagogik gebe es Programme, die auf einen besseren Umgang mit neuen Medien abzielten und nachgewiesenermaßen funktionierten. Erfolgreiche Programme seien in der Lage, Kindern und Jugendlichen wichtige Fähigkeiten zu vermitteln: Den richtigen Umgang mit den eigenen Gefühlen und Impulsen, die Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen, Konflikte zu lösen, Hilfe bei Freunden und Erwachsenen zu suchen, anderen beizustehen - und vor allem: Nein zu sagen.

Industrie setzt auf technische Lösungen gegen Missbrauch im Netz

Die Industrie setzt unterdessen vor allem auf technische Lösungen, wie die Vorträge von Jacqueline Beauchere, Sicherheitsverantwortliche von Microsoft, und ihrer Kollegin Antigone Davis von Facebook deutlich machten. So hat Microsoft die Software "PhotoDNA" entwickelt, mit der sich kinderpornografische Bilder im Internet aufspüren und blockieren lassen.

Zum Abschluss des Kongresses einigten sich die Teilnehmer auf eine gemeinsame Erklärung, die auch dem Papst präsentiert wurde. Darin fordern sie Regierungen, Firmen, Institutionen und Glaubensgemeinschaften weltweit auf, sich stärker des Themas anzunehmen. Der Kampf gegen Missbrauch und für den Schutz von Kindern im Netz müsse intensiver und besser koordiniert werden.

Von Benjamin Leven (KNA)

Papst verlangt von Internetkonzernen Investition in Kinderschutz

Internetkonzerne sollen nach Worten von Papst Franziskus einen "angemessenen Teil ihrer großen Profite" für den Schutz Minderjähriger investieren. Dazu seien Unternehmen verpflichtet, die Millionen Menschen mit Social Media und mit immer leistungsfähigerer, schnellerer und überall verfügbarer Software ausstatteten, sagte der Papst zum Abschluss des Kongresses. Mit besseren Filtern und verfeinerten Algorithmen zur Identifizierung und Blockierung missbräuchlicher Inhalte allein sei es jedoch nicht getan. Alle, die am technologischen Wachstum beteiligt seien, müssten auch die damit verbundenen ethischen Fragen in aller Breite angehen. (KNA)

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